The Sisters of Mercy in der Frankfurter Batschkapp
„Das hätte ja sonst wer sein können da auf der Bühne“, sagt sie lachend. Ihre Freundin lacht mit. Es ist Sonntagabend in der Frankfurter Batschkapp und wir stehen am Merchstand. Die Schlange der Bedürftigen ist ganz schön lang. Das Konzert von The Sisters of Mercy ist gerade zu Ende. „40 Euro für ein Shirt geht eigentlich“, sagt einer. Stimmt wahrscheinlich.
Wobei man sich schon einmal anschauen darf, wer hier gerade 40 Euro für ein Shirt ausgibt. All jene, die Ende der 80er, auf dem kommerziellen Höhepunkt der Sisters, zwischen 16 und 24 waren. Das perfekte Alter für Die-hard-Fans. Und heute? Heute sind sie in einem Alter, in dem man sich Gedanken darüber macht, was man den Enkeln zu Weihnachten schenkt. Ein Sisters-of-Mercy-Shirt vielleicht?

Real Farmer verkaufen ihre Shirts selbst. Sie reden mit den Menschen, geben Autogramme. Fotos. Die Bassistin Marrit Meinema ist am Dauerlächeln. Nur der Sänger ist nirgends zu sehen. Wieso? Dazu müssen wir zurück auf Anfang.
Am Eingang
Also: tick tack, Uhr zurück. Die schwarze Stretchjeans liegt irgendwo wirklich ganz hinten im Schrank. Die von damals. Diese Jeans, die man all die Jahrzehnte mitgeschleppt hat, immer mit dem Gedanken: Irgendwann werde ich sie wieder brauchen. Ganz bestimmt. Und heute soll also dieser Tag sein. Manchen passt sie noch. Stretch ist dankbar. Der Rest? Natürlich auch schwarz. Von hell bis dunkel.
Die Schlange vor der Eventhalle, die man als Zwitter zwischen ausgewachsener Livelocation und schnuckeligem Club sehen kann, reicht bis vor zur Straße. Ausverkauft. Rund 1500 Menschen, die kollektiv noch einmal zurück in vergangene Zeiten schauen wollen. Oder wenigstens in deren Kleidung.
Real Farmer
Kurz nach 20 Uhr geht es los. Real Farmer heißt die Vorband. Eine Postpunkindirockgarage-Band aus Groningen. Gegründet irgendwann 2017. Zwei Alben, mehrere EPs. Vorprogramm für alle möglichen. Von den Babyshambles bis zu The Libertines. Heute Abend in Frankfurt ist das erstaunlich unprätentiös.
Sie stimmen ihre Klampfen selbst. Sie haben ihre festen Bühnenpositionen, auf denen sie stehen. Es scheint, als hätte jemand gesagt: „Da müsst ihr bleiben. Range 20 cm.“ Bis auf Jeroen Klootsema. Der Sänger hat zwei Meter mehr. Die läuft er auch. Dauernd.

Der Sound: kantiger Postpunk, Garagerock, klagende Wut und gelegentlich ein Schuss Melancholie. Songs, die ihren eingeschlagenen Weg nicht unbedingt verlassen. Jeroen erinnert stimmlich an Jim Morrison auf Talking Heads. Anklagend. Worte eher als Geräusch denn als Information. Ein Mann mit offensichtlich einigem, über das er sich beschweren kann. Beschweren muss.
„Leute, ihr wisst: Es ist jetzt erlaubt. Wenn jemand von euch Weed hat, könnte er oder sie mir was abgeben. Einfach da hinten beim Merchstand.“ Alle lachen.
Mit der Musik weiß das Publikum zunächst aber nicht so recht, was es mit den Niederländern anfangen soll. Es wippt, die Hände bleiben unten. Die Songs kämpfen mitunter mit ihrer Struktur, die Formation versucht das mit Dynamik auszugleichen: leiser, lauter, aber meistens im selben Tempo. Nach 30 Minuten ist Schluss. Plötzlich Stopp, mitten im Lied. Die Jungs und besagte Bassistin bauen selbst ab und rollen die Kabel zusammen. „The Drumkit has left the building“, scherzt jemand.
Nicht unbedingt ein Triumphzug. Aber vielleicht ist das auch der falsche Maßstab: Real Farmer sind eine junge DIY-Gruppe, die hier vor mehr als tausend Menschen spielt, die eigentlich wegen einer Formation gekommen sind, deren erste große Platten entstanden, als die meisten dieser Zuschauer noch sehr jung waren. Potenzial ist da. Noch ist da Luft nach oben. Mal sehen, ob sie die nutzen.
Das große Warten
Der Umbau zieht sich. Ewig. Aus den Lautsprechern kommt nicht etwas Musik, sondern ein quasi einstündiges Intro. Chöre, Geräusche, Geraschel. Ein Blick ins Publikum: Viele, korrigiere: alle tragen Schwarz. Manche offensichtlich seit Jahrzehnten. Andere kommen im Nirvana-, Slayer- oder Maiden-Shirt. Manche mit Kutte. Die Mischung passt zur Geschichte: Gothic, Punk und Metal waren bei den Sisters nie sauber voneinander getrennt.
The Sisters of Mercy sind eine dieser Bands, bei denen das mit der Zeit etwas kompliziert ist. Gegründet 1980, prägten sie mit ihrem düsteren Mix aus Industrial und elektronischer Drum-Machine, Dr. Avalanche, einen neuen Stil: Gothic Rock. Kommerzieller Höhepunkt dann 1987 mit Floodland. „This Corrosion“. „Lucretia My Reflection“. „Dominion/Mother Russia“. Songs, die im kollektiven Gedächtnis einer damaligen Jugend hängen geblieben sind. Andrew Eldritchs Projekt war endgültig eine große Nummer. 1990 folgte Vision Thing.

Härter. Gitarrenlastiger. „Doctor Jeep“, „More“, „Detonation Boulevard“. Weniger Gothic-Nebel. Mehr Rock. Mehr Metal. Danach wurde es auf Platte erstaunlich still. Vision Thing ist bis dato das letzte reguläre Studioalbum. Seit mehr als 30 Jahren leben die Sisters deshalb vor allem auf der Bühne weiter.
Sisters of Mercy
Licht aus. Gitarren an. Im wahrsten Sinne. Seit jeher spielen sie in der Finsternis. Nur von hinten und unten beleuchtet, sind sie der Super-GAU jedes Konzertfotografen. Von denen heute aber leider sowieso keiner zugelassen ist. Das Bühnenbild ist ein Mix aus Farben, Nebel und den schemenhaften Umrissen der Musiker. Ein Teil des bewussten künstlerischen Wirkens von Eldritch. Schatten statt Show. Was auch den netten Nebeneffekt hat, sich auf der Bühne nicht unbedingt jünger schminken zu müssen.
„Ribbons“ und „Don’t Drive on Ice“. Mit „Alice“ geht es anschließend weit zurück in die frühe Geschichte der Band. „Marian“ gehört dabei zu den Klassikern der frühen Sisters und
verbindet den düsteren Sound mit einer ungewöhnlich direkten Sehnsucht. „First and Last and Always“ erzählt vom Ende einer Beziehung und wirkt fast wie ein Abschiedsstück.
Auffällig ist die vielschichtige Gitarrenarbeit von Ben Christo und Kai. Harte Riffs, viele Soli, prägnantes Melodiespiel. Eben diese Bereicherung, die man von Livemusik erwartet: Was auf Platte manchmal nach kühler Elektronik klingt, bekommt in der Venue deutlich mehr Druck.
Andrew Eldritch steht mit Sonnenbrille – soweit man das erkennen kann – auf der Bühne und macht sich ansonsten rar. Zwischen den Songs: keine Ansagen. Kein Hallo, kein Blabla. Man könnte jetzt sagen: Au Mann, sind die abgehoben. Oder man könnte sagen: Die Sisters lassen halt die Musik für sich sprechen.
Kopfnicken statt Tanzen. Ist man etwas eingerostet? Nur die Handys sind in Dauerbewegung. Menschen, die sich später mehr an ein Konzert erinnern, als dass sie es tatsächlich erlebt haben.
Die härtere Seite des Abends zeigen „Doctor Jeep“ und „Detonation Boulevard“. Später folgen mit „More“, „Eyes of Caligula“ und schließlich „On the Beach“ drei der großen Songs aus unterschiedlichen Werksphasen. Gerade „More“ verbindet dabei den bombastischen Sound von Eldritch mit Jim Steinmans Produktionsästhetik. Nach rund 60 Minuten endet das reguläre Set mit „Temple of Love“.

Zugabe. Das fast schon politisch-kritische „Colours“, aus dem Sisterhood Œuvre, gefolgt von einem wahnsinnig breit angelegten „Lucretia My Reflection“. Und dann kommt das, worauf viele, nein: vermutlich alle, gewartet haben: „This Corrosion“. Der Song von Floodland ist eine der großen Hymnen. Im Original arbeitet Eldritch mit Chören, Bombast und einem fast religiösen Pathos. In Frankfurt ist davon vor allem die Wucht übrig. Zum Schluss übernimmt die Gitarre, während vor der Bühne zahlreiche Handys nach oben gehen.
Und viertel vor elf ist die kleine Sonntagabend-Zeitreise auch schon vorbei. Wobei die Band ihre eigene Vergangenheit längst mehr als Werkzeugkasten denn als Andenken benutzt. Sie spielen Songs aus mehr als 40 Jahren Geschichte, ohne daraus eine Nostalgieshow zu machen. Vieles bleibt dunkel, reduziert und rätselhaft. Manchmal ist das faszinierend. Manchmal aber halt auch einfach nur sehr, sehr dunkel. Und trotzdem funktioniert es: Als die letzten Gitarren von „This Corrosion“ verklingen, ist ziemlich klar, warum sie noch immer 1500 Menschen an einem Sonntagabend in die Batschkapp bekommt. Die meisten wissen halt schon ziemlich genau, worauf sie sich da einlassen.
Und sonst so?
„Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich die schon live gesehen habe. Ich liebe sie einfach.“ Sie, irgendwo 50 plus, ist mit ihrer Tochter da. Beide in schwarzen Kleidern, weißes Make-up im Gesicht und dunkle Augen. Und eben dieses freudige und freundliche Nachkonzertstrahlen liegt über beiden.
„Lieber das Shirt mit dem weißen Logo oder das mit dem roten Kreis?“ Ach was, beide. Bis Weihnachten ist’s noch lange hin. Und die Enkel haben eh viel zu viel. Und schließlich passen ja beide perfekt zur neu entdeckten schwarzen Stretch.
Am Ende wäre dann nur noch eine Frage zu klären, da hinten am Merchstand: Was wohl aus dem Real-Farmer-Sänger geworden ist?
