Sie rennt nicht. Sie läuft nur sehr schnell. Also so schnell, dass man kurz darüber nachdenkt, ob es noch Gehen ist oder schon Rennen. Aber mit Contenance. Mit dieser Mischung aus Aufregung und Disziplin, die Menschen haben, die gerade etwas Großes gemacht haben und trotzdem wissen: Erst verbeugen. Viktoria Häußler saß eben noch am Flügel. Gemeinsam mit dem Projektorchester des Spitzenklänge e. V. spielte sie Yuri Polunins Klavierkonzert in a-Moll. Hochkonzentriert, mit einer Selbstverständlichkeit, die vergessen lässt, dass hier gerade kein Profi am Konzertflügel sitzt, sondern eine junge Musikerin, deren Alter und musikalische Reife irgendwie nicht zusammenpassen wollen. Dann: Verbeugen. Applaus. Weg. Neunte Reihe. Dort wartet eine Frau. Freudentränen? Dieses Lächeln, das Menschen haben, wenn sie gerade jemanden sehen, auf den sie unglaublich stolz sind. Die Mutter vielleicht? Eher die Schwester. Die beiden umarmen sich. Innig. Nicht diese beiläufige „Schön, dass du da bist“-Umarmung. Mehr: „Schön, dass es dich gibt.“ Oder einfach: Danke. Und eigentlich ist damit schon ziemlich viel erzählt über diesen Abend.

Der Flügel ist groß. Sehr groß. Für einen jungen Pianisten beinahe eine eigene Landschaft. Doch Kai Wißmann nimmt die Herausforderung an.

Es ist Sonntag. Wir sind in der Ebinger Festhalle. Jubiläums-Galakonzert des Spitzenklänge e.V. Zehn Jahre Verein. 300 Plätze, bestuhlt und bewirtet vom DJK Ebingen. Fast voll. Eine Festhalle, die akustisch vermutlich nie dafür geplant wurde, dass sich Haydn, Abel und Vivaldi darin wohlfühlen. Aber darum geht es heute auch nicht. Es geht um Menschen.

Der Abend beginnt mit der Festlichen Ouvertüre von Jan Luka Diebold. Und natürlich beginnt er damit nicht zufällig. Denn Jan Luka Diebold war selbst einmal Stipendiat von Spitzenklänge. Der junge Mann, dessen Weg gerade erst begonnen hat, steht heute am Anfang der Aufführung seines eigenen Stückes. Ein Kreis. Gleich am Anfang geschlossen.

Das Cello trägt nicht nur den Ton. Es trägt auch die Anspannung vor dem Auftritt. Und irgendwann trägt die Musik die junge Solistin.

Begrüßung durch Siegfried Braun. Einer der beiden zentralen Menschen hinter dem Verein. Er erzählt von Renate Musat, die vor zehn Jahren die Idee hatte, den Talentepool der klassischen Musik auf der Zollernalb genauer anzuschauen. Und die heute selbst als Konzertmeisterin mit auf der Bühne steht. Braun war zunächst skeptisch. Vielleicht auch deshalb, weil er vier Kinder hat und, wie er selbst erzählt, keines davon musikalisch hochbegabt sei. Heute finden sich rund 200 Stipendiatinnen und Stipendiaten in der Erfolgsbilanz des Vereins.

Aber Zahlen können nicht beschreiben, wie es klingt, wenn ein Kind vor einem Konzertflügel sitzt und plötzlich einen ganzen Saal erreicht. Das wird uns der Abend erzählen. Mit jedem Auftritt werden die Solistinnen und Solisten ein wenig älter. Die Werke werden anspruchsvoller. Die Herausforderungen größer. Was zunächst mit Haydn und jungen Talenten beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu virtuosen Konzertwerken der Moderne. Fast unmerklich wächst das Niveau.

Es wartet auf den Moment, in dem etwas entsteht.

Den Anfang macht Kai Wißmann mit Haydns Divertimento. Er wirkt fast ein wenig klein vor dem erstaunlich großen Konzertflügel. Aber künstlerisch ist da nichts Kleines. Präzise, konzentriert, mit erstaunlicher Sicherheit gestaltet er seinen Auftritt.

Dann Melissa Wißmann mit Carl Friedrich Abel. Nicht nur ihr Spiel beeindruckt. Auch das Orchester. Oder besser: die Art, wie das Orchester mit ihr arbeitet. Die Dirigentin nimmt zurück, lässt Raum, schafft Platz. Musik ist hier kein Gegeneinander, sondern ein Mit- und Füreinander.

Vivaldi. Drei junge Musikerinnen. Elisabeth Fritsch, Leni Stingel und Abeline Kleimann. Elisabeth startet mit einer Spur Anspannung. Aber genau dafür gibt es ein Publikum. Es trägt. Es wartet nicht auf den Fehler. Es wartet auf den Moment, in dem etwas entsteht. Leni Stingel gestaltet das Largo ruhig und konzentriert. Abeline Kleimann übernimmt den temperamentvollen Schlusssatz mit viel Präsenz.

Beim Doppelkonzert für zwei Violinen mit Emilia Rudnitzki und Caroline Neuscheler passiert etwas, das man bei Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusikern besonders gerne erlebt: Die Technik verschwindet. Die Musik bleibt. Die beiden Violinen antworten einander, widersprechen sich, erzählen miteinander.

Ein Dirigent macht nicht nur Taktstriche. Er hört, formt, korrigiert und motiviert. Michael Wendeberg bei der Arbeit mit dem Projektorchester des Vereins Spitzenklänge.

Benaja Geiger. Bortnjanskys Klavierkonzert. Nach der Orchestereinleitung kommt sein Einsatz. Punktgenau. Besonders auffällig: diese linke Hand. Und die rechte. Eigentlich: alle Hände. Das Publikum reagiert nicht nur mit höflichem Applaus. Es gibt Jubel. Bei klassischen Konzerten nicht selbstverständlich.

In der Pause Sekt, Gespräche und die Gelegenheit, kurz hinter die Kulissen zu schauen. Das Konzept von Spitzenklänge ist erstaunlich einfach: Erstens: musikalische Förderung. Zweitens: Musiktheorie. Drittens: Erfahrung. Und genau dieser dritte Punkt ist vielleicht der wichtigste. Denn ein Instrument kann man üben. Eine Bühne muss man erleben.

Sie machen die Musik zum Star.

Eine Geigerin erzählt aus den Proben: „Dieser Michael Wendeberg holt halt wirklich alles aus einem Orchester raus.“ Man glaubt es sofort. Er und seine Dirigentenkollegin Cordula Bieber machen etwas Entscheidendes: Sie stellen sich nicht selbst in den Mittelpunkt. Sie machen die Musik zum Star. Und natürlich die jungen Solistinnen und Solisten.

Nach der Pause Haydn. Finja Eggert eröffnet den zweiten Teil. Sebastian Triebner setzt mit dem Finalsatz ein Ausrufezeichen. Spätestens jetzt denkt man: Das ist nicht mehr nur Nachwuchs. Das ist schon ziemlich nah an professionellem Konzertniveau. Wie viele Stunden, wie viele Wiederholungen, wie viel Durchhaltevermögen stehen hinter diesen Minuten auf der Bühne?

Talent braucht Können. Aber Talent braucht auch Menschen, die daran glauben. Siegfried Braun, Dr. Gabriele Blickle und Dr. Wolfgang Blickle stehen für drei unterschiedliche Seiten derselben Idee: Kultur wächst nicht von allein.

Dann Bennet Wenzel und Kabalevsky. Ein anderes Universum. Schroffe Rhythmen, virtuose Läufe, Spannung. Moderne Klänge, die fast überraschen. Die Nervosität ist zu Beginn noch spürbar. Aber sie verschwindet.

Viktoria Häußler. Polunin. Und diese Szene vom Anfang. Man versteht sie jetzt noch ein bisschen besser.

Maximilian Deines übernimmt den dritten Satz aus Kabalevskys Konzert. Nach seinem Auftritt möchte er schüchtern und viel zu schnell wieder verschwinden. Das Publikum lässt ihn nicht. Gott sei Dank! Langer Applaus. Sehr langer, verdienter Applaus.

Damals, als viele große Karrieren begannen.

Zum Schluss wird es noch einmal anders. Saxophon. Emma Bausinger und Hannah Belser gemeinsam mit den erfahrenen Musikern Bernd Holtmann und Alexander Deines. Jung trifft erfahren. Nicht als Gegensatz. Sondern als Weitergabe.

Noch einmal Bennet Wenzel. Diesmal Klarinette. Georgescos „Noctilene“. Warm, gefühlvoll, berührend.

Und schließlich der „Bugatti Step“ von Bogdan Georgesco. Ein letzter gemeinsamer Auftritt.

Applaus. Verbeugungen. Und irgendwo zwischen Lampenfieber, Erleichterung und Glück stehen junge Musikerinnen und Musiker auf einer Bühne und merken vielleicht selbst noch gar nicht ganz, was gerade passiert ist.

Beim Rauslaufen aus der Halle, die baulich dann doch eher „Mehrzweck“ als „Fest“ ist, gehen einem Geschichten durch den Kopf. Geschichten, die man vielleicht in 20 Jahren erzählt. „Ja. Ich war damals dabei.“ Damals in der Festhalle. Damals, als viele große Karrieren begannen.

Am Ende bleibt das, was kein Unterricht vermitteln kann: der Moment, in dem ein Saal zurückgibt, was junge Musiker hineingegeben haben.