Balingen, Volksbankmesse, Samstag. Man könnte jetzt sagen: Nerd-Treffen. Oder ehrlicher: ein Raum voller Menschen, die Dinge lieben, die andere längst weggeworfen haben.

Selda kommt aus Stuttgart, Leo aus der Nähe von Bad Urach. Mit dem Zug sind die beiden heute nach Balingen gereist. In die Volksbankmesse zur „Retrogames Con“. „Das war total spontan“, sagen sie und lachen dieses Lachen, das meint: Spontane Entscheidungen sind meistens die richtigen. Vor ihnen Taschen, die aussehen wie Gepäck, sich aber anfühlen wie Zeitmaschinen. Gefüllt mit kleinen Schätzen: Spiele, Boxen, Raritäten. Alles von einem ganz eigenen, besonderen Wert. „So ein altes Game-Boy-Spiel erinnert mich total an meine Kindheit.“ Man hört förmlich den leisen Tastenklick der Erinnerung.

In der Halle: „So um eins haben wir mal 750 Menschen gezählt“, sagt der Veranstalter. Und man glaubt es sofort, weil sich diese ganz spezielle Geräuschkulisse eingestellt hat. Dieses Summen aus Fachgesprächen, Plastiktütenrascheln und dem leisen elektronischen Klicken von irgendwo. Eltern mit Kindern, die gerade entdecken, dass Spiele früher nicht automatisch bunt waren. Fans. Viele Fans. Und die Sorte Nerd, die man sofort erkennt, weil sie Dinge mit einer Ernsthaftigkeit betrachtet, die fast zärtlich wirkt.

Jede Convention ist anders. Da sind die „Cons“, bei denen man laut und unter Feuerwerk Darth Vader neben dem Pokémon Enton trifft und überlegt: „Kostüm oder echt?“ Und dann die anderen Cons, bei denen es mehr um Flohmarkt, Sammeln und Gemeinschaft geht. Gespräche, die klingen wie kleine wissenschaftliche Kolloquien über Plastik. Letzteres trifft eindeutig auf die heutige Retrogames Con zu. Es geht um Zugehörigkeit. Darum, dass ein Hobby plötzlich Raum bekommt, physisch wird. Kein Glitzerevent, bei dem man auf das nächste GTA immer noch wartet, sondern die gefeierte Retrospektive.

Arcade-Automaten stehen da wie freundliche alte Möbelstücke, die man plötzlich wieder einschalten darf. Auch eine Retrogaming-Zone mit rund 20 Plätzen und Spielen von Donkey Kong bis Pong. Ein Raum voller Kindheiten auf Standby. Aber die eigentlichen Stars sind die Händlerstände. Dicht gedrängt um dieses „eine alte Spiele-Modul“, das man früher schon einmal hatte, bevor es verloren ging. Oder um die Pokémon-Karte, die als superrar gilt und um mehrere Tausend Euro gehandelt wird. „Gegraded natürlich“, was so viel heißt wie „authentifiziert, inspiziert und eingekapselt“.

Gleich neben dem Eingang findet sich Tom Elz mit seiner Collection. Eine der abgefahrensten Sammlungen Deutschlands. In seinem Fundus befinden sich 291 Konsolen. Eine Zahl, die so absurd ist, dass sie sofort wieder logisch wirkt. Darunter die Panasonic Q oder auch die Philips G7200. Tom redet mit dieser leuchtenden Selbstverständlichkeit, die nur Menschen haben, die sehr genau wissen, warum sie etwas lieben: ein echter Konsolen-Archäologe.

Und weiter am Stand. „Die PAL-Version hat aber das andere Intro.“ Anerkennend nickend bestätigt der Händler: „Aber nur in der ersten internationalen und nicht in der deutschen Auflage.“ Der Vorschlag, das Intro doch einfach auf YouTube nachzuschauen, löst dieses kollektive, sanfte Entsetzen aus, das sagt: Du hast es nicht ganz verstanden, aber wir mögen dich trotzdem. „Uns ist Seriosität bei den Händlern wichtig. Wir wollen, dass hier fair und ehrlich getradet wird. Niemand soll zu Hause ein böses Erwachen haben, wenn sie oder er hier was kauft“, ist von den Veranstaltern zu hören. Und das Gesammelte verstaubt nicht nur im Regal, sondern kann tatsächlich noch gespielt werden. Briefmarken können das nicht von sich behaupten.

Emre aus Böblingen steht hinter seinem Tisch. Zum ersten Mal Verkäufer statt Käufer. Ein bisschen Nervosität, ein bisschen Stolz. „Viel verkauft habe ich nicht“, sagt er, „aber darum geht’s hier ja auch nicht.“ Und man glaubt ihm sofort.

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Neun Jahre gibt es diese Con schon, erzählt Veranstalter Bernd Kühn. „Wir reisen damit durch ganz Deutschland. Aber noch nie haben so viele Menschen wie hier geduldig und freundlich im Regen auf den Einlass gewartet.“ Ein Satz, der eigentlich alles sagt, was man über die Stimmung wissen muss.

Dann dieser Gedanke, der sich beim Rausgehen aufdrängt: Balingen kann das. Diese seltsame Fähigkeit, Dinge, die woanders Randthema sind, plötzlich in die Mitte zu holen. Heavy Metal. Kampfsport. Und jetzt eben alte Spiele, alte Rechner, alte Konsolen. Lauter kleine Beweise dafür, dass Popkultur auch in der Provinz nicht leiser, sondern oft nur ehrlicher ist.

Am Ausgang steht Ihab, um die 30, neben einem riesigen, aufblasbaren Pikachu und sagt einfach: „Ich bin glücklich.“ In der Hand fünf Spiele, im Kopf vermutlich schon der Moment zu Hause vor dem Röhrenfernseher.

Und man überlegt weiter: Vielleicht ist das hier das eigentliche Versprechen dieser Messe. Dass Vergangenheit kein Ort ist, sondern ein Knopf, den man immer noch drücken kann.