Am vergangenen Samstag fand eine angemeldete Demonstration mit dem Titel „Stoppt den Völkermord – Freiheit und Gerechtigkeit für das palästinensische Volk“ in Albstadt statt. Rund 120 Menschen folgten dem Aufruf und versammelten sich auf dem Ebinger Bürgerturmplatz. Zeitgleich zur Gaza-Demo am Brandenburger Tor in Berlin.
Sie tragen die palästinensische Kufiya, oder wie man landläufig sagt, das Pali-Tuch – wie eine Uniform. Ein Erkennungszeichen. Viele Fahnen, darunter die der palästinensischen Autonomiebehörde. Aber auch die türkische Flagge wird geschwenkt. Eine Passantin: „Hoffentlich wissen die selbst, was es denn schon wieder zu demonstrieren gibt.“ Der samstägliche Einkauf zwischen Müller und H&M läuft unbenommen weiter.
Kurz nach 15 Uhr beginnt die Kundgebung, die die beiden Albstädter Freunde Nico und Sini in den letzten Wochen organisiert und angemeldet haben. Beide sind Anfang zwanzig und erschüttert vom Leid, das die Medien täglich frei Haus aus dem Gazastreifen auf die Bildschirme liefern. „Irgendjemand muss ja auch hier in Albstadt was tun, den Mund aufmachen“, sagen sie im Gleichklang.
Nico spricht zu den Menschen ins vorbereitete Mikrofon. Er berichtet mit zitternder, sich aber schnell festigender Stimme von der Ungerechtigkeit, die er im Umgang der israelischen Regierung mit dem palästinensischen Volk sieht. Sini ergänzt, er wolle keine Forderungen stellen – nur die nach Menschlichkeit. Tosender Applaus. Der Sprechchor „Free, free Palestine“ wird intoniert. Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, rennt mit seinen Freunden und einer Flagge über den Platz. Viele Kinder, viele Frauen sind hier – „Bürgerliche“, wie man sagt.
Weitere Redebeiträge folgen. Es wird politischer. Unter anderem fordert die vom Verfassungsschutz beobachtete MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands), den sofortigen Stopp aller Waffenlieferungen. „Wir haben die aktuelle Regierung angezeigt. Und die letzte auch.“ Dann: eine Schweigeminute.

„Solche Versammlungen wie diese sind für uns immer eine Blackbox“, erklärt Polizeihauptkommissar Detlef Wysotzki, Leiter des Polizeireviers Albstadt und des Einsatzes. Es ist ihm wichtig, dass Menschen ihr Anliegen vorbringen können, ohne dass die Polizei im Mittelpunkt steht. Dies gelingt auch an diesem Samstag routiniert und wie selbstverständlich. Etwas mehr als ein Dutzend sichtbare Einsatzkräfte befinden sich auf dem Platz. Sie werden während der gesamten Kundgebung nichts zu tun bekommen.
Um 16 Uhr ist der offizielle Teil zu Ende. Friedlich! Die Menschen bleiben. Reden weiter. „Ich finde sicher nicht alles richtig, was immer so gesagt wird. Und auch hier war heute einiges politisches daneben“, meint Scheherazade (22, Studentin). „Aber es ist wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Nur so funktioniert Demokratie.“
Dieser Artikel erschien:
Am 15.09.2025 in der SÜDWEST PRESSE