Früher war das Tinder. Also dieses: Wischen. Hoffen. Enttäuschung. Oder eben nicht. Manchmal wurde daraus eine Nacht, manchmal eine Beziehung und manchmal nur jemand, der bei deinem Netflix-Account „mitgeguckt“ hat. Heute macht das eine KI. Natürlich. Die vier Jungs von ¡TILT! haben ChatGPT gefragt, wo sie unbedingt einmal spielen sollten. ChatGPT, höflich wie immer, sagt: Balingen. Und man möchte kurz lachen. Weil: Klar. Balingen. Was sonst?
Ein Bandname übrigens, bei dem vermutlich jeder Schriftsetzer kurz kündigen möchte.
Und dann stehen da am Donnerstagabend auf einmal knapp 1800 Menschen auf dem Marktplatz. Und verlieben sich. Nicht alle gleichzeitig. Aber schon ziemlich viele. In diese Band aus Goslar, die aussieht, als wäre sie irgendwo zwischen Indie-Playlist, Proberaum und Festivalbühne falsch abgebogen und dabei zufällig genau richtig angekommen.

Es ist Tag zwei des Kultursommers. Waren gestern noch die Zydeco Playboys im Auftrag des Akkordeons unterwegs. Louisiana mitten auf der Schwäbischen Alb. Und heute nun vier Typen mit Gitarre und Songs, die sich irgendwo zwischen Pop, Rock und „Moment mal, kenne ich das nicht?“ bewegen. Ein Bandname übrigens, bei dem vermutlich jeder Schriftsetzer kurz kündigen möchte. ¡TILT! Mit umgedrehtem Ausrufezeichen. Kann man machen.
Grundsätzlich ist das Festivalkonzept eines, das sich mittlerweile deutschlandweit bewährt hat: Es ist Sommer. Man stellt eine Bühne auf. Bestellt Foodtrucks. Organisiert Bier. Betet. Vor allem für trockenes Wetter. Dann kommen Menschen. Wenn alles gut läuft, sogar viele. Balingen macht das inzwischen zum achtzehnten Mal. Und zwar so, dass andere Städte vermutlich heimlich mitschreiben, aber es dennoch nicht so gut hinbekommen.
Europa-Tour, ZDF-Fernsehgarten, sechsstellige Streamingzahlen.
Zurück zu ¡TILT!. Sie machen heute Musik für Menschen, die sich nicht zwischen Rockclub und Indie-Disco entscheiden wollen. Gitarren, Falsett, Vollgas. Und während andere Bands ihre Familien lieber aus dem Proberaum und vor allem von den Aftershow-Partys fernhalten, holen sie den Vater gleich an den Bass. Das muss man sich auch erst mal trauen. Funktioniert aber: Europa-Tour, ZDF-Fernsehgarten, sechsstellige Streamingzahlen. Und irgendwann klingelt Stevie Salas an der Tür. Der Mann, der schon mit Mick Jagger oder Rod Stewart gearbeitet hat. Pop ist manchmal eben doch dieses kleine Dorf, in dem plötzlich alle jeden kennen.

Auf der Bühne wird munter gemischt. Cover. Eigener Song. Cover. Eigener Song. „Maschin“ von Bilderbuch. „Wir sind Overdrive“ von ¡TILT!. Und irgendwann hört man auf, den Unterschied überhaupt noch zu suchen. Genau das ist vermutlich der Trick. Man singt dann einfach bei allem mit.
Natürlich funktionieren „Carbonara“ und „Major Tom“. Tun sie immer. Das Publikum nimmt sie dankbar mit. Genau wie „Du trägst keine Liebe in dir“. Echt? Aber dann Kraftklub. „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“. Dann Jan Delay. Und man merkt: Die haben sich auch bei ihren Coversongs tatsächlich etwas gedacht. Wie angenehm. Das ist inzwischen fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Publikum? Macht mit. Es wird getanzt. Es wird gesungen. Es wird gehüpft. Natürlich wird gehüpft. Schließlich ist das hier offiziell ein Rockkonzert. Alter egal.
Und dann ist es 22 Uhr. Ein Elend. Schon drei Stunden vorbei, das Licht an, der Merch raus und mit einem T-Shirt nach Hause.
Und dieses Gefühl bleibt. Bei vielen. Möglicherweise hatte ChatGPT tatsächlich recht. Möglicherweise war, nein ist, Balingen wirklich die richtige Antwort. Und vielleicht war das heute eben kein One-Night-Stand. Sondern der Anfang von „etwas Festem“.
