Er ist vielleicht Mitte 20, hat die Arme verschränkt und trägt eines dieser weißen Security-Shirts. Er heißt Josu und bewacht den Bühneneingang mit jenem Blick, der sagt: Hier kommt nur rein, wer auch wirklich reindarf. Doch halt. War das gerade ein Lächeln? Und da, bei dem Drop der DJane: Hat er da nicht gerade dieses typische „Techno-Ding“ mit seinen Händen gemacht? Und auf einmal tanzt er. Nur für Sekunden. Nur solange, dass es sein Chef nicht sieht. Einmal Raver, immer Raver.
Wir sind heute also auf dem Messegelände in Balingen. Es ist Samstag. Das Wetter überwiegend freundlich. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Eigentlich ziemlich vernünftig, wenn man vorhat, acht Stunden lang unter freiem Himmel zu elektronischer Musik zu tanzen. Und man hört den Bass bis rüber an die B27. Die Veranstaltung heißt schließlich „Bassaffekt“. Alles andere wäre sonst auch irgendwie enttäuschend.

Aber nicht die Metaller, die den Platz ja mittlerweile als den „Holy Ground“ bezeichnen, finden sich heute zusammen. Vielmehr: die Clubbing-Community. Techno mit seinem schon ziemlich kompromisslosen Subgenre „Schranz“ erobert das Messegelände. Hätten Sie gedacht, dass es eine solche Szene in Balingen überhaupt gibt? Es ist Abend, gerade Sonnenuntergang, und mehr als 500 Menschen tanzen unter dem mit einem Kran gespannten Baldachin. Mit Ü40 gehört man hier und heute bereits zu den fortgeschrittenen Senioren. DJ Guestlist aus Berlin, nebenher noch Produzent, legt auf. Die Nebelmaschine ist im Dauereinsatz. Die Beats hart, aber verträglich. Midtempo könnte man sagen.
„Techno ist Kultur und wir finden, dass sowas auch hier gelebt werden sollte.“
„Ich bin wegen ihr da“, erzählt Criss und zeigt auf seine energisch tanzende Begleitung. „Wir sind gerade erst wiedergekommen. Wir waren am Mittag schon mal hier. Aber da ging noch nicht so viel.“ Bereits um 15 Uhr hat die zweite Auflage des Bassaffekt Open Air begonnen. Emma Moon aus Australien, Axar und Robin Krützfeldt haben aufgelegt.

„Wir wollen auch lokalen Talenten die Möglichkeit geben, hier vor einem größeren Publikum aufzutreten“, berichtet Julius Vasiliadis, neben Robin Krützfeld einer der Veranstalter. Man erwischt ihn ein wenig außer Atem. Er scheint gleichzeitig überall auf der Venue zu sein. Trotzdem strahlt er. „Es ist schon immens aufwendig. Wir haben 35 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer hier und in die Vorbereitung sind mehr als 1500 Stunden reingeflossen. Techno ist Kultur und wir finden, dass sowas auch hier gelebt werden sollte.“
Techno ist mehr als elektronische Tanzmusik. Seine Wurzeln liegen vor allem im Detroit der 1980er-Jahre. Nach dem Mauerfall entwickelte sich Berlin zu einem weltweit bedeutenden Zentrum der Technokultur. Die Loveparade machte die Musik in den 1990er-Jahren zum Massenphänomen. 2024 wurde die Berliner Technokultur in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Der Zuspruch gibt ihm recht. Waren es im letzten Jahr noch rund 170 Besucherinnen und Besucher, ist die Steigerung in 2026 immens. Und das faktisch ohne große Plakatwände und Onlineauftritte. Ein wenig Instagram und lobende Worte in der Community haben genügt. Und mal ganz im Ernst: auf der ersten Loveparade waren es auch gerade mal 150 Menschen. „Unser Team ist halt der absolute Wahnsinn und die Kooperation mit der Stadt Balingen phantastisch.“ Dort scheint man begriffen zu haben, dass Kultur nicht heißt, immer wieder dieselben Bands auf denselben Bühnen spielen zu lassen. Sondern vielmehr ein Klima der Ermutigung, der Unterstützung und des Ansporns zu etablieren. Oder anders gesagt: Man muss nicht wie anderswo zwingend eine Bühne aufzubauen, auf der jemand mit einer Gitarre immer und immer wieder „Summer of ’69“ spielt. Neben dem etwas gediegeneren „Electric Garden“ ist das nun schon das zweite Festival in der Stadt, das sich mit rein elektronischer Musik beschäftigt und sich zu etablieren scheint.
Und plötzlich trifft da dann halt „Mr. Brightside“ auf einen harten Industrial-Beat und hinterlässt kollektiv tanzende Raverinnen und Raver.
Wechsel am erhöhten Pult. Fanxi B übernimmt. Sie legt aktuell hauptsächlich in Süddeutschland auf und ist heute sehr trance-lastig. Wobei „Auflegen“ im Techno nicht das Abspielen vorgefertigter Songs meint, wo man lediglich darauf achten muss, die Übergänge nicht zu sehr zu verwackeln. „Es ist ein kreativer Vorgang. Man produziert schon vor. Aber ganz viel passiert live. Man hat einen Beat, man hat Samples und man lässt etwas ganz Neues entstehen.“ Und plötzlich trifft da dann halt, wie im aktuellen Set von Fanxi B, „Mr. Brightside“ von The Killers auf einen harten Industrial-Beat und hinterlässt kollektiv tanzende Raverinnen und Raver.
Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Die Nebelmaschine verrichtet weiter ihren Dienst. Für die gibt es wohl Überstunden. Ein Foodtruck, der beim Event in der Innenstadt wohl keinen Platz gefunden hat, steht bereit. Getränkepreise sind human und vor den Toiletten ist ein kleiner „Help“-Stand aufgebaut. Vom kostenlosen Tampon bis zum Pflaster ist hier zwar nicht an alles gedacht – ein Defibrillator war nicht zu entdecken –, aber zumindest an ziemlich viel. An den Abläufen in der Gastro und beim Einlass ist sicherlich noch das eine oder andere verbesserungswürdig. Doch wer möchte dies den Veranstaltern bei der zweiten, etwas größeren Veranstaltung zum Vorwurf machen? „Es ist noch kein Meister …“ Und so.

Die Anlage gibt ordentlich Druck, nur beim Licht musste wohl noch ein wenig gespart werden. Ein paar bewegliche LED-Strahler sind in ihrer Originalität halt doch etwas beschränkt. Aber: dafür dann halt noch mehr Nebel.
Die ganze Tanzfläche und auch das Drumherum bewegt sich. Herr Summit, based in Stuttgart, kommt auf die Bühne. Harte Beats. Teils afrikanisch, teils aus einem Freestyler-Sample. Er beginnt mit „Feuerzeug & Benzin“ von POLTERGST. Unnachgiebig und gnadenlos: Schranz. Vor und hinter ihm Tänzerinnen und Tänzer. Unirritiert legt er hochkonzentriert auf. Dann ein kurzer Platzregen. Niemand geht. Die Raverinnen und Raver lassen sich von so was sicherlich nicht stören. Es regnet. Es wummert. Und mehr als 500 Menschen tanzen. Einfach so. Balingen kann auch das.
„Feuerzeug & Benzin“
Um 23 Uhr wird hier Schluss sein und sich ein Teil der Menschen zur Aftershow-Party in der Innenstadt zu den Aftershow-Experten des Sonnenkellers bewegen. 150 Tickets gab es und bis auf wenige Rückläufer waren sie vor Wochen schon ausverkauft. Bis um 4 Uhr soll diese dann mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern an den Turntables gehen.
Und wenn man den Veranstaltern auf Instagram (@bassaffekt) folgt, kann man hoffentlich schon bald den Termin für das Bassaffekt 2027 in den Kalender eintragen. Spannend sicherlich nicht nur für Szenemenschen. Sondern auch für Security-Leute. Einmal Raver, immer Raver.
