Es gibt Abende in Albstadt, da ist um halb neun schon alles vorbei, bevor es überhaupt angefangen hat. Rollläden unten, Straßen leer, irgendwo klappert noch ein einsamer Einkaufstrolley über die Pflastersteine aus chinesischem Granit. Und dann gibt es diese Donnerstagnacht auf den ersten Mai.

Vor dem Corso stehen gut gelaunte Menschen mit Bierflaschen in der Hand und diskutieren darüber, ob Rock oder doch lieber ins besto zu Afro House. Ein paar Straßen weiter dringt aus dem Gleis 4 „Atemlos“ über eine Karaokeanlage. Oder „Wonderwall“. Oder beides gleichzeitig? Man weiß so etwas manchmal nicht so genau. Muss man auch nicht. Bei Enzo singt Angelo Italo-Schlager, als hätte Ebingen plötzlich einen direkten Autobahnanschluss nach Rimini. Und im Bierstadel geben die Raising Crowns alles, als hinge die Zukunft der Innenstadt von drei Akkorden und einem funktionierenden Zapfhahn ab.

Im Corso wird es laut. Metal, Licht, ein Sänger, der so aussieht, als gäbe es gerade nichts Wichtigeres als diesen Moment.

Man könnte sagen: Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Man könnte auch sagen: Wer hier nichts findet, hat sich innerlich längst verabschiedet und sitzt wahrscheinlich auf einem Sofa und nennt das dann „Ruhe“.

Um 18 Uhr geht das Ganze schon los. Elf Läden sagen: Wir machen mit.

Jetzt, kurz nach 21 Uhr: Carlos. Die String Killers. Wieder da. Punk, aber akustisch. Also Punk, der sich kurz hingesetzt hat, ohne aufzuhören, Punk zu sein. Weil es zu viele hören wollen, spielt die Band einfach draußen. Open Air. Spontan. Sechs Grad. Egal. Es fühlt sich an wie Sommer, wenn man nicht zu genau hinschaut. Sommer im Kopf.

Antonia singt Karaoke. Nicht perfekt, aber genau richtig. Und mit Begleitung sowieso ein bisschen mutiger. Innerhalb von Sekunden wird man zum Fan.

Weiter in den Irish Pub Berry & Rey’s. Jüngeres Publikum, volles Haus und DJ Ingo. Perfekt, so wie es ist. Dann ins Gleis 4. Karaoke. Antonia ist dort. „Ich singe auch gleich.“ Ein Satz, der immer ein bisschen mutig ist. „Und weißt, es ist gar nicht so wichtig, dass ich die Töne treffe.“ Richtige Einstellung. Wirklich. Und plötzlich ist es egal, wer hier was hört oder sonst so für Musikgeschmack vorgibt. Freude schlägt Coolness. Immer noch.

Kurz in den Bierstadel. ABBA. „Gimme! Gimme! Gimme!“ Aber laut. Sehr laut.

Im Bierstadel steht die Band auf der Bühne und macht aus bekannten Songs etwas Eigenes. Lauter, direkter, näher dran.

Man denkt kurz: Das hätten sie sich damals vielleicht auch trauen sollen. Laut ist in dem Fall immer besser.

Wieder draußen: eine Gruppe junger Menschen. „Ich war richtig traurig, als man meinte, die Kneipennacht gibt es dieses Jahr nicht. Umso mehr freue ich mich jetzt. Wir gehen jetzt ins besto. Zum DJ. Und ihr so?“ Rominger & Blaier. Doc Holiday. Valentino. Yildo Shisha Lounge. Überall Musik. Überall Leute. Überall dieses leise Gefühl, dass hier gerade etwas passiert, womit keiner so richtig gerechnet hat.

„Albstadt tanzt – Mai Edition“ heißt das Ganze offiziell. Klingt ein bisschen wie ein Titel, den man sich morgens um acht ausdenkt und abends einfach durchzieht. Inoffiziell ist es wohl vor allem eins: die Trotzreaktion von Menschen, die sich ihre Kneipennacht nicht einfach wegnehmen lassen wollen. Innerhalb weniger Tage organisierten Dominique Brandt und Alexander „Alex“ Puschner gemeinsam mit Gastronomen aus Ebingen ein neues Veranstaltungsformat. Ohne Tickets. Ohne großes Tamtam. Ohne PowerPoint. Dafür mit viel Improvisation, viel Liebe und einem klaren Signal: Wir machen das jetzt selbst. Was soll man sagen: Hunderte Menschen ziehen an diesem Abend durch die Innenstadt, von Bar zu Bar, von Song zu Song. Von „bleiben wir hier?“ zu „lass weiter“. Alle Altersklassen. Alle Stimmungen. Alles gleichzeitig.

Später im neuen Corso. Dort spielen Make me Sick alles, was Metal so kann. Der Laden voll. So voll, dass man kurz vergisst, dass im Freien immer noch sechs Grad sind. Die Band spielt „Turbo Lover“. Draußen beim Rauchen steht Ray. „Kneipennächte waren früher ja wie ein Klassentreffen.“ Und dann: „Aber heute ist es irgendwie besser.“ Besser als früher ist ein großes Wort in einer Stadt, die sich sehr oft eher nach früher anfühlt. „Ja. Bunter. Irgendwie bunter ist es heute.“

Ab Mitternacht zieht die Karawane weiter in die Kulturfabrik. Dort wartet die offizielle Afterparty. Wer in einer der teilnehmenden Bars ein Getränk bestellt hat, bekommt den Eintritt per Gutschein gleich mit dazu. Ein durchdachtes System. Erst die Innenstadt beleben, dann gemeinsam weiterziehen.

Volles Haus im Berry & Rey’s. Vorne tanzt die Menge, hinten arbeiten die Barkeeper im Dauerbetrieb. Zwei Geschwindigkeiten, ein Abend.

Und während anderswo lange über Stadtentwicklung, Aufenthaltsqualität und Belebungskonzepte diskutiert wird, zeigen die Albstädter selbst, wie einfach es manchmal sein kann.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses Abends: Albstadt kann feiern. Wenn man es nur lässt.

Irgendwo grölt immer noch jemand „Wonderwall“. Natürlich. Ein paar Straßen weiter summt wer „Sarà perché ti amo“, wahrscheinlich ohne zu wissen, warum genau. Ist man es selbst? Und zwei Schritte weiter fragt irgendwer: „Noch was essen oder direkt weiter zu den verrückten Punks?“ Ebingen ist an diesem Abend vieles gleichzeitig. Ein bisschen laut vielleicht. Ein bisschen voll. Ein bisschen alles. Nur, wie schön, nicht still.