„Ist fünf Euro ok?“ Er sagt das mit einer Mischung aus Hoffnung und Entschuldigung. In der Hand: ein kleiner, eckiger Wecker. Junghans. So ein Ding, das früher auf Nachttischen stand, als Nachttische noch Nachttische waren und nicht Ladestationen. Axel Klädke, Geschäftsführer des Juwels, lächelt: „Aber selbstverständlich. Ich hab dahinten noch andere, wenn Du schauen möchtest. Aber sag mal, wie hat’s Dir heute gefallen?“ Jetzt lächeln beide. Kurz nach Mitternacht in Margrethausen. Dem, wie manche sagen, größten Wohnzimmer von ganz Albstadt. Und gerade deshalb stehen hier Menschen herum, reden über Musik, kaufen Wecker und wollen eigentlich noch nicht nach Hause.

Gerade haben „She’s the Boss“ ihr Set beendet. Aber drehen wir den kleinen Junghans nochmal zurück: 19:30 Uhr. Der Raum ist für 140 Leute zugelassen. 140 kommen. Das allein ist schon eine kleine Nachricht. 20:30 Uhr. Licht aus. Musik an. Alltag weg.

Damals hatte man eine Sängerin gesucht, aber mit ihr gleich eine Frontfrau gefunden.

„She’s the Boss“ gehören seit Jahren zu diesen Bands, die auf der Alb einfach da sind. So wie bestimmte Kneipen. Oder bestimmte Menschen. Man weiß gar nicht mehr genau, wann man sie zum ersten Mal gesehen hat. Gegründet in den frühen 2010ern von Rainer Konzelmann. Bassist und gleichzeitig so etwas wie der In-and-Out-Manager der Band. Einer dieser Musiker, die gleichzeitig spielen, organisieren, telefonieren, Termine machen, Probleme lösen und wahrscheinlich im Notfall noch den Anhänger rückwärts einparken können. Irgendwann 2016 kam dann Mary Wild in die Formation. Damals hatte man eine Sängerin gesucht, aber mit ihr gleich eine Frontfrau gefunden. Die letzten Jahre waren sie sowohl in kleineren Clubs mit 100 Leuten wie auch auf größeren regionalen Bühnen live zu sehen. Sie covern hauptsächlich. Kein Metal, kein Schlager: Rock. Echten Rock. Handgemacht.

Mary Wild zeigt in Richtung Publikum. Oder Kamera. Oder Zukunft. Ganz sicher lässt sie keinen Zweifel daran, wer an diesem Abend das Mikrofon und die Aufmerksamkeit fest im Griff hat. Rechts daneben: Bassist und Bandgründer Rainer Konzelmann.

Von der Bühne tönt „Radar Love“. Ein Song, der sofort nach Autobahn klingt. Nach Nacht. Nach zu schnell fahren. Nach Dingen, die man heute wahrscheinlich nicht mehr erzählen sollte. Die Tanzfläche ist voll. Eigentlich müsste man dazu sitzen und lässig nicken. Macht aber niemand. Die Leute tanzen. Passt also.

Eine Enfant terrible im besten Sinne.

„Wir haben uns erst um halb acht dazu entschlossen, hierher zu gehen. Es war die beste Entscheidung des Tages.“ Sagen zwei Frauen. Und dann dieser Satz über Ehemänner, Kinder und das Leben dazwischen. Man kennt das. Man plant Wochen im Voraus und scheitert. Oder entscheidet sich spontan und erlebt plötzlich einen Abend, über den man am Montag noch spricht.

Mary singt barfuß. Erzählt, wie sie sich vor Wochen das Bein bei einem Konzert brach und dass sie noch ein wenig wacklig wäre. „Einen Spagat gibt es erst beim nächsten Konzert wieder“, ruft sie in die Menge. Die Leute lachen. „Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die heute mal nicht überall rumklettert“, scherzt eine nebendran. „Ab und zu ist sie ja fast schon ein wenig zu intensiv.“ Eine Enfant terrible im besten Sinne.

Matthias Klein und Jürgen Lauble an den Gitarren sind neu bei „She’s the Boss“. Der Margrethausener Thomas Thiel am Schlagzeug auch. Das vergangene Jahr war offenbar nicht immer einfach. „Manchmal menschelt es halt“, meint Konzelmann offen und unumwunden. Mehr muss man über Bandgeschichte oft gar nicht wissen.

Mit den Personalveränderungen hat sich auch der Sound entwickelt. Geerdet waren sie ja schon immer. Handwerk und keine flimmernde Blingbling-Videoleinwand. Jetzt aber noch voller. Breiter. Luftiger. Ungezwungen und immer auf den Punkt. Das Setup, wieder mit zwei Gitarren anstatt nur mit einer, gibt dem Ganzen Volumen und Breite. Alles klingt etwas größer. Thiels Schlagzeug trägt dabei energetisch. Und trotzdem fühlt sich das Ganze seltsam vertraut an. Wie fünf Leute, die tatsächlich gerne miteinander auf einer Bühne stehen. Ein Gedanke, der erstaunlich selten geworden ist. Fünf Freunde.

Die Gitarristen werfen sich Soli zu wie andere Leute Tischtennisbälle.

Ein packendes „Paranoid“. „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers. „Das war doch gerade George Michael?“ Natürlich war das gerade George Michael. Die Gitarristen werfen sich Soli zu wie andere Leute Tischtennisbälle. „Personal Jesus“ von Depeche Mode. Es sind keine seelenlosen Standards, wie man sie von dahergelaufenen Rummelplatz-Partybands zu hören bekommt. Die Leute tanzen immer noch. Singen mit. „Wild Horses“. Songs wie verlorene Perlen, die gemeinsam geborgen werden wollen.

„Da ist ein Haken an meinem BH auf, kannst Du mal helfen?“, ruft Mary. Holy Diver! Eine Freundin kommt lachend auf die Bühne. Hilft. Rock’n’Roll ist manchmal weniger Glamour als gedacht. Und genau deshalb oft besser. „Sweet Dreams“ wird gespielt. Härter. Schneller. Direkter als von Manson.

Manche Songs hört man. Andere singt man mit geschlossenen Augen. Mary Wild entscheidet sich an diesem Abend für beides. Augen zu, Musik an, Alltag aus.

Ein paar Meter weiter läuft jemand mit einem WOM-Shirt zur Theke. WOM! Allein dieses Wort ist schon eine Zeitmaschine. Einst eine Metaldisco in Balingen. Plötzlich sind die Neunziger wieder da: Corso-Mitte, pilgern ins Heuby. Ozzy, Lemmy und Ronnie. Und jede und jeder mit einem Guns N’ Roses Patch auf der Jeansjacke. Zu viele Zigaretten. Zu wenig Schlaf. Und irgendwo läuft immer Musik.

„Die Mama muss aufs Sofa“

Das Juwel, bei Tageslicht ein schmucker Trödelladen in Margrethausen. Sobald es am Wochenende aber dunkel wird, neben dem Sonnenkeller der letzte verbliebene Liveclub im Landkreis. Eine dieser seltenen Einrichtungen, die niemand geplant hat und die deshalb funktionieren. Während anderswo Kulturkonzepte von Dezernenten geschrieben werden, stellt man hier einfach eine Bühne auf. Fernab von Förderlogiken. Seit über zehn Jahren. Nur so. Weil man findet, dass es das geben sollte.

„Die Mama muss aufs Sofa“, sagt Mary irgendwann. „Zusammen sind wir immerhin knapp 300 Jahre alt“, ergänzt Konzelmann. Rechnen Sie selbst. Jetzt noch „Nothing Else Matters“, „Seven Nation Army“ und „Turn The Page“. Keine Songs für den Sprint. Songs für die Zielgerade. Für Menschen, die wissen, dass ein guter Abend nicht lauter werden muss, um größer zu werden.

Man sei, nach den drei Stunden Programm, glücklich mit der neuen Besetzung und schreibe bereits an einem neuen Album, berichtet Konzelmann. „Und natürlich werden wir wieder viele Konzerte spielen. Viele Konzerte!“ Gut so. Für die Band, aber auch für den ländlichen Raum.

Draußen ist’s nicht kalt. Fast eins. Manche stehen noch beim Rauchen, andere diskutieren die nächste Veranstaltung im Juwel. Der Mann mit dem Junghans-Wecker ist längst weg. Vielleicht steht das Ding inzwischen auf einem Nachttisch. Vielleicht klingelt es morgen früh. Vielleicht erinnert es seinen Besitzer daran, dass Zeit vergeht. Das tut sie ja immer. Nur manchmal, in seltenen Nächten, in kleinen Clubs, irgendwo zwischen „Radar Love“ und „Turn The Page“, tut sie für einen Moment so, als würde sie es nicht.

Während Gitarrist Jürgen Lauble arbeitet, kümmert sich Mary Wild um die wichtigen Dinge: Show, Unterhaltung und die überzeugende Illusion, ebenfalls gerade ein Solo zu spielen. Zumindest optisch.