Hechingen. Sonntagabend. 22 Uhr. Also diese Uhrzeit, in der auf normalen Dorffesten längst Menschen anfangen zu sagen: „So. Langsam.“ Und dann sagen sie es noch viermal und stehen trotzdem noch eine Stunde herum. Wir sind beim vierten Country Festival in der Domäne. Tennessee, Biergarten, Süddeutschland, Sonnenuntergang und Leute mit Cowboyhüten. Hinter uns liegen bereits drei Festivaltage und fünf Country-Coverbands. Die Füße sind mittlerweile schwer: Manche Cowboystiefel wurden bestimmt schon durchgetanzt. Viele Country- und Westernfans hat es in die Zollernstadt gezogen. Einige reisen mit Campern aus ganz Süddeutschland an. Dennoch: Zeit für einen Plausch ist ja immer. „Wir sind die Rising Sun Dancer aus Gruol“, sagt eine der jung gebliebenen Frauen. „Bei Haigerloch“, ergänzt eine andere lachend. „Und am 17. Oktober ist unsere große Line-Dance-Party im Ort.“ Ein Pärchen klinkt sich ins Gespräch ein: „Wir besuchen euch bestimmt. Aber dann kommt auch ihr uns im Oktober in Neuried besuchen?“ Auf jeden Fall.

„Louisiana Saturday Night“ von der Bühne, davor zufriedene Gesichter. Die Countryholics spielen sich durch den Abend, irgendwo zwischen Wildwestromantik und dem Gefühl, morgen vielleicht ein richtiger Cowboy zu werden. Ob man das in Tennessee genauso machen würde, weiß niemand so richtig. In Hechingen jedenfalls schon.

Aber von Anfang an: Am Freitag stehen die Jungs von den „Countryholics“ auf der Bühne. Mit einem eher ungewöhnlichen Set, in dem sich der „Unknown Stuntman“ aus der Serie „Ein Colt für alle Fälle“ problemlos mit „Louisiana Saturday Night“ trifft. Statt Notenständer sieht man die mittlerweile obligatorischen digitalen Notenhilfen. Der Wilde Westen kommt inzwischen offenbar ebenfalls mit iPad daher. Laut Veranstalter sind 110 Menschen da. Sänger Thomas „Stampi“ Stampka: „Jetzt spielen wir ein Lied von den Chicks. Früher hießen die anders.“ Die Gruppe änderte im Juni 2020 aus Protest gegen Rassismus und Benachteiligung von Schwarzen ihren Namen und strich das „Dixie“. „Some Days You Gotta Dance“ ertönt aus den Boxen. „Eigentlich sind wir hier ja nicht politisch“, sagt jemand über den Tisch. „Aber Haltung haben wir trotzdem“, sagt jemand anderes schmunzelnd. Wie schön. Es ist in der Tat ein buntes Völkchen, das sich hier zusammengefunden hat. Einig darin, eine gute Zeit zu verbringen. Und das gemeinsam.

Line Dance wirkt von außen manchmal wie ein sehr komplizierter Sportunterricht. Und gleichzeitig wie die entspannteste Sache der Welt. Eine Mischung aus Sport, Gedächtnistraining und sehr guter Laune.

Mit „R.E.A.C.H. Country“ geht es am Mittag des zweiten Tages weiter, bevor die „Benzville Bros“ dann am Abend das Publikum vor die Bühne ziehen. Es ist deutlich mehr los als am Vortag. Rund 350 Menschen, wie es heißt. Wieder ist das Wetter der heimliche Star. Das erste Wochenende, in dem das Wort „Sommer“ nicht nur eine entfernte Hoffnung ist. Im Hintergrund covert man „Copperhead Road“ von Steve Earle. Und, für Außenstehende verwundernd, sind die Reihen vor der Bühne immer voll mit Tänzerinnen und Tänzern. Line Dance scheint auf der Zollernalb wirklich eine richtige Sache zu sein. In den Reihen finden sich ganze Familien wieder. Von der Oma bis hin zur jungen Mutter, die ihre Schritte mit Tragetuch und Baby auf der Brust findet. „Irgendwie bin ich auch dazu gekommen. Da ist alle zwei Wochen was, es macht Spaß und ich weiß, was ich mit anderen gemeinsam machen kann.“ Guter Plan.

Mitten im Tanz wird abgeklatscht. Nicht ironisch, nicht cool, sondern mit echter Freude. So, als würde man sich kurz gegenseitig bestätigen: Ja, wir ziehen das hier wirklich seit drei Tagen durch.

Plötzlich: Stocksteif steht sie, lange blonde Locken und vielleicht irgendwo kurz hinter 40, mit ihrem Cowboyhut mitten in einer Menschenmenge. Die anderen in Reih und Glied. Sie mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein durchdrückend. Sie bekommt Hilfe. „Nicht schlimm“, sagt sie. „Ich tanze hier heute schon den ganzen Tag durch, da kann man schon auch mal einen Krampf bekommen.“ Kaum zehn Minuten später hat sie sich wieder eingereiht: Line Dance. Ein echtes Cowgirl kennt keinen Schmerz.

Der Cowboyhut nicht mehr nur Zugehörigkeitskennzeichen, sondern in praktischer Funktion auch Sonnenschutz.

Viel zu schnell ist es 21 Uhr. Unbenommen: Die Tanzenden werden zusehends müde. Dann das alte Zugabenspiel. Zwei soll es noch geben: das obligatorische „Sweet Home Alabama“ und „Knockin‘ on Heaven’s Door“ in einer Guns-N’-Roses-Version.

Der Sänger von Midnight Rodeo live: Cowboyhut, Bart, Nasenpiercing. Irgendwo zwischen Wildem Westen und Gegenwart. Die historische Einordnung bleibt schwierig. Stattdessen gibt es „Broken Halos“ von Chris Stapleton. Der Wilde Westen kommt inzwischen offenbar ebenfalls mit kleinen Updates daher.

Dann Pfingstsonntag: noch mehr Sommer. Noch vollerer Biergarten. Noch mehr Tänzerinnen und Tänzer: sicher rund 700 Menschen über den Tag. Der Cowboyhut nicht mehr nur Zugehörigkeitskennzeichen, sondern in praktischer Funktion auch Sonnenschutz. Die normalerweise sechsköpfige Country-Coverband UNCAGED aus Gondershausen. Heute nur zu fünft und, wie sie selbst sagen, am Improvisieren, da eine der beiden Sängerinnen krank sei. Recht locker tönen bekannte Genre-Cover unter anderem von Johnny Cash oder auch Ben E. King von der Bühne. Man hat gar keine Chance, „I see the Bad Moon Rising“ nicht mitzusingen. Alles unterstrichen mit einer sehr markanten Pedal-Steel-Gitarre. Nach einzelnen Tänzen wird abgeklatscht. Einer trägt ein Shirt mit dem Aufdruck: „Vertrau mir, ich kenn den Westen.“ Und normalerweise wäre das so ein Satz, über den man kurz lacht und weiterläuft. Hier nicht. Hier wirkt es fast wie eine Art Mitgliedsausweis.

Zum Tagesabschluss dann Midnight Rodeo. Solide und ohne Noten, mit der Musik nur im Kopf, sind es vor allem die mehrstimmigen Gesänge und die originelle Songauswahl. Neben Üblichem wird aber auch „Keep Your Hands to Yourself“ von The Georgia Satellites gespielt. Ein „Footloose“ trifft auf ein „The Weeknd“-Cover.

Schwer zu sagen, ob hier gerade nur getanzt wird oder einfach kurz das Leben im Allgemeinen überraschend gut funktioniert.

Am Pfingstmontag endet die Konzertreihe mit den Bands „T-Bone-Country“ und „Wild Country & Udo G.“

Nach diesem Wochenende ist man versucht zu meinen, dass Country mehr zu können scheint, als olle Klischees zu bedienen. Country hat erstaunlich viel mit Menschen zu tun. Neugierig geworden? Nach dem anhaltenden Erfolg auch in diesem Jahr scheint laut der überaus bezaubernden Domäne-Crew auch einem weiteren Festival 2027 nichts im Weg zu stehen. Und im Oktober dann also Gruol. Bei Haigerloch.

Sonntagmittag. Creedence Clearwater Revival. Sonne. „Have You Ever Seen the Rain“ läuft, vorne wird gelacht. Schwer zu sagen, ob hier gerade nur getanzt wird oder einfach kurz das Leben im Allgemeinen überraschend gut funktioniert. Heute: eine sehr amerikanische Idee von Hechingen.