Freitagabend. Man läuft in eine Ausstellungseröffnung rein und denkt erstmal: schön, bisschen Kultur, bisschen Rotwein, bisschen Leute beobachten. Die große Jahresausstellung also. Und plötzlich hängt da diese ganze verdammte Gegenwart an den Wänden. Obwohl die Bilder über hundert Jahre alt sind. Zusammengetragen aus Sammlungen von überall her.
„Expressionismus – Hoher Flug & tiefer Fall“ im Kunstmuseum Albstadt ist genau so eine Ausstellung.
Keine gemütliche „wir schauen mal hübsche Kunst an“-Veranstaltung. Sondern eher: Farben als Nervenzusammenbruch. Linien wie Stromschläge. Großstadtpanik. Weltuntergang mit Druckgrafik. Hoffnung in dunkelblau. Verzweiflung in rot. Sex in Schwarz-Weiß. Auf einmal da: Eine Stadt, die aussieht, als würde sie gleich anfangen zu schreien.

Die Expressionisten hatten dieses irre Talent, gleichzeitig an den Fortschritt zu glauben und trotzdem zu ahnen, dass alles bald explodiert. Also eigentlich exakt unser 2026. Nur ohne WLAN. Soziale Verwahrlosung und Revolution.
Melanie Löckel und Dr. Kai Hohenfeld erklären. Die Ausstellung, die Bilder, alles. Man versteht. Immer mehr.
Und dann dieses musikalische Begleitprogramm. Allein schon die Namen lesen sich wie eine sehr schlechte Idee für einen entspannten Freitagabend: György Kurtág, Alban Berg und Peter Eötvös. Am Klavier: Andreas Grau. Da sitzt also ein Mann vor ein paar Tasten und erzeugt Geräusche, bei denen man zwischendurch nicht sicher ist, ob das noch Musik ist oder bereits eine sehr kontrollierte emotionale Erschütterung.
Aber genau darum geht’s ja beim Expressionismus. Nicht um Schönheit im klassischen Sinn. Sondern um Zustände. Um Nervosität. Um dieses ständige Vibrieren unter der Oberfläche.

Zurück zu den Wänden: Da hängen Menschen, die fliegen wollen. Und Städte, die sie dabei auffressen. Kriegsbegeisterung neben Eskapismus. Paradiesfantasien neben Großstadtelend.
Und man merkt schnell: Diese Bilder wollen gar nicht dekorativ sein. Die wollen einen anrempeln. Schubsen. Und schlagartig steht diese ganze ungestüme, offene, moderne Epoche direkt vor einem.
Gespräche. Mit Menschen. Mit Kommunalpolitikern. Ja, da muss man unterscheiden. Aber auch mit der Frau im bezaubernden Grün, die wild lächelnd von der Breite des Museums schwärmt. Zurecht.
Selten aus einer Ausstellung gekommen und gleichzeitig inspiriert und leicht erschöpft gewesen. Tolles Museum. Großes Ding. Gehen Sie hin. Am besten sofort.
Die Ausstellung läuft bis zum 14.02.2027.
