Ganz persönlich zum Artikel Heimat zwischen Wolga und Eyach

Obwohl wir ein knappes Jahr zusammen waren, hatten wir nur ein paar Tage: Iwa und ich. Ivanka oder Ivana, ich weiß es nicht mehr. Aber es war Ende der 70er. Im Kindergarten Onstmettingen-Hohberg. Ich schon in der Vorschule. Iwa war mit Eltern und Geschwistern zugezogen. Sie war schmal, hatte langes dunkles Haar und einen Mund, der traurig schaute, obwohl er zum Lachen gemacht schien. Immer ein roter Pulli mit grün-beigen Kordeln.

Ein Jahr jünger kam sie in meine Gruppe. Sie redete nicht viel. Schwäbisch sowieso nicht. War unsicher. Aber wir verstanden uns. Bis zu dem Tag, als meine Großmutter zu mir sagte: „Das ist doch eine Russlanddeutsche.“ In einem Ton, der irgendwo zwischen Entsetzen, Furcht und Ohnmacht lag.

Geprägt durch den großen Krieg, adenaueresk wertkonservativ und rechtschaffen, meinten es meine Großeltern nie böse. Doch die eigene Krisen- und Fluchterfahrung prägte ein Misstrauen. Ein Misstrauen, das Stempel verteilte.

Heute bin ich froh, dass die gesellschaftliche Entwicklung eigentlich so weit ist, dass Hintergründe akzeptiert, aber nicht als Stigma verstanden werden. Diese Erfahrung durfte ich beim Begegnungstag der Russlanddeutschen in der Balinger Stadthalle machen. In Gesprächen zwischen Generationen. In Erinnerungen, die laut ausgesprochen wurden. Ältere lernen von Jüngeren und bauen Vorurteile ab. Und andersherum. So wie es unter Menschen einfach sein sollte. Gerade in einer Zeit, in der Herkunft wieder stärker zum politischen Marker wird, sind solche Begegnungen wichtiger denn je.

Wie gerne wüsste ich, was aus Iwa geworden ist. Feiert sie heute den Valentinstag? Fasnet? Ich hoffe sehr, ihr Leben ist glücklich und gut.