Heavy Metal ist Liebe: 3 Tage RV-Bang in Balingen
Man erkennt ein Metalfestival manchmal nicht an den Gitarren. Sondern an der Bäckerei. Marco ist 25. Vielleicht auch 27. Spielt keine Rolle. Eher 1,90 als 1,80. Zauseliger Bart, zorniger Blick, freundliche Stimme. Sehr lange, dunkelbraune Haare. Kein Shirt. Es ist schließlich Sommer in der Stadt. Lediglich eine ärmellose Kutte über der behaarten Brust. „Venom“ steht hinten drauf. Eine Band, die man kannte, als Marco selbst noch eher ein Plan war. Er bestellt 12 Schrippen. Schrippen! Die Verkäuferin strahlt, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Danach eine Frau mit langen blonden Haaren, einem Cowboyhut, Lederminirock und Ketten am Saum, als gälte es, 101 Dalmatiner auszuführen. Englisch. Leichter slawischer Akzent. Kauft gleich ganze Brote. Vor der Tür wird diskutiert. Der eigentliche „Holy Ground“ sei ja Wacken. Balingen? Nein. Doch irgendwie schon. Weil das hier mit dem alten Bang Your Head angeblich gar nichts mehr zu tun habe. Und genau deshalb viel besser sei.

So beginnen gute Festivals. Nicht mit einem Gitarrenriff. Sondern mit Menschen. Das RV-Bang geht in seine dritte Runde. Vergangenes Jahr musste sich diese Veranstaltung noch erklären. Dieses Jahr erklärt niemandem mehr irgendetwas. Es ist einfach da.
Man sieht das schon an der Schlange. Sie reicht fast bis rüber zur „Be“. Menschen in Schwarz, in Kutten, mit Kinderwagen, Sonnenbrillen und erstaunlich guter Laune. Der Vorverkauf lief besser denn je, sagt Alexander „Atschi“ Bartsch. Man glaubt ihm aufs Wort. Man muss eigentlich nur kurz stehen bleiben und sich umsehen. Donnerstagabend. Die Warm-up-Party findet diesmal gleich draußen auf der großen Bühne statt. Heute mit rund 3000 Menschen. Dreitausend beim Warm-Up! Die Halle übernimmt die Nachtschicht. Aftershow. DJ. Manowar aus den Boxen. Wie letztes Jahr. Wie wahrscheinlich in hundert Jahren noch. Auf der Bühne sind heute Five O Seven, Motorjesus, die beeindruckend agilen und aus Schweden stammenden Enforcer und schließlich Omnium Gatherum. Man liest in vielen Augen: „Endlich wieder da.“ Und es beginnt etwas, das offiziell Festival heißt. Und sich drei Tage lang anfühlt wie eine ziemlich laute Kleinstadt mit knapp 5000 Einwohnern.
Freitagmorgen. Zehn Uhr. Die Sonne macht schon wieder Überstunden. Vor der Bühne stehen vielleicht hundert Leute. Für jedes andere Festival wäre das unerquicklich wenig. Für ein Metalfestival um zehn Uhr morgens ist es praktisch Rushhour. Tales of Valor eröffnen den Tag. Regionaler Act. Heimspiel. Danach Cave. Danach Snow White Blood. Symphonic Metal. Viel Pathos. Viel Melodie. Irgendwo zwischen Märchenwald und Weltuntergang. Sängerin Sarah ruft „RV!“, das Publikum antwortet „Bang!“. Funktioniert sofort. Manche Dinge muss man eben nicht erklären.

Aus Schweden kommen Ambush. Natürlich aus Schweden. Irgendwann entsteht der Eindruck, als würden dort entweder Kinderbücher geschrieben oder Heavy Metal produziert. Dazwischen scheint nicht viel Platz zu sein. Enforcer stehen später noch einmal auf der Bühne. Anderes Set. Gleiche Energie. Mystic Prophecy widmen „Eye to Eye“ einer ganz bestimmten Person. Mehr wird nicht verraten. Das Publikum akzeptiert auch das. Ein bisschen Geheimnis schadet keinem Konzert.
„Nur nette Menschen.“
Dann H.E.A.T. Hardrock in einer Ausführung, die vermutlich irgendwo zwischen Haarspray, Stadionrock und Dauergrinsen erfunden wurde. Enge Spandexhosen. Gitarren. Ein Sänger, der offenbar beschlossen hat, gleichzeitig überall auf der Bühne zu sein. Kurz vor Schluss schleichen sich ein paar Takte „War Pigs“ von Black Sabbath ein. So etwas nennt man wahrscheinlich Fanservice. Oder Liebeserklärung.
Daniela kommt vorbei. Sie erzählt nicht zuerst von Bands. Nicht von Lieblingsplatten. Nicht von Gitarrensoli. Sondern davon, dass sie vor gut zwanzig Jahren selbst zum ersten Mal hier war. Damals noch als Besucherin. Heute wieder. Mit ihren Kindern. Sechs und acht Jahre alt. Sie laufen über denselben Platz, über den ihre Mutter schon lief, als Handys noch Antennen hatten. „Vor allem die Szene“, sagt sie. „Nur nette Menschen.“ Es ist einer dieser Sätze, die auf jedem anderen Festival wie Werbung klingen würden. Hier glaubt man ihn sofort. Vielleicht ist Heavy Metal tatsächlich vererbbar. Nicht über Gene. Sondern über Sommer. Über Erinnerungen. Über das Gefühl, jedes Jahr denselben Ort wiederzufinden, obwohl sich längst alles verändert hat.

Bühne: Orden Ogan. Powermetal aus dem Sauerland. Dafür können sie nichts. Zum Glück. Sebastian Levermann redet fast so viel wie er singt. Das Publikum liebt es. Irgendwann ruft der ganze Platz „Gunmääään“. Luftschlangen fliegen durch die warme Abendluft. Männer mit Masken auf der Bühne. Irgendwo spielt gleichzeitig Karaoke. Irgendwo sucht jemand seine Freunde. Irgendwo beschließt genau jetzt jemand, nächstes Jahr wiederzukommen. Gemacht für Erinnerungen.
Schenker steht da. Weißes Gesicht. Erdrückender Hut.
Headliner! Michael Schenker kommt. Ein Name, bei dem die einen sofort anfangen, Gitarrenriffs im Kopf zu hören, während die anderen kurz überlegen, wo sie das noch einmal gehört haben. Vermutlich genau so muss es sein, wenn man seit Jahren Musikgeschichte mitgeschrieben hat. An diesem Abend spielt Schenker vor allem aus seiner U.F.O.-Zeit. Damals. Vor fünfzig Jahren. Ein Zeitraum, in dem manche Bands gegründet, aufgelöst und wieder gegründet wurden. Manche Karrieren beendet wurden. Manche Frisuren auch.
Schenker steht da. Weißes Gesicht. Erdrückender Hut. Die Meinungen sind geteilt. Zu weich, sagen die einen. Zu alt, sagen andere. Genau richtig, sagen die, die eigentlich nur froh sind, dass dieser Mann überhaupt noch dort steht. Und dann: Die ersten Töne von „Doctor Doctor“ kommen. Die Diskussion ist plötzlich egal. Ausnahmslos alle sind da.
Punkt 23 Uhr ist Schluss. Aber niemand geht. Nicht wirklich. Ein paar verschwinden Richtung Halle. Manche holen ein neues Getränk. Viele bleiben einfach stehen. Reden. Erzählen. Erinnern sich.

Andrea und Bernd aus Mannheim tragen Ratt-Shirts. „Ich war ja damals beim Bang Your Head 2005 dabei.“ Kurzes Raunen. Anerkennendes Nicken. Das Jahr mit dem großen Unwetter. Eine dieser Geschichten, die in der Szene nicht erzählt werden müssen, weil sie jeder kennt. Sie sind nach Balingen zurückgekommen, weil ihnen alle vorgeschwärmt haben. Nicht wegen einer bestimmten Band. Wegen der Menschen. „Die Bands sind nicht unbedingt unser Ding“, sagen sie. „Aber die Leute hier sind toll.“ Schon wieder die Leute. Immer wieder die Leute. Vielleicht ist das RV-Bang gar kein Festival mit Menschen. Vielleicht ist es ein Treffen von Menschen, bei dem zufällig Bands spielen.
Sängerin Steffi Stuber schreit alle an, und alle finden’s toll.
Samstag. Die Sonne steht hoch. Der Asphalt flimmert. Das DRK wartet. Die Bühne wartet. Und irgendwo singt gerade ein Mann, der aussieht, als hätte Ozzy Osbourne einen Cousin geschickt, beim Karaoke „I Don’t Know“.
Zuerst Mad Era und Broken Fate. Dann kehren Mission in Black kurz durch. Sie kommen aus Ulm. Sängerin Steffi Stuber schreit alle an, und alle finden’s toll. Danach Destinity.
Das „RV-Bang“ ist das Nachfolgefestival des legendären „Bang Your Head!!!“. Gestartet 1996, groß geworden ab 1999 in Balingen. Ein Treffpunkt für 10.000 bis 20.000 Fans, ein Heimspiel für donnernde Riffs. Motörhead, Twisted Sister, Journey oder Slayer standen hier einst auf der Bühne. Letzte Ausgabe: 2019. Dann kam Corona – und jetzt seit 2024 das RVBang, das sich anschickt, mehr als nur ein würdiger Nachfolger zu werden.
Der DRK-Ortsverein Balingen ist immer 20 Helferinnen und Helfern vor Ort. „Die Leute kommen mit Wespenstichen und wegen der Hitze“, hört man. „Aber wirklich gar nichts Dramatisches. Wenn’s nur immer so ruhig wäre wie hier.“ Insgesamt arbeiten 340 Helferinnen und Helfer und 64 Security-Kräfte. Ein koordinativer Kraftakt.
Zurück zur Bühne. Oberbürgermeister Abel mit seinem Bürgermeister-Kollegen Verrengia. Das stand so aber nicht in der Running Order. Und sie singen. Nicht zwingend schön, nicht unbedingt textsicher. Aber umso enthusiastischer: „Fear of the Dark“. Das Publikum nickt anerkennend: Das würde sicher kein anderer Bürgermeister der Region so hinbekommen.
Es folgen Lacrimas Profundere mit Aushilfsbasser. Das Kinderland ist voll, die Händlermeile gut besucht. Die Freiluftdusche erfreut sich an dem heißen Tag größter Beliebtheit, und dann kommt auch schon die Meldung: offiziell ausverkauft. 4999 Menschen auf dem Platz.

Peter trägt seinen Sombrero. Natürlich trägt Peter seinen Sombrero. Eigentlich braucht Peter kein Namensschild. Ein wirklich großer Sombrero auf einem Metalfestival ist ausreichend. Er kommt aus Berlin, lebt inzwischen in Pforzheim und kennt Balingen seit Jahren. „Die Bands hier sind ja sowas von egal“, sagt auch er. Ein Satz, der auf einem Musikfestival eigentlich verboten gehört. Und gerade deshalb wohl stimmt. „Die sind zwar toll. Aber sie müssten gar nicht spielen.“ Das RV-Bang, sagt er, könne inzwischen mehr als das alte Festival. Mehr als ein Nachfolger. Etwas Eigenes.
„Ich habe Rücken“
Nebenan gibt Gerre von Tankard Autogramme. Er sagt einen Satz, der eigentlich auf ein Festival-Shirt gedruckt gehört: „Heavy Metal ist Liebe.“ Man könnte darüber lachen. Wenn man nicht drei Tage lang gesehen hätte, dass es stimmt. Zwischen Bierbarians, Seifenblasen und Plastikbechern wird klar: Diese Szene hat verstanden, dass älter werden nicht bedeutet, aufzuhören. Es bedeutet nur, dass inzwischen die eigenen Kinder danebenstehen.
Rage bringen das Lingua Mortis Orchestra mit. Streicher. Bläser. Eine Bühne voller Menschen. Sänger Peavy sitzt. „Ich habe Rücken“, sagt er gequält. Auch Heavy-Metal-Helden haben also Rücken. Das Konzert ist groß. Laut. Dramatisch. Ein Orchester mitten im Metal lange bevor Metallica überhaupt auf die Idee dazu kamen. Rage beweisen, dass diese Musik gleichzeitig brachial und verletzlich sein kann: „From the Cradle to the Grave“.
Neuerung in diesem Jahr war das Cashless-System. Guter Gedanke mit einigen Rucklern. Einiges läuft noch nicht gerade, und viele werden später mit Bechern nach Hause gehen, weil die Pfandrückgabe nicht funktioniert. „Dann tauscht ihr die Becher halt nächstes Jahr um.“ Deal!
Dann Sonata Arctica. Finnland. Nicht Schweden. Drama. Pathos. Melancholie. Ein aufblasbares Kreuz. Weltschmerz mit E-Gitarren.

Jetzt wird es laut. Sehr laut.
Schlussendlich dann Headliner Overkill. Jetzt wird es laut. Sehr laut. Thrash Metal aus New York. Eine Band, die länger existiert als manche Besucher alt sind. Sänger Blitz steht auf der Bühne wie jemand, der eigentlich längst kürzertreten müsste, aber davon noch nichts wissen will. Die Stimme ist da. Die Energie ist da. Der Wille sowieso. Zwischendurch verschwindet er hinter der Bühne. Kraft tanken. Kurz Luft holen. Sauerstoffmaske. Dann wieder zurück. „In Union We Stand“ natürlich. Dann noch das obligatorische „Fuck you“. Natürlich. Und irgendwann ist wirklich Schluss. Fast. Denn noch einmal passiert das, was dieses Festival inzwischen ausmacht: Die Menschen gehen nicht sofort. Sie bleiben. Noch ein Gespräch. Noch ein Bier. Noch eine Erinnerung. In der Halle läuft Manowar. Natürlich Manowar. „Carry On“. Natürlich „Carry On“.
Und während draußen langsam Ruhe einkehrt, ist klar: Die Bands waren groß. Aber sie waren nur der Soundtrack. Die eigentliche Geschichte spielte sich dazwischen ab. In einer kleinen Stadt aus 4999 Menschen, die drei Tage lang irgendwo zwischen Messehalle, Bierstand und Bühne entstanden ist. Tickets für das Festival 2027 gibt es schon zu kaufen und gehen wohl weg wie geschnitten Brot. „Viele Bands sind schon gebucht, und wenn wir ehrlich sind, denken wir bereits jetzt an 2028“, hört man.

Im Tunnel, während man zum Auto läuft, pfeift jemand „We’re Not Gonna Take It“. Zwei stimmen ein. Dann noch einer. Niemand dirigiert. Niemand hat dazu aufgerufen. Niemand muss erklären, warum. Und plötzlich versteht man: RV Bang heißt heimkommen.
Dieser Artikel ist erschien:
Am 12.07.2026 in der SÜDWEST PRESSE und am
am 13.07.2026 im Schwarzwälder Boten.