Zehntausend Menschen. 36 Grad. Mindestens. Eher: gefühlte Oberfläche der Sonne. Kostenloses Wasser. Das klingt nach Fürsorge, ist aber in Wahrheit schlicht Überlebensstrategie. Irgendwo kämpft ein Tontechniker mit einem Bass, der noch nicht so richtig klingen mag. Vor der Bühne filmt jemand seit geschlagenen acht Minuten ein Konzert, das er sich vermutlich nie wieder anschauen wird. Willkommen beim Würth Open Air.

Es hat mittlerweile einen festen Platz im Kulturkalender der Region. Und nicht nur in diesem. Seit 1997 geben sich auf dem Firmen-Festivalgelände in Künzelsau nationale und internationale Stars die Klinke in die Hand. Jahr für Jahr wieder gelingt es den Festivalmacher*innen, ganz besondere Line-ups zusammenzustellen. Frida Gold, Sting und Mark Forster (damals, als ihn noch niemand hören wollte) waren schon da. Und viele mehr.

Zehntausend Menschen. 36 Grad. Mindestens.

Diesen Freitag sollen es nun Zucchero und Anastacia werden. Nena war eigentlich auch geladen. Die Gute hat sich allerdings die Hand gebrochen und muss kurzfristig absagen. Hand, Stimmbänder, hängt ja alles irgendwie zusammen. Ganzheitlich. Alphaville springen kurzfristig ein. Also 80er gegen 80er. Und doch so viel mehr. Aber von vorne.

Alles da und korrekt. Nur: wenig Risiko, wenig Riss, wenig Moment.

„One Day in Your Life“. Anastacia, eine der vielen Königinnen des Pop. Pünktlich auf der Bühne. Trotz der Hitze sitzt das Make-up. Langer grüner Mantel, solide Band im Hintergrund, die einfach ihren Job macht. Nur der Techniker hat keinen guten Tag erwischt. Ein Bass, der funkig vor sich hin slappen sollte, klingt ab und an wie eine Reinkarnation aus dem Hause Motörhead. Routiniert geht’s durch die eigenen Hits. Von Paid My Dues bis hin zu I’m Outta Love. Nähe und Spontanität stehen leider nicht mit auf der Setlist. Man covert von den Toten Hosen: An Tagen wie diesen, holprig transportiert in ein „Best Days“. Das Publikum nickt eher, als dass es tanzt. „Es ist okay, wenn ihr mich liebt“, sagt die Diva. Das Publikum nickt weiter. Etwas enthusiastischer. Flugs noch ein Guns-N’-Roses-Cover. Der Mischer vergisst, dass es schön, ja vielleicht sogar wichtig wäre, vor allem hier auch die zweite Gitarre zu hören. Was bleibt, ist eine unglaubliche Stimme. Voll Soul und Pop. Die über baukastengleiche Songs trägt. Alles da und korrekt. Nur: wenig Risiko, wenig Riss, wenig Moment. Einer mit einem Check24-Shirt läuft desinteressiert vorbei. Sonnenrotgebrannt. Das Wort „Bier“ auf seinen Lippen. Manchmal geht’s halt um Alternativen. Kurz vor 7 ist die Show vorbei. Anastacia dreht sich um, sagt zu jemandem: „We’re done here?“, und geht. Viel bleibt nicht zurück. Außer: ein solides „nett“.

Anastacia. Königin des Pop, jedenfalls auf dem Papier und in der Setlist. Live dann eher: kontrollierte Energie unter Hitzebedingungen, die das Make-up nicht ins Schwitzen bringen. Alles sitzt, nur der Sound oft nicht. Der Rest: routiniert durch die eigenen Hits, als wären sie gut sortierte Erinnerungen, die man noch einmal kurz abruft, bevor es weitergeht.

Kurzer Umbau, die Sonne bleibt und tut ihr Werk. Social-Media-Teams schlurfen durch die Gegend und versuchen, Menschen zu Bildern zu überreden: alles für die Cloud. Freundlich, zielgerichtet, leicht verzweifelt. Die Leute wollen heute nur eins: Schatten. Zwei Nebelduschen links und rechts am Venue-Zugang sind Oasen der Freude. Das Publikum: eher etwas erwachsener, eher festivalunerfahren. Schicke Kleidung, unkoordiniertes Stehenbleiben im Fluss und Segeltuchschuhe. Keine Boots. Würth ist halt auch nur einmal im Jahr.

Marian Gold, 72, und offensichtlich jemand, der den Begriff „Bühnenalter“ eher als Empfehlung versteht denn als Grenze. Er bewegt sich, singt, erklärt nicht viel, und genau dadurch wirkt es wie eine sehr direkte Form von Zeitreise: 80er nicht als Nostalgie, sondern als Gegenwart mit Synthie-Unterstützung.

„Are you ready for the show?“,

Weiter mit Alphaville. Helden der 80er, aber nie mit großem Skandal im Gepäck. Mehr Musiker als Enfant terrible. Sänger Marian Gold ist mittlerweile 72 Jahre alt. Er hüpft, er läuft, er singt trotzdem, als wäre ihm das ziemlich schnurz. Seine Band tut es ihm gleich. „Are you ready for the show?“, sagt er. „Ja klar, gerne“, antwortet man. Gefälliger Synthie-Pop. Hier und da ein Hauch Pink Floyd, dort ein wenig Human League und allgemein emotionstiefer als erwartet. Klar, die Hits kommen dann auch: zuerst „Big in Japan“. Gold sagt, dass die Band sich immer als Geschichtenerzähler gesehen hat. Und man versteht, dass die Hits die Geschichten immer überdeckt haben. Dann das Unvermeidbare: „Sounds Like a Melody“. Energische Mitfünfzigerinnen tanzen sich aus den hinteren Reihen nach vorne. Mitten durch die Handyaufnahmefraktion beim FOH. Wenn man so spickelt, was die eine oder der andere so auf dem Handy aufnimmt, kommt man ja schon immer wieder ins Zweifeln: „Diesen 45-Minuten-Mitschnitt wird doch bestimmt nie wieder jemand anschauen wollen.“ Waren es früher die Papiertickets, so ist mittlerweile das Handy-Video der Daseinsnachweis. Zum Abschluss das noch Unvermeidbarere: „Forever Young“. Okay. Der letzte Ton: nicht perfekt. Aber egal. Alles in allem überraschend gut. Gold verabschiedet sich mit einem Danke: „Tschüss und macht was aus eurem Leben.“

Oma Jali zu Konzertbeginn. Allein im Zentrum der Bühne, als würde hier nicht ein Act eröffnen, sondern ein Raum kurz neu gestimmt werden. Unfassbares Talent und Eleganz. Stimme, Haltung, Präsenz – und plötzlich ist die Temperatur im Publikum nicht mehr nur meteorologisch erklärbar.

Dann Zucchero. Wobei: zuerst die gebürtige Kamerunerin Oma Jali. Eigentlich für den Backgroundgesang zuständig. Jetzt: Alleine, im Zentrum der Bühne. Fast ritualhaft. Einem Gebet gleich. Sie singt „Oh, Doctor Jesus“. Fitzgerald & Armstrong im Hintergrund der Erinnerung. Oder im Vordergrund. Man weiß es nicht genau.

Man will sein Freund sein.

Manche fragen sich ja bis heute, wie jemand, der so altmodische Blues- und Rockmusik auf Italienisch (ja, Italienisch!) macht, international so erfolgreich sein kann. Diese Frage beantwortet Zucchero unprätentiös. Er kommt auf die Bühne, schwerer Gang, ein Gesicht wie ein Archiv. Stellt sich vor sein Mikro und macht Musik. Einfach nur so. „Spirito nel buio“ und „Music in Me“. Und man will sein Freund sein. Sofort. Was trinken, in alten Zeiten schwelgen. Italienisch lernen, um zu verstehen, was er einem in seinen Liedern erzählt. Weil: Nach all diesen Jahren auf der Bühne hat Zucchero immer noch was zu sagen. Die Band um ihn herum? Begeisternd. International. Nehmen wir nur mal Kat Dyson. Früher Mitglied der „New Power Generation“ um Prince, heute vor 10000 Menschen mit Zucchero in Künzelsau: „Baila Morena“ – under the moonlight. Wie kraftvoll.

Kat Dyson an der Gitarre. Früher Prince-Welt, heute Zucchero-Universum, dazwischen vermutlich noch ein paar andere, von denen man nur ahnt. Spielt, als sei alles gleichzeitig Erinnerung und Auftrag. Und während andere noch überlegen, ob das jetzt Funk oder Rock ist, ist sie längst beim nächsten Riff.

Nun schnappt sich der Meister selbst die Gitarre. „Facile!“ Eben keine Baukastensongs, sondern Lieder, die Gefühle erklären. Gefühle erzeugen. Die Hälfte des Konzerts muss vergehen, bis Zucchero mit den Menschen spricht. Englisch sei nicht seins. Deutsch sowieso nicht. Deshalb wolle er lieber die Musik sprechen lassen: „You understand what I try to say: music talks.“ Er setzt sich, mit Akustikgitarre. Ein Song über Freiheit, die in den heutigen „suspicious times“ einfach wichtig sei. Also: „Libertà!“ Und es klingt nicht nach Phrase.

„Buona fortuna, grazie“

Bis Oktober sei man auf Tour und freue sich vor allem auf die deutschen Konzerte: „Deutschland war immer gut zu mir. Von Anfang an.“ Eine weitere Ballade alleine: „Il suono della domenica“. Zum Umarmen schön. Auch die Huldigung an den Meister Luciano Pavarotti mit dem Stück „Miserere“. „Klatscht weiter, für euch und für Luciano da oben.“

Das Blues-Brothers-Look-alike „Diavolo in me“ läutet das Konzertende ein. Wenige gehen schon: die Autodrängelei bei der Wegfahrt vermeiden wollend. Verrückt. Zucchero kommt noch mal zurück auf die Bühne. Mit Hut diesmal: „Senza una donna“. Und dann aus. „Buona fortuna, grazie“, ruft er uns noch zu.

Der Geruch von Sonnencreme liegt beim Gehen immer noch in der Luft. Gesittet drängeln die Menschen auf den Parkplatz. Irgendwie hat man diesen heißen Sommertag gemeinsam überstanden. Und irgendwo dazwischen ein neuer Freund. Nicht unbedingt eine Person. Eher ein Gefühl mit dem Namen Zucchero.

Zucchero und Band. International aufgestellt wie ein kleines Musikvereinteamsmeeting, nur mit deutlich besserem Soundtrack. Der Meister selbst: Gesicht wie ein Archiv, Stimme wie ein Angebot, das man nicht ablehnen darf. Und die Band dahinter: so gut eingespielt, dass selbst Chaos hier nur wie eine Stilfrage wirkt.