„Die Sängerin macht immer Miau Miau.“ Das sagt eine Mutter zu ihrer vielleicht siebenjährigen Tochter. Beide tragen Jeansjacken. Beide voller Aufnäher. So viel Bandlogo auf so wenig Denim bekommt man außerhalb von Metalkonzerten eigentlich nur noch auf alten Fotos aus den Achtzigern zu sehen. Die Kleine lacht. Die Mutter macht noch mal: „Miau Miau.“ Das Mädchen lacht wieder. Jennifer Haben, Sängerin von Beyond the Black, würde wahrscheinlich mitlachen. Es ist kurz nach elf. Der Bus zurück ins Tal ist voll. Natürlich ist er voll. Alle wollen gleichzeitig heim. Alle riechen ein bisschen nach Grill, ein bisschen nach Bier und ziemlich viel nach Konzert. Honberg Sommer halt.
Der Honberg funktioniert wie ein kleines Paralleluniversum.
Ein paar Stunden vorher sah das alles noch sehr unspektakulär aus. Regen vorbei. Asphalt trocken. Also rein in den Shuttlebus. Eher: gemeinsam hineingefaltet werden. Persönliche Distanz endet ungefähr an der Bushaltestelle. Danach ist man einfach Publikum. Der Honberg funktioniert wie ein kleines Paralleluniversum. Oben Biergarten. Daneben Zelt. Dazwischen Würste. Alkoholfreies Bier. Französische Waffeln! Menschen mit langen Haaren. Menschen ohne Haare. Menschen mit Kutten. Menschen mit Shirts. Rund 900 heute beim Konzert.

Metalfans erkennen sich nicht am Gesicht. Sie lesen t-Shirts. „Testament.“ Okay. „Vanish.“ Aha. „Rammstein.“ Nun ja.
Um Punkt acht stehen Vanish auf der Bühne. Die Band rund um Sänger Bastian Rose kommt aus dem Großraum Stuttgart. Seit Jahren unterwegs. Handwerklich tadellos. Zwei Gitarren, die genau wissen, was sie tun. Bass. Schlagzeug. Druck. Alles richtig. Intonation? Perfekt. Eigentlich alles da. Man fragt sich, wieso Vanish eine der Bands ist, die immer dazwischen hängen: Der große Erfolg will nicht kommen, aber fürs Jugendhaus um die Ecke ist man seit Jahren dann doch um einiges zu groß. An der Professionalität liegt es sicherlich nicht. Man hört und sieht alles. Vielleicht ist es wieder einmal der „Pull Me Under“-Effekt. Dieser eine Song, der plötzlich alles verändert. Ein Refrain oder ein Solo. Ein Moment, der sich am nächsten Morgen noch meldet. Das ist fast ein bisschen ungerecht. Man hofft, dass die Jungs diesen einen, genialen Augenblick noch finden. Verdient hätten sie es allemal. Nach 35 Minuten gibt’s ein großes Tschüss.
Und die Bühne verschwindet hinter einem riesigen Beyond-the-Black-Vorhang. Roadies verschwinden. Kabel verschwinden. Gitarren verschwinden auch. Rock’n’Roll besteht erstaunlich oft aus Menschen, die Stecker umstecken. Dann plötzlich: „Paint It Black“. Ein Song, der zuverlässig ankündigt, dass gleich etwas Größeres passiert. Vorhang runter. „Break the Silence“.
Natürlich steht sie vorne. Da gehört sie hin.
Und ab da gibt es eigentlich keine Einleitung mehr. Nur noch Show. Jennifer Haben steht vorne. Natürlich steht sie vorne. Da gehört sie hin. Alles ist auf sie ausgerichtet. Licht. Band. Bewegungen. Selbst ihre Pausen wirken choreografiert. Keine Kritik: Feststellung. Beyond the Black sind eine Maschine. Eine sehr gut geölte.
Einer größeren Hörerschaft wurden Beyond the Black durch den Auftritt der Sängerin Jennifer Haben in der erfolgreichen Musikinterpretationsshow „Sing meinen Song“ auf VOX bekannt. Das war 2019. Gegründet schon 2014, fanden die zunächst fünf Musiker schnell ein begeistertes Publikum in der Szene, die sich um Bands wie Within Temptation oder entfernt auch die moderneren Nightwish schart. Und Wacken. Selbstverständlich Wacken. Sechs Alben haben sie mittlerweile veröffentlicht.

„Heart of a Hurricane“, „Songs of Love and Death“, „Let There Be Rain“ – das sind Songs, die sich gar nicht erst schämen, groß sein zu wollen. Hymnen. Chöre. Keyboards, die irgendwo existieren müssen, aber auf der Bühne nicht auftauchen. Backgroundstimmen ebenfalls eher hör- als sichtbar.
Früher hätte man darüber wahrscheinlich stundenlang gestritten. Playback. Samples. Heute nennt man es Produktion. Und zuckt mit den Schultern. Das Publikum übrigens auch. Es singt. Es klatscht. Es hebt die Hände. Die Videoleinwand untermalt, mal mit Farben, mal mit Aufnahmen von Bergen, die man irgendwo in Mittelerde findet.
Beyond the Black haben im Songwriting keine Angst vor Effekten und Stilbrüchen.
Woran erkennt man eigentlich ein gutes Konzert?
Halb elf. Jennifer bedankt sich. „In the Shadows.“ Das soll das letzte Lied sein. Das glaubt natürlich niemand. Zugaben gehören heute ungefähr so selbstverständlich zu Konzerten wie ein Nachspann zu Marvel-Filmen. Also kommen sie wieder. Drei Songs. Noch einmal alles. Noch einmal Hände. Noch einmal Handykameras. Noch einmal große Gefühle. „Hallelujah“, dann das Abschlussfoto. Alle glücklich.
Woran erkennt man eigentlich ein gutes Konzert? Nicht an der Setlist. Nicht am letzten Ton. Sondern am Merchandising-Stand. Wenn dort drei Schlangen stehen, hat die Band irgendetwas richtig gemacht. Natürlich gibt es trotzdem Diskussionen. „Fast ein bisschen zu perfekt“, sagt einer im Nirvana-Shirt. Kann man so sehen.
Im Biergarten läuft inzwischen „Welcome to the Jungle“. Die Menschen bleiben. Sie reden. Über Gitarren. Über Setlists. Über die Vorband. Über nächste Woche. „Gotthard?“ „Klar.“
Im Bus erzählt einer, dass er eigentlich nur wegen seiner Freundin da war. Jetzt hat er ein Shirt gekauft. Aktuell trägt er noch eins von „Electric Callboy“. Ironischer wird der Abend heute nicht mehr. Und ist das nicht ohnehin das Schönste an solchen Konzerten? Nicht das letzte Solo. Nicht die letzte Zugabe. Sondern dieser Bus voller Leute, die längst nach Hause fahren und trotzdem noch nicht fertig sind mit dem Abend.