So kurz vor sechzig ist er vielleicht. Vielleicht aber auch erst vierzig, und das Leben hatte einfach andere Pläne. Netto-Tüte über der Schulter. Das Handylicht ersetzt die Straßenlaterne. Er steht vor einer Mülltonne auf dem Bürgerturmplatz in Ebingen und sucht Pfandflaschen. Die Menschen schauen durch ihn hindurch. Auch die Jungen. Die Dewy Lilies spielen auf der Bühne. Journey läuft. Er atmet schwer. Aus den Boxen: Don’t Stop Believin‘. Ja, passt.

Die Dewy Lilies. Wiederholungstäter auf dieser Bühne.

Verena gehört zu diesen Sängerinnen, denen nach jedem Auftritt irgendjemand erklärt, wie gut sie singen können. Als hätte sie das noch nie gehört. Sollte sie irgendwann einmal einfach nur noch „Stimmt.“ antworten, wäre das keine Arroganz. Sondern Statistik.

Natürlich spielen sie U2. Natürlich Prince. Natürlich diesen Robbie Williams, den jede Coverband irgendwann einmal als Weltkulturerbe anmeldet. Geschenkt. Aber dann plötzlich Rage Against The Machine. Beastie Boys (heute ohne Kerry King). Sachen, bei denen man kurz denkt: Ach guck. Die trauen sich ja wirklich.

Bittebittebitte nicht. Niemals.

Das unterscheidet die mittlerweile nicht mehr ganz so frischen Lilien (immerhin schon 19 Jahre) von irgendwelchen dahergelaufenen Partybands.

Verspielt euch. Gerne sogar mehrfach. Lasst den Hall komplett eskalieren. Lasst mal einen Einsatz liegen. Spielt Songs, die nicht jeder erkennt. Lasst Leute einfach mal zuhören, statt ständig Mitmachzirkus zu veranstalten. Alles gut. Nur kein Playback. Bittebittebitte nicht. Niemals.

Die Musik ist sowieso nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte sind die Menschen.

Dieses Wiedersehen. Dieses „Ach DU bist auch da.“ Die liebe Bekannte, die bis heute nicht versteht, wie ein ganzes Bundesland freiwillig schwäbisch sprechen kann. Der Kollege, der nach einer beschissenen Woche bei den Beastie Boys plötzlich wieder grinst, weil Urlaub näher ist als Montag. „Fight for Your Right!“

Dann regnet es. Dann noch einmal. Und trotzdem bleiben die fünfhundert Leute einfach da. Das ist vielleicht die ehrlichste Bewertung, die ein Konzert bekommen kann.

Ein schöner Abend in Albstadt. Wirklich.

Und ich hoffe sehr, dass die Netto-Tüte morgen genug hergibt, damit Don’t Stop Believin‘ nicht bloß eine Songzeile bleibt.

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