Ein Konzertabend mit „Pauls and the Girl“ im Margrethausener Juwel

Es gibt zwei Arten, wie man ins „Juwel“ gehen kann: gezielt, wenn man den oder die Künstler*innen bereits kennt, oder spontan in der Hoffnung, den einen oder anderen Diamanten zu entdecken. Letzteres gelang mit „Pauls and the Girl“ einmal mehr am letzten Wochenende. Zwar ungeschliffen, aber durchaus schimmernd und glitzernd.

Einst war das „Juwel“ nur ein schnöder Trödelladen, in dem man Second-Hand das eine oder andere Schnäppchen „erjagen“ konnte. Vor einigen Jahren kamen die dortigen Betreiber allerdings auf die Idee, inmitten der käuflichen Schätze auch Kultur in Form von Rock-, Pop- und Blueskonzerten zur Aufführung zu bringen – dies nun erfolgreich seit Jahren und beinahe wöchentlich.

Am vergangenen Samstag standen nun, nicht zum ersten Mal, „Pauls and the Girl“ auf der großen Juwel-Bühne: fünf männliche Musiker, die wir charmant und liebevoll „die Pauls“ nennen wollen, und das „Girl“, das im echten Leben auf den Namen Nicole Vielhauer hört und mit ihrer unglaublichen Musikalität und Spielfreude die „Pauls“ auf der Bühne anführt.

Der Begriff „Coverband“ wäre zu wenig, um das Schaffen der aus der Region kommenden Künstlerinnen auszudrücken. Immer dann, wenn das Standardrepertoire verlassen wird, findet die Band zu außergewöhnlicher Größe und zeigt, was sie wirklich draufhat. Echte, handgemachte und aufrichtige Musik ist zu hören – ohne die lästigen und peinlichen Playbacks, die manche regionale Showbands mittlerweile zum Hauptbestandteil ihrer Aufführungen gemacht haben. Wenn man ein Keyboard hört, steht auch wirklich eines auf der Bühne, das in Echtzeit meisterlich bedient wird. Es wird gespielt, getanzt und aufrichtig geschwitzt. Die ehrliche Freude und das Strahlen auf den Gesichtern der Musikerinnen, wenn ein Stück besonders gut gelungen ist, zieht einen im Konzertverlauf immer mehr in den Bann und zur Bühne.

Wir haben es hier durchweg mit Multiinstrumentalist*innen zu tun. Wenn dann mal ein Saxophon gebraucht wird, schnappt sich die Sängerin den Bass, und der Bassist mutiert kurzfristig zum Bläser.

Die Sängerin Nicole Vielhauer, hier auch wieder einmal mit Bass, war immer mitten im Geschehen beim musikalischen Treiben von „Pauls and the Girl“. Foto: Peter Demmer

Vor allem die soulige Stimme mit vielen Jazz- und Bluesanleihen von Frau Vielhauer prägt das Geschehen auf der Bühne. Das ist Segen und Fluch zugleich. Die vorgetragenen Straßenfest-Standards, von Liquido bis Nena reichend, sind richtig gut und gelungen. Auch ein „Somewhere Only We Know“ der britischen Band Keane kommt durchaus bereichernd und solide daher. Sobald die Gitarren allerdings das Turnersche „Nutbush City“ oder ein vor Inbrunst strotzendes „Proud Mary“ anbieten, wirkt alles andere wie ein Rausschmeißer nach Barschluss, und das Herzblut der Musiker*innen wird mehr als deutlich greifbar. Immer dann, wenn die Band ihre eigenen Wege geht, wird aus einer sehr guten eine großartige Formation. Dies geschieht zum Beispiel mit einer Bluesrock-Version des Elektrohits „Sweet Dreams“ oder durch außergewöhnliche Songbearbeitungen wie im Fall von „Help“, das von einer reisenden Uptempo-Nummer zu einer berührenden, mehrstimmigen Soulballade portiert wurde. Man möchte auf die Bühne rufen: „Macht doch bitte nur noch euer eigenes Ding!“

Alternativ kann natürlich ein „Narcotic“ auch dazu verwendet werden, sich an der Bar zum Getränkeerwerb anzustellen. Gäste waren natürlich auch da – jede Menge. Ein sehr gut gefülltes Publikum, das der Pubertät längst entwachsen war, war zu identifizieren: selten sitzend, oft tanzend und singend, oder eben an der Bar anstehend.

Nach dem späten Konzertende kann festgestellt werden, dass es nicht immer Stuttgart oder Berlin sein muss. Man kann auch in Margrethausen einen bereichernden und großartigen Abend mit hochwertiger, ehrlicher und berührender Musik verbringen.


Dieser Artikel erschien:
Am 26.11.2024 im Schwarzwälder Boten