„Nicht mal zuhause hast du einen Cowboyhut?“ Das sagt einer, der einen hat. Natürlich. Einen echten. Also keinen Karnevals-Cowboyhut. Sondern einen Cowboyhut-Cowboyhut. Und während seine Hand da so an diesem Colt hängt – ja, Colt, natürlich auch das –, schaut man in diese belustigten Augen über dem bärtigen Gesicht und merkt: Ah. Okay. Veräppelt. Aber das sehr freundlich.

Es ist Samstagabend, und wir befinden uns in Frommern, was ja genau genommen auch was mit Südstaaten zu tun hat. Irgendwie „Festival“, irgendwie „Country“, irgendwie „Essen und Getränke gegen kleines Geld“. Das Western- & Line-Dance-Festival findet hier statt. Bereits zum siebten Mal. Eben hat die immer tolle Gemeinde- und Kreisrätin Sybille Fleischmann die Grußworte der Stadt Balingen an die knapp 300 Besucher und Besucherinnen überbracht.

300 Menschen, die am Abend offenbar beschlossen haben, sich kollektiv in eine Version von Amerika hineinzutanzen, die es so vermutlich nie gegeben hat.

Aus den Boxen tönt eine traditionell dechiffrierte Version von Beyoncés Texas Hold ’Em. Angekommen.

Abwechslungsreich, originell und ziemlich souverän: Western Trail spielen sich durch den Abend wie durch eine staubige Prärie. In absoluter Bestform.

Trotz der liebevoll aufgehängten Banner, der Bühnenbeleuchtung und der Tanzfläche, die sich, durch eine Gummimatte geschützt, längs durch den Saal zieht, bleibt die Mehrzweckhalle ihren Charme schuldig. Diese Architektur gewordene Kompromisslösung, in der gefühlt montags Elternabende stattfinden, dienstags Seniorengymnastik, mittwochs Blutspenden und heute Folklore, gewinnt ausschließlich durch ihre Gäste. „Ich kenne hier fast die Hälfte der Leute“, meint Udo. Lächelnd. Fast strahlend. Er ist aus der Nähe von Sigmaringen angereist. „Meine Frau tanzt halt. Aber ich bin nur wegen der Musik da. Wir sind hier sowas wie eine große Familie.“

Line Dance ist nicht nur ein Tanz, sondern eine Lebenseinstellung. Menschen in Boots, Jeans, Westernhemden, teilweise mit einer Konsequenz gekleidet, als hätte jemand beschlossen, dass Identität bitte aus Baumwolle mit Druckknöpfen bestehen soll. Dazu Musik, die nicht fragt, sondern zählt. Eins, zwei, drei, tap. Eins, zwei, drei, Drehung. Eins, zwei, drei. Als wäre das Leben eine Excel-Tabelle mit Rhythmusfunktion. In bunt. Und mit einem Cowboyhut.

„Have You Ever Seen the Rain“ von Creedence Clearwater Revival. Die Band des Abends, „Western Trail“, macht das sehr solide. Sie scheuen sich auch nicht, später am Abend noch Auberge von Chris Rea in einer Version zu interpretieren, die man gerne aufgenommen hätte. Über hundert Leute drehen sich gemeinsam dazu auf der Gummimatte. Eins, zwei, drei, clap.

Eins, zwei, drei, tap: Eine der vielen Gruppen zeigt, wie Gemeinschaft aussehen kann, wenn sie im Takt stattfindet. Synchronität ist hier keine Pflicht, sondern Leidenschaft.

„Rita’s Line Dancer“ waren der erste Show-Act. Jetzt steht eine Gruppe junger Frauen singend und tanzend in der Mitte des Saals. Choreografiert von Vanessa Haugg, Tanzcoach der Musical Ladies. Die Vanessa ist halt auch immer dort, wo es gut ist. Nachher kommen auch noch die Euphoria Line Dancer aus Neufra. Das sind die mit den weißen Hemden. Es ist faszinierend, wie schnell man beginnt, Menschen über Hemden zu definieren.

Viele unterschiedliche Line-Dance-Gruppen sind gekommen. Mit dabei eine inklusive Gruppe aus Freudenstadt. Wenn Städtenamen Programm werden.

„Also so einen 16-, vielleicht auch einen 32-Schritt-Tanz lernst du in zwei Stunden“, erzählt Elke. „Aber bis man’s richtig kann, vergehen Jahre.“ Sie hat nach gesundheitlichen Problemen mit dem Tanzen angefangen. „Bewegung und Kognitionsförderung“, hat der Arzt gesagt. Und dann kam Freude dazu. Ganz nebenher. Wie ein Bonuslevel.

Mastermind der ganzen Veranstaltung und der „Happy Dance Company Balingen“ ist Wilfried „Willi“ Eimann. Ein Original, wie man so sagt. „Wir fördern mit unserer Veranstaltung den Anti-Mobbing Zollernalb e.V., weil es in unserer Gesellschaft einfach wichtig ist, miteinander und füreinander da zu sein.“ Und an welcher Stelle könnte man dies besser sehen als heute Abend? Zugehörigkeit findet hier ohne Diskussion statt. Im gemeinsamen Rhythmus und der gleichen Schrittfolge. Gemeinschaft ohne Aushandlung. Tanzen ohne Risiko, falsch zu liegen, solange man wieder zurückfindet.

Keine 20 mehr. Na und? Beweglichkeit hat mit Lebensfreude oft mehr zu tun als mit Geburtsjahren. Und wer sagt eigentlich, dass Schwung ein Verfallsdatum haben muss?

Und in diesem Moment erwischt man sich, wie man selbst den Fuß im Takt bewegt. Man wird Teil des Ganzen. Liebevoll aufgenommen.

Während draußen die Luft wieder unchoreografiert ist, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass es eigentlich ganz angenehm war, kurz in dieser Bewegung gewesen zu sein, die keinen Interpretationsbedarf hat. In zwei Jahren soll es das nächste Festival geben. Genug Zeit, einen Cowboyhut zu kaufen.