Die „arcademia sinfonica“ in der Stadthalle Balingen.
Man ist ja schon ein bisschen froh, dass sie noch steht, die Stadthalle. Das Wochenende war offenbar kein leises. Und nun am Sonntag also, nach viel Party dieser sanfte Kultur-Kater. Jetzt also Ernst. Jetzt also Klassik.
Vor der Kasse eine Schlange, die länger ist, als man das für ein Abokonzert erwarten würde. „Haben Sie noch ein kleines Plätzchen für mich?“, fragt eine ältere Dame, Haare wie frisch gefallener Schnee. „Für Sie doch immer gerne.“ Das wird so gesagt, dass es nicht kitschig ist, sondern schlicht stimmt. Das Publikum hier scheint sich zu kennen. Vertraut zu sein. Eine Art ganz spezielle Familie. Manche umarmen sich, herzen sich und manche nicken sich auch nur zu, was ungefähr das Gleiche bedeutet. Allerdings ist da schon eine kleine Erreichbarkeitslücke beim Publikum bis, sagen wir, 40 zu beobachten. Leider. Gäbe es doch heute so vieles neu zu entdecken.

Jetzt im Saal: 18 Uhr. Licht aus. Ruhe. Die Musikerinnen und Musiker der arcademia sinfonica kommen auf die Bühne, als wäre das alles hier das Normalste der Welt. Konzentration, die nicht geschniegelt wirkt. Eigentlich „nur“ ein Projektorchester. Trotzdem ist jeder da, wo er oder sie hingehört. Und eigentlich beginnt schon jetzt alles, bevor irgendjemand spielt. Und wieder dieser Moment, von dem man nicht genug erzählen kann: Die Konzertmeisterin gibt den Ton. Fragmente verbinden sich, ein sich einigender Klangkörper entsteht. Wie aus dem Nichts. Magie.
Rund 350 Menschen sind gekommen. Es ist bereits das 32. Abonnementskonzert. Schon der Einführungsvortrag hat mit etwa 120 Interessierten gezeigt: Dieser Abend will mehr sein als bloßes Nebenbei-Hören. Dirigent Dietrich Schöller-Manno steht zunächst noch im legeren Pullover, etwas Rotes, Gestricktes, vor dem Vortragspublikum, später dann vor seinem Orchester im Frack am Pult. Ein Wechsel, der fast sinnbildlich für das Programm steht. Zwei Outfits, zwei Haltungen, ein Abend.
Und der beginnt freundlich. Wirklich freundlich. Mit Carl Maria von Weber und dem „Freischütz“. Der Ouvertüre. Hörner, die sofort Wald sind, egal ob man will oder nicht. Diese Musik will gar nicht abstrakt sein. Sie will Bilder. Sie will Atmosphäre. Und sie kriegt sie auch. Man sitzt da und überlegt: Ja, so kann man das machen. So kann man Leute einladen. Sie einstimmen. Sie für das öffnen, was sie am späteren Abend noch erwartet.
Dann das Fagottkonzert. Und plötzlich fühlt es sich nicht mehr an wie ein „Orchester mit Solist“, sondern vielmehr: ein Gespräch. Johannes Hund spielt sein Fagott nicht wie ein Instrument, das sich beweisen muss, sondern wie eines, das einfach etwas zu sagen hat. Warm, ein bisschen verschmitzt, stellenweise fast so, als würde es sich selbst über die Schulter schauen und denken: Schau mal, was ich alles kann. Und das Orchester? Ist der Freund im Hintergrund, der zuhört, alles mitträgt, mitredet, ohne sich vorzudrängeln.

Es gibt Applaus. Viel Applaus. Eine kleine Zugabe. Ein Ausschnitt aus einer Partita von Bach. Eigentlich für Flöte geschrieben, aber heute übertragen. Nachdenklich schön, wie ein Selbstgespräch mit ein wenig Wehmut über Vergangenes spielt Hund sein Instrument. Nein: lässt es erneut sprechen.
Dann Pause und Sekt im Foyer. „Mein Mann spielt mit“, sagt eine Frau aus Nürtingen freudig. Auch ein wenig stolz. Die Musik sei sehr toll, aber so ein klein wenig sei sie natürlich auch einfach nur Fan. Man merkt wieder: Das hier ist kein anonymer Klangkörper, das ist ein Projekt, ein Zusammenkommen.
Pause vorbei, es geht weiter. Und die Welt ändert sich, stellt sich auf den Kopf. Die 7. Sinfonie von Anton Bruckner. Im Einführungsvortrag meinte der Nebensitzende, dass er ja schon fast ein wenig Angst vor Bruckner und seinem Werk hätte. „Progressiver als die abgefahrensten Metalbands. Und genauso abstrakt.“
Der erste Satz braucht erstmal. Gefühlt lange Zeit passiert einfach irgendetwas. Oder nichts. Oder beides. Man wartet. Und dann merkt man: Das ist kein Warten, das ist Aufbau. Hier wird nichts erzählt. Hier wird gebaut und gewerkelt. Klangblöcke, die sich ineinanderschieben wie irgendetwas sehr Großes, das man nicht ganz überblickt. Streicher, die Flächen legen. Blech, das plötzlich da ist, als wäre es schon immer da gewesen. Und diese Wagner-Tuben, diese warmen Zwischenwesen zwischen Horn und Posaune, die klingen, als kämen sie nicht ganz von hier. Besonders im zweiten Satz, diesem Adagio, das immer ein bisschen nach Abschied klingt, nach etwas, das größer ist als der Raum, in dem es stattfindet. Richard Wagner schwebt da irgendwo mit. Oder man bildet es sich ein. Ist auch egal. Es funktioniert.



Schöller-Manno steht vorne und hält das alles zusammen. Große Gesten, kleine Gesten, manchmal fast ekstatisch, dann wieder sofort zurückgenommen. Als würde er sagen: Ich lass euch jetzt mal fliegen. Und jetzt kommt bitte alle wieder runter nach Hause. Die Musikerinnen und Musiker können das blind. Sein Orchester würde ihm überall hin folgen. Egal ob in die Kneipe oder in den Krieg. Man wird mitgenommen. Mitgerissen. Geführt und gestützt und weiß irgendwann nicht mehr, ob man zuschaut oder mittendrin sitzt. Und wieder: spürbare Magie. Und ein großes Verstehen.
Doch plötzlich: Nach dem dritten Satz klatscht jemand. Einfach so. Zu früh. Zu begeistert. Kein Wunder: Stück und Orchester sind phänomenal. Und doch ein kurzer Moment, in dem alle wissen: Das war jetzt aber nicht ganz korrekt. Aber gleichzeitig: völlig egal. Schöller-Manno hebt die Hand, bittet um Ruhe, das Publikum lächelt. Niemand ist böse. Im Gegenteil. Es ist fast schön. Weil es zeigt, dass das alles hier nicht nur verstanden, sondern gefühlt wird.
Der Rest ist Wucht. Aufbau, Entladung, Rücknahme. Manchmal denkt man kurz: Das ist jetzt schon fast zu viel. Und es wird wieder leise. Wie Rammstein in schlau. Und man bleibt dran.
Kurz nach 20.10 Uhr ist alles vorbei. Zu früh, meint man. Wenige Minuten später leert sich der Saal wie auf Knopfdruck. Man geht und nickt den abbauenden Musikerinnen und Musikern respektvoll zu. Diese nicken zurück, und jeder weiß: Mehr Worte braucht es nicht.

Dieser Artikel ist erschien:
am 26.03.2026 in der Schwäbischen Zeitung und auf zak.de.