Sie steht vorne an der Bühne und zittert. Crystal Yuen. Nicht metaphorisch. Wirklich. Sie bebt förmlich. Ganz vorne am Rand. Neben ihr dieser schwarze Konzertflügel. Es ist etwas eng dort oben. Sie ist nicht groß. Zierlich fast. Und komplett fertig. Erschöpft. Aber auch erleichtert. Die Konzertmeisterin kommt sofort zu ihr rüber. Umarmung. Tränen in den Augen der beiden jungen Frauen. Tiefe Rührung und Emotionen. Hinter ihnen liegt das Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll, op. 30 von Sergej Rachmaninoff. Oder wie manche ehrfürchtig sagen: das Rach-3. Ein Monster von einem Stück. Ein musikalischer Bossfight.
Aber lassen Sie uns am Anfang beginnen: „Wir sind hier, damit wir wissen, was wir nachher überhaupt spielen“, sagt ein Musiker lachend ganz hinten im Kleinen Saal der Balinger Stadthalle. Großartig. Einmal mehr Abokonzert-Sonntag. Bereits zum 33. Mal. Und wie immer gibt es einen kleinen Einführungsvortrag von Dirigent und Mastermind Dietrich Schöller-Manno. Diese wunderbare deutsche Konzerttradition, bei der Menschen freiwillig Stunden früher kommen, um sich erklären zu lassen, warum gleich alles sehr schwierig wird. Schöller-Manno trägt ein pinkes Kurzarmhemd, das aussieht wie die mutige Entscheidung eines Oberstudienrats kurz vor den Sommerferien. Später wird er natürlich wieder in den Frack steigen. Klassikbetrieb. Regeln sind Regeln. Aber jetzt erstmal eine sehr lauschige, warme und nahe Konzerteinführung. Sofort daheim. Und irgendwie ist das alles sehr schön.

Rüber in den großen Saal. Knapp 350 Menschen sind heute da. Genügend für einen tollen Konzertabend. Zu wenig, wenn man die Größe des Werkes betrachtet. Aber vielleicht sind genau deshalb solche Abende möglich. Weil hier nicht Eventpublikum sitzt, sondern Menschen, die wissen wollen, wie sich musikalischer Wahnsinn anfühlt. Das Orchester betritt die Bühne. Konzertmeisterin Stella Manno-Fumey führt das Orchester beim Stimmen zusammen. Routiniert. Fast liebevoll.
Das Rach-3. Ein Monster von einem Stück. Ein musikalischer Bossfight.
Es beginnt mit der Jugendsinfonie in d-Moll. Rachmaninoff hat sie geschrieben, als er um die 18 war. Ein etwas fahriges Stück, das, obwohl präzise vorgetragen, nicht so recht zu wissen scheint, wo es überhaupt hinmöchte. Suchend, aufbrausend, einzelne Melodiefragmente und dann wieder belangloses Mäandern wie bei einer Bürgermeisterrede. Aber gleichzeitig sieht man da eben auch einen bemerkenswerten Teenager, der Musik schreibt, während andere mit 18 noch Computerspiele-Foren moderieren oder Axe-Deo-Werbung für Persönlichkeitsentwicklung halten. Der Schlusston erklingt, aber das höflich klatschende Publikum scheint noch nicht so richtig abgeholt.
Umbau auf der Bühne. Stühlerücken. Flügeltransport. Dieses kurze technische Gewusel, das bei klassischen Konzerten immer ein bisschen aussieht wie ein Formel-1-Boxenstopp. Dass die Technik in der Stadthalle natürlich wie ein Uhrwerk funktioniert, muss sicherlich nicht betont werden.
Und dann kommt Crystal Yuen. Etwas schüchtern wirkt sie. Bis sie anfängt zu spielen. Ab diesem Moment passiert etwas Merkwürdiges: Das Klavier wird plötzlich größer als der Raum. Rach-3 gilt als eines der schwersten und gefürchtetsten Klavierkonzerte überhaupt. Und zwar nicht nur im Sinne von: viele Töne. Sondern eher im Sinne von: psychischer Ausnahmezustand mit Notensystem. Für die Pianistin ohne echte Pause. Im ersten Satz lässt der Komponist zwischen einer schweren und einer völlig irrsinnigen Kadenz wählen. Natürlich nimmt sie die irrsinnige. Und dann spielt diese zierliche Frau auf einmal, als hätte jemand gleichzeitig Martha Argerich, einen Orkan und einen ICE auf die Bühne gestellt. Man schaut irgendwann nur noch ungläubig auf ihre Hände. Sind das wirklich nur 88 Tasten? Oder hat dieses Instrument heimlich noch irgendwo drei weitere Stockwerke?
Schöller-Manno hatte vorher gesagt: „Sie könnte auch sämtliche Orchesterstimmen nebenher mitspielen.“ Nach diesem Abend glaubt man ihm sofort alles. Diese Musik ist riesig. Emotional völlig übergriffig. Permanent am Rand des Kontrollverlusts. Crescendi wie Naturkatastrophen. Dann wieder Melancholie. Gershwinhafte Nachtstimmung. Dann wieder Klangwände, die einem körperlich in die Rippen fahren. Und Yuen spielt das alles nicht wie eine Virtuosin, die zeigen will, was sie kann. Sondern wie jemand, der da echt komplett drin lebt. Das Publikum bemerkt das sofort.
Dieses kurze technische Gewusel, das bei klassischen Konzerten immer ein bisschen aussieht wie ein Formel-1-Boxenstopp.
Nach dem letzten Ton bricht der Saal auseinander. Standing Ovations. Tränen. Jubel. Und dieses seltene Gefühl, dass gerade wirklich etwas passiert ist. Dann drei Zugaben. Drei! Als würde jemand nach einem Marathon sagen: „Ach komm, wir laufen jetzt noch kurz nach Stuttgart.“ Spätestens beim japanischen Filmmusikstück mit seinen melancholischen Linien und diesem fast schmerzhaften Zauber passiert endgültig das: Balingen verliebt sich kollektiv in Crystal Yuen. Komplett.

Kurz Pause. Im Foyer Menschen, die aussehen, als hätten sie gerade gemeinsam ein Naturereignis überstanden. Fachgespräche über Kadenzvarianten. Rachmaninoff-Diskurse zwischen Weißweinschorle und Treppe. Und überall dieser leicht glückliche Blick. Familientreffen halt.
Dann Schumann. Die Sinfonie Nr. 3 Es-Dur, op. 97. Die „Rheinische“. Und gleich wird alles weiter. Heller. Landschaft statt Ausnahmezustand. Wie gewohnt tritt die arcademia sinfonica, unser regionales Flaggschiff-Orchester, souverän und präzise in Erscheinung. Ein Orchester, dem man jederzeit vertrauen kann. Das einen an Orte begleitet. Einem Besonderes zeigt. Der vierte Satz klingt tatsächlich wie ein Dom aus Musik. Feierlich. Schwer. Fast katholisch. Danach löst sich alles wieder. Finale.
Fachgespräche über Kadenzvarianten. Rachmaninoff-Diskurse zwischen Weißweinschorle und Treppe.

Was bleibt, sind Musiker, die sich bewusst sind, viel geleistet zu haben. Stolz und bewegt von kultureller Höchstleistung und musikalischer Schwerstarbeit. Und ein Publikum, das viel reicher nach Hause geht, als es gekommen ist. Und irgendwann steht am Ende dieses Konzerts eine Geigerin mit einem Kind auf dem Arm auf der Bühne und baut Notenständer ab. Vielleicht ist genau das das Schönste an solchen Abenden. Ein gemeinsam gewagter Ausflug, von dem vorher keiner wusste, ob man heile zurückkehrt.
Dieser Artikel ist erschien:
Am 13.05.2026 in der Schwäbischen Zeitung.