Es ist einer dieser leichten Sommerabende. Tagsüber drückend, abends erlösend. Die Luft hat aufgehört, gegen einen zu arbeiten, und irgendwo zwischen Bühne und erster Publikumsreihe dreht ein Rollstuhl leichte Kreise um sich selbst. Rund acht Meter Raum. Acht Meter, die gerade niemand wirklich braucht, aber die beruhigend großzügig wirken. Der Bass wummert exakt so, wie er muss. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Genau richtig.

Der Mann im Rollstuhl tanzt zu „Billie Jean“ von Michael Jackson. Auf Rädern. Live gespielt ein Stück, das komplexer ist, als man aufs erste Hören vermuten möchte. Auf der Bühne stehen heute Bounded Blue.

Man hofft, dass es nicht schneit.

Wir sind beim „Band-Sommer“ der Stadt Albstadt auf dem Bürgerturmplatz. Freitagabend. Ein vorletztes Mal wird heute die Innenstadt belebt. Das Konzept ist, bei näherer Betrachtung, erstaunlich eindeutig: Man stellt eine Empore hin. Dazu eine Musikanlage. Zwei erfahrene Techniker, Uwe Sessler und Konstantin Greger. Man hofft, dass es nicht schneit. Und dann lässt man Künstler auftreten. Bevorzugt solche, die aus dem Einzugsgebiet stammen und damit im Zweifel auch wieder nach Hause finden.

Die Band spielt. Die Menschen hören zu. Und irgendwann hält sich jemand nicht mehr an die unausgesprochene Regel, dass man auf einem Albstädter Sommerabend bitte einigermaßen kontrolliert tanzen sollte. Bezaubernd.

14 Sponsoren ließen sich dafür in diesem Jahr gewinnen. Hinter uns liegen 4 Konzertabende, ein zusätzlicher mit einer Big Band, zweimal Afterwork mit DJs und dazu zwei Sonntage, an denen Kids im Mittelpunkt standen. Mit Hüpfburg, Irgendwas-anmalen und sonstigen, bunten Kinderdingen.

Die Hände heute jedenfalls eher an der relaxten Weißweinschorle als in der Luft.

Rund 450 Menschen füllen heute kurz nach acht den Platz. Größtenteils 40 plus. Wenn man diejenigen mitzählt, die einkaufend über den Platz schlendern, mögen es zeitweise ein paar mehr sein. „Valerie“ von Amy Winehouse lässt den Gang über den versiegelten Boden sofort leichter werden. Zum Getränkestand. Zum Tisch. Zum Freund und zur Freundin. Zum nächsten Getränkestand.

Auf der Bühne stehen derweil keine Amateure, die sich einmal die Woche bei der VHS zum Instrumentenunterricht treffen. Zu siebt schütteln sie gefühlt alles, was Pop, Funk und Soul ausmacht, aus dem Ärmel. Beziehungsweise aus dem Noten-iPad. Ein leichtes „Like the Way I Do“ von Melissa Etheridge trifft auf ein lockeres „Time After Time“ aus dem Hause Lauper. „Wenn die noch am Leben wäre und das hören könnte“, meint jemand. Wen er allerdings damit meint, bleibt ungewiss. Die Hände heute jedenfalls eher an der relaxten Weißweinschorle als in der Luft.

Bounded Blue können das mit der Musik. Und zwar ziemlich gut. In der Mitte Carla Frick, daneben eine Handvoll Profimusiker, die vermutlich auch dann noch wissen, wo die Eins ist, wenn ringsum längst niemand mehr weiß, welcher Song eigentlich gerade kommt.

Arno Haas am Saxophon legt neben fast unwirklichen Soli auch so manchen Untergrund. Gemeinsam mit Schlagzeuger Alex Neher und Bassist Stefan Knauss. Philipp Tress an der Gitarre versteht sein Wirken weniger als Guitar Hero denn als Arbeiter im Sinne des Ensembles. Man hört hier Menschen, die offensichtlich ihr Handwerk beherrschen. Menschen, die vermutlich schon so lange Musik machen, dass sie nicht mehr darüber nachdenken müssen, wann sie einsetzen. Sie machen es einfach. Ob sie überhaupt noch gemeinsam üben müssen? Professionelle Musiker. Die können sowas auch blind. Wobei man schon bemerkt, dass Wolfgang Fischer am Piano, mittlerweile mehr Albstädter als Bisinger, so etwas wie der Steuermann ist, der das Schiff auf sicherer See hält. Und dann sind da noch Carla Frick am Mikro und Michael Sisto, der neben der Singerei auch ab und an eine Gitarre umschnallt. Talent. Natürlich. Aber auch unglaublich viel Fleiß und Übung bekommt man hier zu hören.

Denn sie können es. Sie können es offensichtlich.

Spätestens bei „Don’t Stop Believin’“ von Journey, auf das sich immer und überall die unterschiedlichsten Genres bemerkenswert schnell einigen können, wird klar, dass eigentlich noch viel mehr gehen würde. Hier ein Solo, dort ein Schnörkel. Aber nein: Sie ordnen sich den Bedarfen der Band und des Songs unter. Kein Musiker muss beweisen, dass er gerade der wichtigste Mensch auf dem Platz ist. Niemand muss aus „Every Breath You Take“ plötzlich eine Jazzrock-Selbstverwirklichung machen. Man könnte sagen: Sie spielen die Musik. Und lassen sie dabei weitgehend in Ruhe.

Nicht ein Riff von Black Sabbath oder eine wilde Tanzeinlage sind heute das Highlight. Vielmehr ein wirklich außergewöhnlich souliges „Can’t Get You Out of My Head“ von Kylie Minogue. Bei aller Perfektion möchte man plötzlich mehr davon. Mehr Mut. Mehr solche Überraschungen. Mehr Songs, bei denen man kurz denkt: Moment, was machen die denn jetzt? Denn sie können es. Sie können es offensichtlich.

„Ohne Dich“ von der Münchener Freiheit ist das letzte Lied. Die Reihen im Publikum haben sich gelichtet. Schläft Albstadt so früh? Dafür stehen die Menschen näher an der Bühne.

Von oben sieht man, was man unten leicht vergisst: Der Band-Sommer ist kein Rockfestival. Er ist ein Sommerabend, zu dem ziemlich viele Menschen gleichzeitig beschlossen haben, nicht zu Hause zu bleiben.

„Angels“ als Zugabe, kurz nach halb elf. Die Musiker schmunzeln ob der Publikumspartizipation. Dann Feierabend und Abbau. Die Bühne wird wieder zur schnöden Empore, auf der nichts mehr steht. Die Kabel verschwinden. Die Instrumente verschwinden. Nur die Menschen bleiben noch. Ein bisschen. „Wir gehen noch ins Corso. Ihr?“ „Ins Carlos oder zur Evi ins Valentino.“ „Wie ist’s denn mittlerweile im Trödler, also: im Irish Pub?“ Man kennt sich. Man weiß, wo man hingeht. Und wenn man nicht weiß, wo man hingeht, weiß man zumindest, wen man fragen kann. Die Szene löst sich auf.

„Da müssen wir halt mal noch schwätzen.“

„Es ist wie heimkommen“, sagt Walter Schneider. Im Herzen Albstädter geblieben, lebt er mittlerweile in der Schweiz und stand vor einer Woche selbst auf den heiligen Brettern des Band-Sommers. Dieses Wochenende ist er mit der Familie angereist. Heimgereist.

Morgen zum Abschluss dann noch Partymucke wie die letzten Jahre von „No Change“. Und dann war’s das mit dem Band-Sommer in Albstadt dieses Jahr. Ob es eine Wiederholung gibt? Dominique Brandt, einer der Köpfe hinter der Veranstaltung, lächelt. „Da müssen wir halt mal noch schwätzen.“