„Ging es hier jetzt wirklich um Schokolade?“, fragt sie ihn beim Rausgehen, wissend lächelnd. So wie Leute lächeln, die sicher sind, dass sie gleich die bessere Antwort haben werden. „Ja natürlich. Um Pralinen. Mit Trüffel und allem Möglichen. Und um Mokka!“ Er runzelt die Stirn. Sie lacht. Ihre beiden Nachbarinnen auch.

Es ging hier wohl eben nie wirklich um Schokolade.

Vianne erklärt mit sichtbarer Begeisterung die Welt der Pralinen und Gewürze, während Pfarrer Reynaud skeptisch zuhört. Zwischen sinnlichem Genuss und moralischer Strenge beginnt genau hier jener Schlagabtausch, der „Chocolat“ so unterhaltsam macht.

Drehen wir die Uhr gut zwei Stunden zurück. Heute wird „Chocolat“ in der Stadthalle in Balingen gespielt. Das Haus ist ausverkauft, und es sind auch alle gekommen. Knapp 900 Menschen haben im Saal Platz genommen. Durchschnittsalter: Lebenserfahrung. Viel Lebenserfahrung.

Die Stimmung vor Beginn: erwartungsvoll und geschwätzig. Dieses spezielle Kulturpublikumsraunen, das klingt wie eine Mischung aus Opernfoyer und Volkshochschulkurs „Französisch für Fortgeschrittene“.

Die literarische Vorlage für das Theaterstück ist der gleichnamige Roman von Joanne Harris, der 1999 erschien. Weltbekannt wurde der Stoff vor allem durch die Verfilmung aus dem Jahr 2000 mit Juliette Binoche und Johnny Depp. Die Bühnenfassung spielt 1959. Eine Zeit, in der die Welt langsam modern wird und gleichzeitig noch so tut, als sei alles wie immer.

Dann stehen sie da: Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer. Getrennt.

Die Bühne ist zweigeteilt und spartanisch eingerichtet. Eine bewegliche Rollwand trennt die beiden Spielorte und wandert je nach Szene von links nach rechts. So ist immer nur eine der beiden Welten sichtbar. Links das Krankenbett des imaginären und im Koma liegenden Père Henri, an dem Pfarrer Reynaud wacht. Rechts der Schokoladenladen der zugezogenen Vianne. Im Hintergrund sitzt eine Band und macht Musik: Les Manouches du Tannes. Klingt ein bisschen nach Pariser Straßencafé, ein bisschen nach Django Reinhardt und vor allem nach: Hier darf man sich wohlfühlen.

Schnell wird klar: Hier wird keine klassische Theaterinszenierung geboten. Vielmehr entsteht eine Mischung aus Schauspiel, szenischer Lesung und Live-Musik. Der Pfarrer spricht mit dem Sterbenden. Die Schokoladenfrau durchbricht die vierte Wand und unterhält sich mit dem Publikum. Vieles geschieht im Monolog, vieles allein statt miteinander. Gerade daraus entwickelt das Stück seinen eigenen Rhythmus.

Die Handlung lässt sich auf die Schnelle so zusammenfassen: Eine alleinerziehende Mutter, Vianne, eröffnet in einem kleinen französischen Dorf eine Chocolaterie. Der streng katholische Dorfpfarrer Reynaud sieht in der sinnlichen Verführung durch Schokolade eine moralische Bedrohung. Schokolade als Versuchung. Als Sünde. Als Einstiegsdroge zum Genuss.

Zwischen beiden entwickelt sich ein humorvoller, aber auch ideologischer Konflikt.

Neben Alltäglichem geht es um die großen Themen: Toleranz und Offenheit auf der einen Seite, moralische Enge und Fremdenangst auf der anderen. Und um die Frage, ob ein Leben ohne Genuss wirklich eine gute Idee ist. Spoiler: Nein. Die Geschichte funktioniert dabei wie eine klassische Screwball-Komödie. Charmante Schlagabtausche, klare Figurenkontraste und viel Ironie. Und mittendrin: zwei Schauspieler, die offensichtlich sehr genau wissen, was sie tun.

Auf der einen Seite Ann-Kathrin Kramer. Man kennt sie aus ungefähr allem, was im deutschen Fernsehen in den letzten 20 Jahren gut war. Bekannt wurde sie durch unzählige Film- und Fernsehproduktionen – von Krimireihen bis zu literarischen Stoffen. Sie spielt Vianne mit dieser Mischung aus Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die nur Schauspielerinnen haben, die sich auf einer Bühne komplett zu Hause fühlen.

Auf der anderen Seite Harald Krassnitzer. Ein breites Publikum kennt ihn vor allem als Ermittler im Tatort. Also aus einem jener Formate, bei denen halb Deutschland am Sonntagabend kollektiv beschließt, dass Mordermittlungen eine Form von Freizeitgestaltung sind. Heute und hier ist der österreichische Schauspieler Pfarrer Reynaud. Streng. Kontrolliert. Ein Mann, der wahrscheinlich sogar beim Zähneputzen über moralische Kategorien nachdenkt.

Und jetzt stehen sie da, in einem Dorf namens Lansquenet-sous-Tannes, und streiten über Schokolade. Funktioniert. Erstaunlich gut.

Das Publikum gluckst, spendet Zwischenapplaus. Zustimmendes Murmeln. In der Pause sagt Helga, 81, körperlich stolz und geistig erst recht, sie lasse sich „von der Leidenschaft richtig mitreißen“. Das klingt wie ein Satz aus einer Werbekampagne für Kulturabonnements. Aber sie meint es ernst. Zurecht.

Irgendwann öffnet sich eine zweite Ebene. Was symbolisiert die Schokolade eigentlich? Was die strenge Moral des Pfarrers? Warum klingt im Hintergrund immer diese fröhliche Musik, während nebenan jemand im Koma liegt? Und die roten Schuhe der Schokoladenfrau? Viele Fragen. Viele mögliche Antworten. Man kann darüber nachdenken. Man muss aber nicht. Denn auch ohne interpretatorische Großoffensive bleibt das Ganze ein ziemlich unterhaltsamer Abend.

Am Ende wird, so viel sei verraten, alles gut. Es kommt zu einem regelrechten Schokoladenexzess in der Auslage des Ladens. Krassnitzer spielt das mit sichtbarer Freude. Ein Moment, in dem man kurz denkt: Vielleicht ist Genuss tatsächlich die bessere Moral.

Dann wird getanzt. Ein Chanson. Das Licht geht an. Standing Ovations. Langer Schlussapplaus. Völlig verdient.

„Ich wusste, dass die Schauspieler gut sind“, sagt er, seine Freundin mittlerweile im Arm haltend. „Aber so gut? Das hätte ich nicht erwartet.“ Sie lächelt immernoch. Dann gehen sie Richtung Lokal Hirschgulden. Für ein abendabschließendes Getränk. Und vielleicht später noch für ein Stück Schokolade.

Dieser Artikel ist erschien:
Am 10.03.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 10.03.2026 im Schwarzwälder Boten.