„Happy Birthday to you.“ Zweitausendsiebenhundert Menschen singen einem Schlagzeuger ein Geburtstagslied. Nicht in Kopenhagen. Nicht auf Wacken. Balingen. Natürlich Balingen. Der Schlagzeuger der dänischen Band Pretty Maids, Allan Tschicaja, feiert seinen Geburtstag. Irgendwas „Mitte 50 oder so“ wird er. Und das eben mitten in Balingen. Beim diesjährigen „Rock-Tag“ des Marktplatz Open Airs. Seine Pretty Maids sind Headliner.

2700 Menschen auf einem Marktplatz, der sonst eher weiß, wo der Wochenmarkt steht als wo die Welt beginnt. Dazwischen Schwarz in allen Abstufungen, Bewegung, Stimmen, Hitze. Und darüber der Kirchturm, als hätte jemand vergessen, ihn aus dem Bild zu nehmen. Vielleicht ist es genau das: hier ist nichts inszeniert, sondern einfach gleichzeitig – Sommer, Balingen, Heavy Metal.

Ja, ist denn schon RV-Bang?

Schon um 17 Uhr gehen die Türen auf. Im Gegensatz zu den anderen drei Festivaltagen ist heute nicht Beige mit Türkis state of the art. Der adäquate Dresscode ist Schwarz. Schwarz als Mehrheitsmeinung. Auch gerne in verschiedenen Schattierungen. Tiefschwarz. Ausgeblichenes Schwarz. Bandshirt-Schwarz. Kutten-Schwarz. In der „Rock-City“ Balingen kennt man das bereits. „Ja, ist denn schon RV-Bang?“, hört man es mit dem Verweis auf die Heavy-Metal-Festival-Tradition im Städtle immer wieder auf dem Platz. „Nene, erst nächste Woche.“ Das hier ist sozusagen das Warm-up. Die Generalprobe. Und das bei strahlendem Sonnenschein.

Axxis eröffnet den Festivaltag. Die ewigen Axxis. Aus der Region Dortmund stammend und irgendwann 1988 gegründet, war die Band rund um den tratschigen Sänger Bernhard Weiß schon oft im Süden zu Gast. So oft, dass man sich überlegen könnte, ob sich das mit einer Eigentumswohnung nicht lohnen könnte. Heimspielpotenzial. Anfang der 90er haben sie bereits vor 300 Menschen in Nusplingen gespielt. Und heute, knapp 40 Jahre später, wollen sie immer noch nicht in Rente. Bands wie diese altern nicht. Sie wechseln höchstens Gitarrenkabel. Die Stimme trägt immer noch erstaunlich weit. Und rüstig ist man auf der Bühne allemal. Nur zwischen den Songs klingt manchmal ein anderer Sound mit. Einer, der von „verbundenen Flaschendeckeln“ erzählt und davon, dass früher alles besser gewesen sei. Man hört zu. Man verdreht vielleicht kurz die Augen. Und dann kommt „Living in a World“, kurz darauf „Kingdom of the Night“, und auf einmal erinnert man sich wieder daran, warum diese Band seit Jahrzehnten funktioniert. Rockmusik kann ziemlich verzeihen. Auch einem grummeligen Onkel nach dem fünften Bier bei der Familienfeier.

„Ohne die Jungs von Pretty Maids hätte ich das nicht geschafft.“

Von den soften Def Leppard bis hin zu den thrashigen Exodus sieht man alle möglichen Aufnäher auf den Jacken der Besucherinnen und Besucher. Einer mit Slayer-Patch steht am Bühneneingang und spielt mit Polizisten und Sanitätskräften „Krokodil-Wackelzahn“. Dieser Plastikmund mit den Zähnen, bei dem irgendwann einer zuschnappt. Absurd, wenn man davon erzählt. Ganz normal, wenn man dabei zusieht.

Dann Eclipse. Elf Alben. Schweden. Präzision. Gitarren, die sich gegenseitig antreiben. Mehrstimmige Refrains. Melodien, die genau wissen, wie groß sie sein dürfen, ohne kitschig zu werden. Alles sitzt. Fast alles. Nur die kratzenden Potis einer Gitarre wollen heute nicht so recht mitspielen. Ein Detail. Eines von diesen Details, die wahrscheinlich nur Musiker und Menschen bemerken, die zu lange selbst neben Mischpulten gestanden haben. Sänger und Gitarrist Erik Mårtensson feiert mit dem Publikum „Only the Good Die Young“. „Anthem“. Dazwischen ein kurzer Ausflug zu „House of the Rising Sun“. Und dann natürlich „Viva la Victoria“. Dieser Song ist Geschenk und Last zugleich. Der Hit, den alle lieben. Der Hit, auf den alle warten. Und der gleichzeitig alles andere überschattet. Die Menge singt sofort mit. Fast ein bisschen lauter als die Band. Für einen Moment gehört der Refrain nicht mehr Eclipse. Sondern Balingen.

„Ohne die Jungs von Pretty Maids hätte ich das nicht geschafft.“ Das sagt Roland in der Pause. Er ist Mitte 50, kommt aus Straßberg und ist so etwas wie ein Rockphilosoph. Fast alle Großen hat er live gesehen. Die meisten Kleinen auch. Wir reden über alte Zeiten, über Konzerte und übers Älterwerden. Darüber, dass Heavy Metal mehr als Musik ist. Ein Lebensgefühl. Über seinen Herzinfarkt und über die Tochter, die am Wochenende Abifeier hat. Und nicht darüber, wie schön es mal war, sondern wie schön es ist. Auch das ist Metal.

„Back to Back“ trifft das Publikum wie ein alter Freund.

Dann das Intro. „I did not have sexual relations with that woman.“ Bill Clinton. Ein Satz aus einer anderen Zeit. Und schon stehen Pretty Maids auf der Bühne: mit „Mother of All Lies“. Seit Anfang der Achtziger ist die Band rund um Sänger Ronnie Atkins und Gitarrist Ken Hammer unterwegs. Gestern noch in Barcelona. Das Leben dieser Bands spielt sich in Nightlinern, Hotels und Backstage-Räumen ab, während die Leute sie immer nur für zwei Stunden sieht. In intensiven Fachdiskussionen wird immer noch darüber gestritten, ob sie den Power Metal nur mitgestaltet oder sogar erfunden haben. Sie waren eine der ersten Bands, die das damals oft verpönte Keyboard offen in ihre Songs integrierten. Ohne Kraft zu verlieren.

Ein Mann am Mikrofon, der eigentlich längst in die Kategorie „Legende“ rutscht, sich dort aber nicht hinsetzt. Ronnie Atkins singt, als wäre jedes Lied eine erneute Verabredung mit dem eigenen Trotz. Der Körper erzählt leise, die Stimme hält dagegen. Und irgendwo zwischen Krebsdiagnose, 1984 und diesem Moment in Balingen passiert etwas, das man so niemals planen kann.

„Back to Back“ trifft das Publikum wie ein alter Freund. Alle drängen noch ein wenig intensiver nach vorne. Von ihrem ersten kompletten Studioalbum „Red, Hot and Heavy“ aus dem Jahr 1984. Kein bisschen Strahlkraft verloren. Es wird heute ein wilder Ritt durch sämtliche Hits der Combo: „Life Is a Rodeo“, „Yellow Rain“, „Little Drops of Heaven“. Mal laut und fordernd. Mal intensiv. Aber auch balladesk. Lieder, die älter geworden sind, ohne alt zu klingen.

With a Little Help from My Friends.

Die Stimme von Ronnie Atkins hält gut. Nicht pausenlos, nicht den ganzen Abend. Nicht fehlerfrei. Nicht mühelos. Aber mit einer Entschlossenheit, die größer ist als jede perfekte Gesangslinie. Mit Hilfe seiner Band funktioniert das. With a Little Help from My Friends. Sie schaffen Räume. Sie tragen. Sie fangen auf. Musik ist genau das. Nicht jeder für sich. Sondern alle füreinander. Ronnie Atkins singt gegen etwas an, gegen das man eigentlich nicht ansingt. Krebs im vierten Stadium. Bronchialkarzinom. So ein Satz verändert einen Konzertabend. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob der hohe Ton sitzt. Oder ob „Needles in the Dark“ heute schneller gespielt wird als 1987. Es geht darum, dass da einer steht. Überhaupt steht. Und singt.

Zwei Gitarren, zwei Männer, ein gemeinsamer Gedanke: dass man Songs auch tragen kann, ohne sie zu erdrücken. Ken Hammer und Chris Laney spielen, als würden sie sich seit Jahrzehnten kennen – tun sie ja auch. Kein Wettbewerb, kein Show-off, eher ein leises Einverständnis darüber, dass hier wieder einmal etwas funktioniert, das größer ist als einzelne Riffs.

Zum Schluss „Love Games“ und das viel gefeierte „Future World“. Es ist 22 Uhr, das Konzert ist gefühlt viel zu früh zu Ende und die Security scheucht die Menschen vom Platz, die eigentlich lange noch nicht heim wollen. Es ist doch Sommer. Nagut, dann halt zur Aftershow in den Sonnenkeller.

Sindy ruft strahlend: „Wir sehen uns ja nächste Woche wieder. Beim Bang Your Head. Nein, natürlich beim RV-Bang.“ Au ja!

Ganz vorne. Da wo die Musik spielt. Und später die Erinnerung. Das Publikum beim Open Air: Kutten, Bier, Geschichte – und trotzdem dieser kurze Moment von etwas, das man früher vielleicht Euphorie genannt hätte, bevor man angefangen hat, es zu erklären. Nicht ironisch, nicht distanziert, sondern genau da, wo Musik und Leben einfach nur passiert.

Dieser Artikel ist erschien:
Am 06.07.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 06.07.2026 im Schwarzwälder Boten.