Es ist Dienstagabend. Morgen müssen Leute arbeiten. In der Domäne in Hechingen interessiert das gerade niemanden. Es ist Live-Sommer und niemand von den rund 500 Menschen hat im Moment mehr als diesen Chorus im Kopf. „Lick It Up“. Vier Männer stehen auf der kleinen, rund 6 oder 7 Meter breiten Bühne, als hätte jemand die Zeitmaschine falsch bedient. Schwarzes Leder, Plateauschuhe, Make-up, Funkenpyro und eine Nebelmaschine im Dauereinsatz.

Die Kiss Tribute Band ist aus der Nähe von Frankfurt angereist. Tribute bedeutet: Man spielt nicht einfach die Songs einer anderen Band. Man zieht sich deren Kostüme an, schminkt sich, nimmt deren Rollen an und versucht, möglichst überzeugend so zu tun, als wäre man jemand, der man nicht ist. Was, wenn man darüber nachdenkt, eigentlich eine ziemlich gute Beschreibung von Rock ’n’ Roll insgesamt ist.

Nach zwei Stunden KISS sieht auch KISS ein bisschen anders aus. Das Make-up hält. Irgendwie. Der Rest ist Rock ’n’ Roll.

KISS sind also da. Alles eine Nummer kleiner. Aber sicherlich nicht mit weniger Liebe. Gene Simmons, im echten Leben Daniel Neckien, spuckt Feuer, streckt die Zunge raus und schaut sehr böse. Immer wieder. Das gehört zum Beruf. Während Ulric Wurschy als Paul Stanley mit freiem Oberkörper den Showman spielt. Seit 2009 gibt es die Band. Es gab Besetzungswechsel. Manche sind geblieben. So wie beim Original. Nur dass beim Original inzwischen auch nicht mehr alle Originale Originale sind. Aber das führt jetzt zu weit.

Wenn schon Tribute, dann richtig.

Es läuft „Hotter Than Hell“. Die vier Herren sprechen konsequent Englisch. „How do you say? Heschingen?“ Heschingen. Das ist schon mal gut. Neben mir erzählt jemand, dass er das gleichnamige Album damals in „ganz fettem Vinyl um drei Mark“ gebraucht gekauft hat. Er ist mit KISS aufgewachsen. Wie die meisten hier.

„I Love It Loud“ rumpelt durch den Domäne-Biergarten. Der Sound kämpft ab und an ein bisschen mit sich selbst. Der mehrstimmige Gesang funktioniert erstaunlich gut. Die Nebelmaschine arbeitet inzwischen wahrscheinlich im Akkord.

Drei Frauen in der Menge haben sich selbst als KISS verkleidet. Das ist konsequent. Wenn schon Tribute, dann richtig.

Der Blick von der Bühne ins Publikum. Rund 500 Menschen. Drei Paar Plateauschuhe. Und kein einziger Gedanke an den morgigen Arbeitstag.

Marco aus Mössingen ist selbst Musiker, heute aber nur KISS-Fan. „Die Tributejungs haben echt gute Moves. Fast wie die Echten. Also fast.“ Das ist wahrscheinlich die angemessenste Bewertung des Abends. Fast. Das Publikum klatscht, als gäbe es kein Morgen. Als wäre es nicht unter der Woche.

Bei „God Gave Rock ’n’ Roll to You“ singt praktisch der ganze Domäne Biergarten mit. Und der liebe Fast-Paul flirtet mit den Menschen. Er erzählt. Er fragt. Er macht weiter. KISS sind nicht dafür bekannt, frühzeitig zu merken, wann etwas eigentlich schon genug ist. Das Publikum ist damit einverstanden. Es gibt ein Basssolo. Dann ein Schlagzeugsolo. Dann noch mehr KISS. Gitarrensolo? Auch.

Die drei KISS-Mädels im Publikum flippen aus.

Finale: „Black Diamond“. Ein Schlusslauf. Noch einer. Ausklingen lassen. Noch ein Schlagzeugschlenker. Noch eine Gitarre. Man denkt: Jetzt ist wirklich Schluss. Nein. Noch einmal. Die KISS-Tribute-Band braucht gefühlt Stunden, um den Song zu beenden. Sie stehen ihren Heroen in dieser Hinsicht wirklich in nichts nach.

Zugabe. „Detroit Rock City“. Und plötzlich ist der Strom weg. Die Bühne dunkel. Kurze Ratlosigkeit. „We start again.“ Natürlich tun sie das.

„I Was Made for Lovin’ You“. Die drei KISS-Mädels im Publikum flippen aus.

Und zum Schluss dann „I Wanna Rock ’n’ Roll All Nite“. Das funktioniert natürlich auch. Publikumsbeteiligung bei KISS ist ungefähr so selbstverständlich wie Luft atmen. Irgendwann wird sogar noch die „Schwäbsche Eisebahn“ angestimmt. Die Leute lachen. Und klatschen mit. Die letzten Worte kommen aber auf Hessisch. „An gudda Herr Nachbar.“

22 Uhr. Feierabend. Aber nicht für die vier Männer von der Bühne. Die bleiben noch. Fotos. Gespräche. Hände schütteln. Wer ein Bild möchte, bekommt ein Bild. Wirklich jede und jeder.

Am Ende war das heute vielleicht ein ganz anderer Trick: Nicht so zu tun, als wäre man KISS. Sondern dafür zu sorgen, dass für ein paar Stunden 500 Menschen so tun, als wäre heute nicht Dienstag.

Rock ’n’ Roll ist, wenn drei Männer auf einer Bühne stehen und jeder genau weiß, welche Körperhaltung er jetzt einnehmen muss.