Die Glocken läuten zu Beginn. Als wollten sie sagen: Jetzt geht’s los. Oder: Jetzt wird’s ernst. Dann Stille. Stöckelschuhe sind zu hören. Zu spät, zu laut, zu menschlich für diesen Moment. Jemand huscht noch rein. Setzt sich. Dann wieder noch mehr Ruhe. Nicht einmal unterdrücktes Husten.
Wir sind in der Martinskirche in Albstadt-Ebingen. Am Karfreitag. Auch dieses Jahr findet hier die Aufführung zur Sterbestunde Jesu statt. Die Setlist betrachtet, erwartet die rund 200 Besucherinnen und Besucher kein Konzert, sondern eher ein durchkomponierter seelischer Ausnahmezustand. „Klage, Bitte, Vertrauen“ ist hier nicht nur Überschrift, sondern ernst gemeintes Programm. Viel Vorbereitung. Und wirklich schwere Kost.
Gespannte Blicke wandern zur Orgelempore. Zu Kantor Dr. Steffen Mark Schwarz. Gelassen. Kein Dirigenten-Pathos. Eher jemand, der weiß, dass die Musik das schon alleine schafft, wenn man sie lässt. Daneben die Kantorei der Martinskirche und Musiker des Schwarzwald Kammerorchesters.

Im christlichen Glauben hat das Osterfest einen besonderen Rang. Der Karfreitag steht für das unaufschiebbare Ende, für Trauer und Unvermeidbarkeit. Den Tod. Der Ostermontag dann für die Hoffnung, dass die in manchen dunklen Stunden einziehende Verinnerlichung der Endlichkeit durchbrochen wird. So betrachtet wird aus Ostern mehr als nur ein kirchlicher Brauch. Vielmehr ein Symbol für den Menschen an sich und den Wunsch, dass das eigene Bewusstsein nie so ganz schwindet. Und mit genau diesem Gefühl beginnt das Konzert.
Mit Johann Sebastian Bach. Die Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“. Keine schöne Karfreitagsmusik, sondern im Inhalt sehr direkt. Fast anklagend und moralisch. Kein Stück, das gefallen will. Eher eins, das einem etwas vorhält. Die Musikerinnen und Musiker nehmen das Werk ernst und geben ihm damit Bestand. Die Altstimme von Amélie Fritz: kein luftiger Schönklang, sondern ein Zugriff. Das zieht runter. Nicht sanft. Sie trifft tief ins Herz. Man denkt kurz an Amy Winehouse. Nicht wegen des Stils. Wegen dieser Unmittelbarkeit. Dieses „Ich mein das jetzt genau so“. Ein direkter Vorwurf ans belanglose Menschsein. Tonstöße im Zwischenspiel mit Holzbläsern lassen einen tieftraurig zurück. Eingefangen von Bass Jonathan Paulsen, nur um sich dann von Tenor Elias Meder wiederum sagen zu lassen: „Erschrecke doch, du allzu sichere Seele.“ Na, danke auch. Man fühlt sich wie eine Kugel im Flipperautomat.

Selbstbewusst vom Ensemble umgesetzt, aber mit einer massiven Sperrigkeit, ist das Stück mehr Puzzle als Evergreen. Nichts fließt einfach durch. Man muss dranbleiben. Wie bei diesen Gesprächen, bei denen man merkt: Es geht jetzt sicher nicht darum, dass es angenehm ist.
Und plötzlich ein Orgelsolo. Unvermittelt und in einem fast wahnsinnigen Tempo. Ein Moment, in dem man versteht, warum Bands wie Deep Purple überhaupt existieren konnten.
Der Chor danach: groß, wuchtig, kein Entkommen. Polyphon, mit einem Volumen, das die Welt zum Einsturz bringt. Die große Kirchenakustik tut ihr ganz Eigenes dazu, eine tonale Allmacht zu erzeugen. Fast eingeschüchtert bleibt man zurück. Man kann davon ausgehen, dass Bach es genauso wollte.
Pause gibt’s nicht wirklich. Kurzes Umpositionieren. Das Rund bleibt still, aber merklich nervös. Die Hauptbesucherreihen wurden umgekehrt vor dem Kirchenschiff mit direktem Blick auf die Orgel- und Bühnenempore aufgestuhlt. Neben Kommunal- und Kirchenpolitik ist auch der eine oder andere Musiker aus der Region zu treffen. Mehr Kulturpublikum als Gläubige. Viele sicher beides. Fachkundigkeit, die man nicht nur am zeitgleichen Umblättern des Programms erahnt.



Dann Heinrich Ignaz Franz von Biber: die Passacaglia in g für Violine solo aus den Rosenkranz-Sonaten. Eine Geige also. Alleine. Gesa Jenne-Dönneweg. Vier Töne. Nur vier Basstöne. Mehr braucht es nicht. Und plötzlich ist alles ganz ruhig. Anders ruhig als vorher. Nicht erwartungsvoll, sondern fast schon: ergeben.
Genau diese vier Töne, die man heute immer noch fast überall in dieser Reihenfolge findet. Das hat etwas von „Innuendo“. Dieses Kreisen. Dieses Nicht-Weg-Kommen. Und gleichzeitig ist es komplett für sich. Sie spielt. Variiert. Bleibt dabei immer allein. Und alle hören zu, als ginge es genau jetzt um etwas. Um alles. Sanft und betörend, tieftraurig und mitreißend.
Auf der Empore rechts: ein älteres Paar. Graue Haare, ernste Gesichter. Feuchte Augen? Beide halten sich fest an den Händen. Man sieht das und denkt: Vielleicht ist das das mit der Hoffnung. Nicht groß, nicht laut. Sondern genau so. Vertraut und nah.

Das Lied ist zu Ende. Stille. Und dann Applaus. Zögerlich. Und dann entschlossen. Weil irgendwer anfangen muss. Und weil es sich sonst falsch anfühlen würde. Doch darf man das? In der Kirche am Karfreitag? Offenbar schon. Dem Publikum ist es gottlob schnurz.
Der Chor kommt zurück. Holt alle wieder ab. Das Requiem ex F con terza minore. Sopranstimmen, die nicht fragen, ob sie dürfen, sondern einfach da sind: Karera Fujita und Linda Bennett. Wiederum im Zwischenspiel mit Amélie Fritz. Sie öffnen gemeinsam einen weiten Raum, ein bisschen Trost, aber keinen, der einem auf die Schulter klopft.
Und über allem wieder Kantor Schwarz. Ruhig. Präzise. So jemand, der ein Konzert zusammenhält, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.
Dann das Ende. Die Kirchenglocken läuten. Wieder. Aber jetzt ein letztes Mal. Der Puls der Gemeinde setzt aus. Absichtlich. Bis Montag.
Dieser Artikel ist erschien:
am 07.04.2026 in der Schwäbischen Zeitung.