Die Türe des Hauptportals der Kirche öffnet sich. Nur einen kleinen Spalt. Eine junge Frau, vielleicht um die 20, vielleicht auch einfach nur müde vom Sein oder vom Abend zuvor oder von beidem, huscht rein. Alleine. Sie ist zu spät. Sie setzt sich in eine der hinteren Reihen. Es ist kurz nach 11 Uhr. Die Glocken haben schon geläutet und die allwöchentliche Marktmusik in der Martinskirche in Ebingen hat bereits begonnen. Heute mit dem Albstädter Chor „Open Hearts“. Gospel. Hoffnung. Großes Wort. Sehr großes Wort für Samstagvormittag.
Und irgendjemand, der sagt: Diese samstägliche Marktmusik, die in der Martinskirche immer stattfindet, sei ein wahrer Schatz.
Aber bevor wir da sind, lassen Sie uns zwei Wochen zurückgehen. Auch Samstag. Auch 11 Uhr in der Früh. Frühling, der so tut, als wüsste er, was er macht. Und irgendjemand, der sagt: Diese samstägliche Marktmusik, die in der Martinskirche immer stattfindet, sei ein wahrer Schatz.
Heute mit Finn Wiebe. Altar statt Bühne. Bühne statt Welt. Ein kleiner Verstärker, ein Mikro, Haare, die sagen: Ich habe nichts anderes vor heute. Und dann dieser Bass. Bass ist ja sowieso das Instrument für Menschen, die eigentlich dazugehören wollen, aber nicht schreien. Die lieber unten bleiben. Das Fundament. Nebenan und draußen, wie jede Woche: Wochenmarkt. „Der Sellerie hat nicht so gut ausgesehen“, meint ein Sitznachbar zu seiner Frau. Ok. Wiebe spielt und singt Songs der Red Hot Chili Peppers. Alleine. Nur mit leisem Playback. Ungewöhnliches Programm. Ungewöhnlicher Ort und ungewöhnliche Instrumentierung. Aber es funktioniert. Rund 80 Leute sind da. Viele im Rentenalter oder im erweiterten Rentenmodus. Der letzte Akkord von „Under the Bridge“ passt.

„Ich versuche immer hier zu sein. Es ist immer so abwechselnd und toll“, erzählt eine Frau mit weißen Locken. „Während auf dem Markt getratscht wird, nehme ich mir hier eine Auszeit.“ Auszeit. Dieses Wort, das klingt, als hätte es ein Wellnesshotel erfunden.
So ein Orgelkundendienst braucht auch mehr als nur das bloße Auslesen eines Motorchips.
Seit rund 30 Jahren gibt es dieses musikalische Kleinod bereits in Ebingen. Zwischen Ostern und den baden-württembergischen Sommerferien stellen sich hier Künstler unterschiedlichster Prägung jeden Samstag aufs Neue ein. Nie zu lange: zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Und jeweils mit 70 bis 150 Besucherinnen und Besuchern. Der Eintritt ist frei, aber Spenden für die Rensch-Orgel sind natürlich willkommen. Da kommt schon was zusammen. Aber: So ein Orgelkundendienst braucht auch mehr als nur das bloße Auslesen eines Motorchips.
Eine Woche später: die Musik- und Kunstschule der Stadt Albstadt ist mit ihren Gitarrenklassen zu Gast. Zuerst die Kleineren. Einfache Stücke. Gemeinsam gespielt. Aber genau daraus entsteht dieser große Effekt: junge Menschen, die sich konzentrieren, aufeinander hören, gemeinsam einen Klang erzeugen. Kleine Hände. Große Ernsthaftigkeit. Dann Lehrer und Schüler gemeinsam auf der Bühne. Felix Wettengel und Noel Contreras begleiten, erklären, motivieren. Sehr bemüht, sehr präsent, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Paco und Hannes, zwei der jüngeren Gitarristen, spielen ihre Stücke sichtbar konzentriert und ziemlich gelungen. Hinter der Nervosität blitzt bereits sehr großes musikalisches Verständnis hervor. Mit „Tirando“ zieht das Niveau spürbar an. Überhaupt entwickelt der Vormittag eine schöne Dynamik: von ersten Anfängerstücken hin zu immer komplexeren Arrangements. Während vorne gespielt wird, stehen hinten schon die nächsten Kinder mit ihren Instrumenten bereit. Freude und Nervosität gleichzeitig. Manche Töne werden hinter den Kulissen noch heimlich mitgespielt. Letzte Kontrolle vor dem Auftritt. Am Ende schließlich das große Gitarrenorchester. Eine Bühne voller junger Musikerinnen. Oder eher: ein Altar voller junger Künstlerinnen. Auch aus dem Publikum gibt es viel Anerkennung. Unter anderem von Frau Hartmann aus der Kantorei, die nach dem Konzert sinngemäß feststellt, dass man sich um die Gitarrenmusik in Albstadt sicherlich keine Sorgen machen müsse. Dazu Grußworte. Ein Gedicht. Nach rund 60 Minuten ist Schluss. Ein ruhiger Vormittag. Aber einer, bei dem man merkt, wie viel musikalische Arbeit, Geduld und Leidenschaft in so einer Musikschule steckt.

Marktmusik zwischen Sehenswürdigkeit und Geheimtipp, irgendwo in dieser grauen Zone, in der die besten Dinge immer liegen.
Gäbe es den Insiderreiseführer „Lonely Planet“ für Ebingen, wäre die Marktmusik sicher drin. Zwischen Sehenswürdigkeit und Geheimtipp, irgendwo in dieser grauen Zone, in der die besten Dinge immer liegen. Kunst gegen Spende. Gemeinschaft gegen Alltag. Wärme gegen Wochenmarktlogik. Drei kleine Gleichungen, die erstaunlich lange halten. Und man muss es auch einmal so sagen: Das hier fällt nicht vom Himmel. Woche für Woche stehen da Menschen auf, bauen, organisieren, stimmen, tragen, räumen, halten zusammen. Ehrenamtlich, selbstverständlich, und gerade deshalb alles andere als selbstverständlich. Bemerkenswert, was die Leute von der Martinskirche mit und um Kantor Steffen Mark Schwarz hier auf die Beine stellen. Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung: Dass Kirche auf der schwäbischen Alb manchmal moderner ist, als jedes Vorurteil es erlaubt. Nicht laut. Nicht geschniegelt. Aber da.
„Sie werden hier ja langsam zum Dauergast“, sagt jemand freundlich am Eingang. Und man merkt: Das stimmt wahrscheinlich. Und heute nun die Open Hearts aus Albstadt. Ein Gospelchor, der mittlerweile auf viele Konzerte zurückschaut. 15 Jahre Musik. 15 Jahre „wir probieren das nochmal mit der Welt“. Heute mit 16 Sängerinnen und Sängern. Und mit Chorleiter Valeri Ivanov am Piano-Pult. Sichtbar begeistert von dem Gedanken, dass das hier funktioniert. Musikalisch wird heute ein Tag dargestellt. Beginnend mit freudigem, zwischendurch sehr nachdenklich bei „The Potter’s Hand“ und am Schluss plötzlich viel Licht mit „Freedom Is Coming“. Alle mit etwas Grünem bekleidet. Hoffnung als Dresscode. Und irgendwo dazwischen diese schwäbische Zurückhaltung, die versucht, nicht mitzusingen, aber innerlich längst aufgegeben hat und intensiv mitwippt. Vor allem die vielstimmigen Passagen und alles Kanonartige funktioniert wie am Schnürchen.
„Sing deinen Ton. Finde ihn. Den leichtesten, der einfach kommt. Dieser verbindet sich mit Zeit und Ort“

Eine Frau steht auf und filmt. 60, eventuell mehr. Orangenes Top. Als wäre sie aus einem anderen Konzert hier reingestolpert. Von Ikkimel aber eher nicht. Eine Erinnerung vielleicht für die Nachwelt oder einfach für später.
„Sing deinen Ton. Finde ihn. Den leichtesten, der einfach kommt. Dieser verbindet sich mit Zeit und Ort“, sind die Schlussworte. Und plötzlich klingt das nicht mehr wie ein Satz aus einem Programmheft. Sondern wie ein ziemlich brauchbarer Lebensvorschlag. Nach rund 45 Minuten ist das Konzert viel zu schnell zu Ende.
Draußen ist immer noch Markt. Currywurst. Salatköpfe. Sellerie! Kommunalpolitik in freier Wildbahn. Die große Kunst des gleichzeitigen Schimpfens und Einkaufens. Und während man das sieht, denkt man diesen einen Gedanken, der sich nicht abschütteln lässt: Möglicherweise ist die wahre Revolution wirklich nur eine Auszeit. Nächste Woche. Samstag. 11 Uhr. Martinskirche.

Dieser Artikel ist erschien:
Am 19.05.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 19.05.2026 im Schwarzwälder Boten.