Die CD „P•U•L•S•E“ von Pink Floyd war 66 Wochen in den deutschen Charts. Das sind, für die Jüngeren, ungefähr drei komplette TikTok-Generationen. Ein gigantisches Livealbum. Die Besonderheit des Covers war damals eine kleine Leuchtdiode, die wirklich über Jahre hinweg lustig vor sich hin pulsierte. Und das in der durchschnittlichen menschlichen Herzfrequenz. Alleine das weist schon haptisch darauf hin: Die Detailtiefe rund um das künstlerische Schaffen der ursprünglich aus London stammenden und 1965 gegründeten Band ist enorm. Entsprechend hoch ist die Fallhöhe, wenn man sich mit dem Wirken rund um diese Titanen der Rockmusik beschäftigt. Atmosphären. Klangräume. Detailversessenheit. Und genau in dieser gefährlichen Gegend – zwischen Verehrung und Größenwahn – bewegt sich seit Jahren die Band Pulse.
Einmal mehr Samstagabend. Einmal mehr Stadthalle – an kaum einem Ort im Zollernalbkreis fühlt man sich, von der Garderobe über die Kasse bis hin zu den Technikern, mehr willkommen.

Bandshirts sind hier allerdings normalerweise nicht so häufig zu sehen. Heute schon. Natürlich Pink Floyd. Dream Theater, vereinzelt auch Maiden. Und, große Freude: Aphrodite’s Child! Das ist dann aber eher Spezialwissen. Eine trägt einfach nur „Pink“. Ironisch gemeint. Vermutlich. Ein Publikum, das man eher leicht und locker angetrunken an einem Sommerabend bei einem Open Air erwarten würde. Etwa 800 Leute. Und man hat das Gefühl: Jeder hier hat mindestens einmal in seinem Leben nachts um halb drei „The Dark Side of the Moon“ gehört und dabei gedacht: Das erklärt alles.
Lichter aus. Zu viert stehen sie auf der Bühne. Zentral Sänger und Gitarrist Oliver Hartmann. Markus Nanz an einem wahren Tastenberg. Martin Hofmann mit dem Bass. Leicht nach linkshinten versetzt: Sébastien Angrand am Schlagzeug. Man hört den wabernden Synthie. Auf einer kleinen, runden Leinwand im Hintergrund laufen passende Videoschnipsel. Allerdings mehr KI als Comic. Bullauge ins Weltall. Jetzt: Gitarre dazu. Alles Midtempo, eher getragen als schnell. Der Sound verdichtet sich weiter, die beiden Sängerinnen Caro Riehemann und Ilka Müller kommen mit auf die Bühne. Lee Mayall auch. Mit Saxophon. Aus dem ursprünglichen Synthesizerteppich wird ein unglaubliches „Shine on You Crazy Diamond“ geboren. Durchzogen von einer musikalischen Klarheit und Präzision, die eher an Oper als an Rockmusik erinnert.
Die Setlist des Abends kreist im Kern um zwei klassische Pink-Floyd-Phasen. Im „Wish You Were Here“-Block wird das komplette Album dramaturgisch korrekt gespielt. Einfach so. Als wäre das ein Kinderlied. Später dann eine Mini-Suite aus „The Wall“, bei der auch das sensationelle „Goodbye Blue Sky“ nicht vergessen wird. Zwischendrin liegen Songs aus zwei weiteren großen Werken: Einiges von „The Dark Side of the Moon“, inklusive eines begeisternden „Time / Breathe“. Und natürlich von „The Division Bell“ das großartige „High Hopes“, dessen synkopische Glockenschläge sich tief im Hörgedächtnis vieler festgefräst haben. Kurz gesagt: Drei große Floyd-Welten an einem Abend. Prog-70er. Konzept-Gigantismus. Und die späte, elegische David Gilmour-Phase.
Nebendran ein junges Paar. „Wir kannten eigentlich nur das offensichtliche Zeug“, sagt er.
„Aber hier sitzen ja nur Nerds.“ Sie zeigen auf die Bühne. „Die singen sogar die Gitarrensoli von Sheep mit.“ Und tatsächlich: tun sie.

Die Band lebt von den gigantischen Soundteppichen. Vor allem Keyboard und Synthesizer leisten dabei Schwerstarbeit. Früher hätte man „Einspieler“ gesagt, heute sagt man „Samples“. Zusammen mit dem Bass entsteht eine Dynamik, die sich langsam aufbaut – und dann plötzlich wieder bricht. Tempowechsel. Aus dem Nichts. Gesang: mehrstimmig. Punktgenau. Gitarrensoli: jedes Vibrato genau dort, wo es hingehört. Verspielen? Absolut keine Option. Pink Floyd funktioniert eben nur mit dieser extremen Präzision.
Lediglich Hofmann hat am Abend mit seinen paar Gesangsparts ein wenig, allerdings auf höchstem Niveau, zu kämpfen. Fehler? Nur einer – und der ist nur was für Kenner: Bei „High Hopes“ wurde das Echo der Textzeile „Sleepwalking back again“ vergessen. Skandal natürlich. Intern.
Dann das Stück „Money“. Das Saxophonsolo wird gefeiert. Gitarrist Hartmann lächelt so ein bisschen wie jemand, der denkt: Ich kann mir hier gerade beide Hände beim Spielen verknoten – und ihr liebt trotzdem nur die Tröte.




In Fan-Kreisen heißt es gern, Hartmann habe die DNA von Pink Floyd verstanden. Aber das stimmt so nicht ganz. Diese ganze Band hat sie verstanden. Und sie geben sich gegenseitig Raum. Für Sound. Für Dynamik. Für diese langsamen musikalischen Explosionen.
Zum Schluss dann: „Comfortably Numb“. Dieses Solo. Sie wissen schon welches. Original. Fast sogar ein bisschen besser. Und danach als Zugabe: „Run Like Hell“. Tempo. Licht. Finale.
Nach über zwei Stunden steht man dann also im Foyer. Fast schon verschwörerisch meint eine: „Habt ihr den Sänger gehört? Wahnsinn, oder?“ Man denkt kurz nach und sagt: „Nicht nur gehört.“ Pause. „Gefühlt!“
Dieser Artikel ist erschien:
Am 11.03.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 11.03.2026 im Schwarzwälder Boten.