Es gibt ja Ausstellungen, die sich schon beim Betreten entschuldigen. Zu klein, zu leise, zu wenig wichtig vielleicht. Und dann gibt es diese hier, die genau das Gegenteil behauptet: dass Größe eine ziemlich überschätzte Kategorie ist.

„In Albstadt scheint irgendwas im Wasser zu sein, dass Kunst hier so gedeihen kann“, sagt jemand bereits am Eingang. Plausibel. Wir sind in Lautlingen am vergangenen Samstagabend. Im Pinselstrich. Ein Bistro, das gleichzeitig Ausstellungsraum ist oder umgekehrt, je nach Tagesform. Die Gruppe24, ein Zusammenschluss von regionalen Künstlerinnen und Künstlern, stellt heute aus und hat zur Vernissage geladen.

Kleinformat heißt hier nicht „weniger“. Eher: näher ran müssen.

Es hängen Bilder an ockerfarbenen Wänden, als hätten sie sich dort nicht nur platziert, sondern kurz entschieden zu bleiben. Fünf Landschaften der inspirierten Ljiljana Babic fallen einem schon beim Eintreten, mehr tanzend als hängend, ins Auge.

Rund 40 Menschen sind da. Das Bistro voll, die Luft leicht überfordert, aber freundlich. Es ist diese Mischung aus Vernissage und Wohnzimmer, in der man nie genau weiß, ob man gerade Gast oder Teil des Inventars ist.

Das Thema der Ausstellung wird nicht einfach erklärt. Es wird umkreist. Besprochen. Wieder verworfen. Und irgendwann doch ausgesprochen, fast beiläufig: das Kleinformat selbst. Als hätte man lange über alles Mögliche geredet: Weltlage, Technik, Stimmung, Licht. Und dann gemerkt: Nett. Aber nein, eigentlich geht es uns dieses Mal um Größe. Oder besser: um das Gegenteil davon. Kleinformat heißt hier nicht „weniger“. Eher: näher ran müssen.

Andreas Chr. Beck führt durch die Ausstellung. Ruhig, präzise, ein bisschen wie ein Concierge, der nicht nur die Tür öffnet. Vielmehr erklärt, warum sie eigentlich immer schon offen war. Er spricht über Materialien, über Oberflächen, über das, was passiert, wenn Farbe nicht nur Farbe ist, sondern Entscheidung. Man merkt schnell: Hier wird nichts dekoriert, hier wird gearbeitet.

Der leicht seltsame Moment einer Ausstellung: vor den eigenen Bildern stehen und so tun, als wäre man ihnen gerade zufällig begegnet. Ljiljana Babic und Andreas Chr. Beck vor seinen Arbeiten.

Irene Bögle vertritt zwei grafische Arbeiten, die eigentlich nicht klein sind. Sie tun nur so. Hart, direkt, Edding, kein Filter. Linien, die eher schneiden als beschreiben. Minimalismus ohne Wellness-Anschluss.

Ein Fisch in Verbindung mit Erotik. Einfach so. Ohne Entschuldigung.

Angelika Kübler, Ärztin aus Ebingen, zeigt zwei Werke. Auf der Suche nach dem Wald, aber nicht als Motiv: als Zustand. Pointillistisch verschachtelte Strukturen, in denen Landschaft nicht abgebildet wird. Sie entsteht. Aus dem Nichts dieser Satz, der hängen bleibt wie ein leichter Farbgeruch im Raum: „Wir kaschieren nicht. Wir lassen frei. Und dann fliegt es.“

Und dann Temi Dikanska-Greber, die in ihren Werken förmlich schwimmt. Lebendig, farbig und in die Nähe einladend.

Karin Beck arbeitet mit Collagen. Beck erklärt: Papier hat Oberfläche. Papier hat Charakter. Dazwischen Motive wie Glaube, Liebe, Hoffnung, aber nicht als Programm, eher als Restbestände einer inneren Ordnung. Ein Fisch in Verbindung mit Erotik. Einfach so. Ohne Entschuldigung.

Die „Gruppe24“ taucht als Idee im Raum auf, nicht als fertige Institution. Eine Gruppe, die sich gegründet hat, um Dinge sichtbar zu machen, Austausch zu ermöglichen, auch mit jüngeren Menschen. Vielleicht ein Kunstverein im Werden. Einfach ein Versuch, Dinge nicht immer allein machen zu müssen.

Sylvia Bitzer zeigt eine Arbeit, in der das Meer keine Landschaft mehr ist, sondern Verdichtung. „Begegnung mit Ewigkeit“, sagt jemand. Blau, maritim, Thomas-Mann-Atmosphäre, ohne dass jemand Thomas Mann ruft. Materialien mischen sich: Textilien, Fundstücke, Überlagerungen. Das Bild ist kein Fenster, eher ein Gedächtnis.

Qualität hängt nicht am Format. Nicht am Studium. Nicht am Namen. Nicht an der Größe. Sondern daran, ob jemand wirklich hingeschaut hat. A

Dann Andreas Chr. Beck selbst noch einmal. Eigene Arbeiten. Fett als Material. Zufall als Methode. Spuren, die nicht geplant wirken und genau deshalb bleiben. Kafka, aber nicht als Zitat, eher als Stimmung nach dem Lesen. Eskalationsstufen im Bildraum. Ein leises Unwohlsein, das nicht stört. Vielmehr interessiert.

Erst ein Blick. Dann noch einer. Und plötzlich steht man länger davor als geplant. Zwei Besucher vor einer Arbeit von Sylvia Bitzer. Der vielleicht schönste Zustand einer Ausstellung: kurz vergessen, dass man eigentlich nur „mal schnell schauen“ wollte.

Hanna Keul zeigt vier lachende Menschen. Balinger Street-Art-Szene, katalogisiert, beobachtet, fast dokumentarisch. Und trotzdem kippt es nicht ins Soziologische, weil da etwas durchbricht: diese seltsame Energie von Gesichtern, die nicht nur dargestellt sind.

Wieder dieser Gedanke zwischen all den Gesprächen nach der Führung, der sich durch alles zieht, ohne dass jemand ihn wirklich festhalten muss: Qualität hängt nicht am Format. Nicht am Studium. Nicht am Namen. Nicht an der Größe. Sondern daran, ob jemand wirklich hingeschaut hat. Am Ende stehen da diese Bilder, klein, groß im Kopf, und ein Raum, der kurz so tut, als wäre Kunst nichts Besonderes. Nur um genau in diesem Moment zu zeigen, dass das natürlich nicht stimmt.

Bis zum 6. Juni läuft das Ganze noch und kann zu den regulären Öffnungszeiten des Bistros gesehen werden. Drei Wochen, in denen sich das Kleine noch ein bisschen größer machen darf.