Das „BL Best of“ bringt lokale Bands und musikalischen Wahnsinn auf den Marktplatz – zum achten Mal. Es war mal wieder an der Zeit.
Kulturfestival, erste Woche, Freitagabend. Kein Regen – im Gegenteil: Der Wettergott liebt Balingen. Heute: mit dem Besten, was die Stadt rockkulturell zu bieten hat. Oder besser gesagt: das jährliche Klassentreffen der lokalmusikalisch Kreativen aus der Kreisstadt. Gegossen in schweres Metal. Alles, was Rang und Namen in der Musikszene vor Ort hat – und nicht gerade beleidigt ist, dieses Jahr nicht selbst auftreten zu dürfen – findet sich auf dem Balinger Marktplatz. 3500 Menschen vielleicht. Eher mehr. Und sicher alle, die in Balingen je eine Gitarre in der Hand hielten – oder es sich zumindest mal fest vorgenommen hatten.

Kurz nach 18 Uhr. TakeTwo. Zwei Akustikgitarren, eine Mission: die Leute zum Mitwippen bringen, bevor das erste Rotweinschorle wirkt. Sie schaffen das – mit Gitarren, die klingen, als hätten sie ihr Leben lang auf diesen Abend gewartet. Zwischen Fairytale Gone Bad und dem wundervollen Shadow of the Day wird gecovert, was das Zeug hält – aber eben akustisch. Die Finger von Alfonso Gerardi fliegen dabei nur so über das Griffbrett.
Parallel zum Balinger Kulturfestival tobt in der Region gerade so viel, dass man kaum weiß, wo man zuerst nicht hingehen soll. Sogar im nachbarlichen Albstadt: „Bandsommer“. Klingt harmlos – ist es aber nicht. Ein Freund – es war spät, es war Sommer, es war der Sonnenkeller, natürlich – beugte sich irgendwann einmal verschwörerisch über sein Glas und sagte diesen markanten Satz: „Die Balinger Musiker? Nett. Nett bis zur Selbstaufgabe. Technisch eher so mittel. Die Albstädter? Genial. Aber halt auch so richtig nervtötend anstrengend.“ Das war irgendwann in den Neunzigern. Heute haben die Balinger aufgedreht, aufgeschlossen, aufgesogen, aufgeholt – was auch immer. Jedenfalls sind sie heute nicht nur nett, sondern durchweg sogar ziemlich gut. Also richtig ziemlich gut! Die Region rückt zueinander.
Nächster Halt: Rosenfeld, Baby. Man hört die Proberaumnachbarn förmlich stöhnen: „Nicht schon wieder!“ Doch, schon wieder. Jedes Wochenende. When Hell Breaks Loose – im Wortsinn. Metalcore-Gewitter mit Gesang und Growls, eigene Songs, eingängig und präsent. Die will man unbedingt mal allein mit einem 90-Minuten-Set sehen.
Weiter mit dem „Balinger Punk Department“. Kurz: BLPD. Sehen sich selbst als Supergroup und Boyband. Formationstanz ist aber eher nicht ihr Ding. Ein Glück für das Publikum. Neuer Deutschrock, irgendwo zwischen einer Ableitung von Sportfreunde Stiller und Madsen. Dazu Hurra, die Welt geht unter von K.I.Z. – und Ansagen mit Haltung und Charme statt „Seid ihr alle da?“ Sänger Adam bedankt sich bei der Technik: „Sie können laut, sie können hell. Mehr muss man nicht können.“ Respekt.

Ein älterer Mann schlurft vor die Bühne, wirft einen flüchtigen Blick auf das bunte Chaos und das laute Gewusel, schüttelt energisch und absichtlich nicht im Rhythmus den Kopf – und zieht davon. Zwei Mädels, Mitte 30 vielleicht, treffen sich, schreien ein lautes „Juuuuhuu!“, Tonhöhe zweigestrichenes C, als wäre das ihr ganz persönlicher Triumph des Abends. Und ein Kind schläft tief und fest, völlig entspannt auf dem Arm seiner Mutter. Der Balinger Wahnsinn hat heute Methode. Wie schön.
Defender. Proberaum: Heidenstadt. Waren Sie schon mal „auf der“ Heidenstadt, dem Nusplinger Teilort? Ein paar Häuser, ein paar Höfe – und dazwischen der legendäre Proberaum der vier Jungs, die über den Heuberg verstreut leben. Auf der Bühne: Heavy Metal in Reinkultur, stilistisch klar im NWOBHM (New Wave of British Heavy Metal) zuhause. Ein Hauch Manowar hier, ein bisschen Saxon da. Augen zu, und man denkt an die Gitarristen K. K. Downing und Glenn Tipton. Viel Judas Priest – nur moderner. Vielleicht sogar besser. Survivor von der neuen CD: Reinhören ist Pflicht. Und man denkt: Ja, wir auch.
Das „BL Best of“ – ein Dauerbrenner im Balinger Kultursommer, geschmissen von Jörn de Haan und seiner Stadthalle. Aber mal ehrlich: Ohne die Legion der Ehrenamtlichen, die Helfer und Macher – ohne sie wäre so ein Abend in dieser Größe schlichtweg nicht zu stemmen. Oft richtig großartig, nur einmal ein wenig selbstverliebt: „Bei uns hier läuft das anders als bei anderen.“ Naja, auch gut. Wenn man beobachtet, was die Techniker und Stagehands mit ihren Umbauten – die oft keine zwei Minuten brauchen – leisten, dann muss man schon begeistert den Hut ziehen. Dome Ochs, technischer Leiter des Abends: „Eine Veranstaltung, die richtig Spaß macht.“ Genau so. Im Übrigen: Playbacks? Pfff! Fehlanzeige. Alles handgemacht. Handwerk par excellence. So muss das.



Viele waren in den letzten Jahren schon hier – von Subway bis Parmesan, von Agent Orange bis zum Rockorchester Horst Müller. ONB, No Plies. Aber noch lange nicht alle.
Irgendwer trägt ein Oasis-Shirt. Nicht aus hipper Ironie, sondern so, als hätte Noel Gallagher erst gestern im Dorf die Bühne zerlegt. Oasis? Heute nicht. Heute heißt der heiße Scheiß: Rockmeister. Balingen als Basislager. Dreimal spielen sie an diesem Abend – vor BLPD, vor Defender und dann im großen Hauptset. Solider Coverrock, mal unvermeidlich (Guns’n’Roses), mal überraschend (Viva La Victoria von Eclipse). Tolle Gitarren (Marco Stickel, Rüdiger Vogt), starker Bass (Chris Ludewig), gute Vocals (Kevin Thiede, Ronja Schlegel). Und dann Peter Blickle, aus Albstadt-Onstmettingen. Hohberg: ein durchweg sympathischer Schlagzeuger, der die Trommeln nicht nur spielt, sondern sie zum Ticken bringt wie ein Schweizer Uhrwerk – verspielt, präzise, hypnotisch. Ganz auf Albstadt will man an diesem Abend eben doch nicht verzichten.
Mit We Are the Champions beenden Rockmeister ihr Konzert. Das soll’s aber noch nicht gewesen sein: Einen Song gibt’s noch. Ein gemeinsames Lied, mit allen Musikern des Abends. Es soll ein Ärzte-Cover sein: Schrei nach Liebe. Ausgerechnet. Das ist Courage. Das ist Haltung. Das ist Rockmusik! Und so laut, dass es sicherlich auch das Balinger Rathaus und der naheliegende Kreistag gehört hat.
Und gerade noch tobt der Platz – und dann ist’s schon vorbei. Ein Abend, der einmal mehr beweist: Die süddeutsche Provinz muss sich nicht verstecken. Nicht vor Hamburg. Nicht vor Berlin. Nicht mal vor Bietigheim-Bissingen. Was hier auf der Bühne passiert, ist musikalische Vielstimmigkeit im besten Sinne – ein Wahnsinn an Talent, eine Orgie an Kreativität. Und, mit Verlaub: Sogar das Bier ist trinkbar bis richtig gut. Erschütternd nur eines: dass es diese Veranstaltung erst zum achten Mal gibt. Das hätte es seit Menschengedenken geben müssen. Spätestens seit dem Ende der Beatles. Total verdient, absolut überfällig und zwingend notwendig. Und wenn man ehrlich ist: So ein bisschen verliebt man sich – in diese Nächte, diese Menschen, diese Lieder. Diese Balinger. Um halb zwölf ist der Marktplatz immer noch gut gefüllt. Nächstes Jahr? Wieder hier. Save the Date – geschenkt. Übernachtet wer mit im Zelt vor der Bühne?


Dieser Artikel erschien:
Am 11.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE