Beatrix Reiterer (links) und Melanie Gebhard in ihrem Element: Mit „Nur ein Tag“ aus Wicked öffnen die beiden Musical Ladies den Raum für große Gesten, starke Stimmen und jenen Broadway-Schimmer, der die Stadthalle an diesem Abend zum Leuchten bringt.

Bilder sind so wichtig. Und damit seien heute nicht die gemeint, die man mit feiner Feder in einen Text zeichnet, um von Gesehenem und Gehörtem zu berichten. Vielmehr reden kulturaffine Menschen von „Bildern“, wenn sie Momente nachvollziehen, Situationen aus einer Aufführung oder einem Stück beschreiben. Geht man nach der Aufführung der „Musical Ladies & Friends“ weiter durch die Reihen und fragt nach „dem einen Bild des Abends“, bekommt man viele Antworten. „Als Beatrix erhaben als Elisabeth die Treppe herabstieg. Dieses Kleid.“ Oder: „Das mystische und dunkle Rebecca von Melanie und Vanessa.“ Und auch: „Wie diese Marlene da alleine auf der Bühne stand – ich hätte mich das in diesem Alter nicht getraut.“ Tausend Bilder eines Abends. Jedes mit vollster Berechtigung bewahrenswert. Eines taucht allerdings ausnahmslos bei allen Stimmen auf. Immer. Das lebensschwere „Vers la lumière“.

Was man wissen sollte, bevor der Vorhang aufgeht

Musical – modernes Sing- und Tanztheater
Ein Musical ist im Grunde das Kind, das Oper, Theater und Popmusik nie geplant hatten – und das trotzdem alle lieben. Es verbindet Schauspiel, Gesang, Tanz und viel Gefühl auf eine Weise, die manchmal subtil ist, meistens aber: Bämm, hier bin ich! Moderne Musicals sind dabei längst mehr als „hübsche Leute singen hübsche Sachen“ – sie erzählen komplexe Geschichten, spielen mit Genres, holen Kino auf die Bühne und Bühnenzauber ins echte Leben. Kurz: Oper für Menschen mit WLAN.

Jukebox-Musical – wenn Hits ein Plot werden
Jukebox-Musicals sind die Sorte Musical, bei der jemand sagt: „Wir haben 20 Hits. Wie wär’s, wenn wir einfach eine Handlung drumherumbauen?“ Und dann passiert’s: Songs von ABBA (Mamma Mia!) oder auch Queen (We Will Rock You) werden so miteinander verknüpft, dass am Ende eine Geschichte entsteht, die niemand bestellt hat, aber alle feiern.

Aber von Anfang: Balingen also. Am Samstagabend. Und dann sowas. „Wir machen heute mal Broadway, deal with it“. Einmal mehr gastieren die beiden „Musical Ladies“ für eine Stadthallen-Eigenproduktion im Ländle. Melanie Gebhard kommt aus Albstadt (was man der Welt ruhig öfter erzählen könnte), und Beatrix Reiterer aus Südtirol, wo Menschen anscheinend standardmäßig mit Begabung zur Welt kommen. Gemeinsam betreten sie hier jedes Jahr die Bühne, so selbstverständlich, als würden sie heimkommen, Schuhe ausziehen, „schön, wieder da zu sein“ sagen – nur halt mit Vollbeleuchtung, Schminke und Stimmen, die Stuhlreihen verrücken. Zuletzt fanden die Zwei vor ein paar Monaten im Kleinen unplugged vor der Stadthalle zusammen (ach, da war’s noch Sommer), um die Türen zu der wunderbaren Welt des singenden Tanztheaters aufzuschließen.

Heute nun im fast ausverkauften Saal der Balinger Stadthalle. 650 Besucherinnen und Besucher sind es wohl. Und die Ladies bringen Freunde mit: Vanessa Haug, ursprünglich dem Tanz verschrieben, mittlerweile auch stimmlich absolut auf den Punkt – aus Meßstetten. Ja, Meßstetten. Jede andere Metropole würde sich um so ein Talent prügeln. Mit Florian Soyka (Tanz der Vampire, Die Schöne und das Biest, u. v. m.) und Christian Bock (Abenteuerland, Weiße Rose, u. v. m.) komplettiert sich das Quintett. Dazu ein siebenköpfiges Tanzensemble, dem man nicht anmerkt, dass dies für sie eigentlich nur Hobby und nicht Profession ist. Und natürlich nicht zu vergessen: begleitet von einer Liveband – denn Playback ist nur was für Anfänger.

Nach kurzer musikalischer Overtüre wird man sofort in einen süßlichen Popcornzauber hineingezogen. Die Bühne mit einer Empore bereichert, im Hintergrund die Band. Den ersten Konzertblock könnte man als Disney mit etwas Nostalgie und einer Prise Pop bezeichnen. Alles beginnt mit Wicked. Natürlich. Große Musicalgesten, starke Stimmen, viel Pathos. Und ein Licht, das das komplette Make-up der „grünen Hexe“ quasi ersetzt. Aber lassen Sie uns nicht mit Schwärmereien über die Technikverantwortlichen der Stadthalle aufhalten – mittlerweile weiß jedes Kind, dass die es einfach draufhaben.

Bea Reiterer glänzt mit einem bezaubernden „Dir gehört mein Herz“ aus Tarzan. Kurz darauf schaut Frau Gebhard als Eiskönigin Elsa herab auf die Welt. „Monster“ heißt das vorgetragene Stück, das es nur im Musical und nicht im Film gibt. Ein kleiner Abgrund, der wohl cineastisch nicht gewollt war. Großartiger Gesang und – was zu oft unerwähnt bleibt – phantastisches Spiel. Das Publikum: sprachlos beeindruckt.

Dann: Jukebox aus &Julia. Moderne Leichtigkeit gepaart mit Humor und popkultureller Vertrautheit. Doch halt: Marlene Priester, fünfzehnjährige Gesangsschülerin von Frau Reiterer, findet sich auf einmal auf der Bühne. „…Baby One More Time“ ist ihr Lied. Modern interpretiert und mit einem vokalen Mut vorgetragen, der an eine frühe Christina Aguilera erinnert. Viele Schlenker, aber keiner zu viel. Gänsehaut im gesamten Auditorium.

Dann Pause. Wie – die Hälfte ist schon vorbei?

Der zweite Teil wird schwerer. Tiefer, theatralischer, dunkler. Der musikalische Bedeutungsraum beweist, dass die Ladies mehr können als nur Show. Jekyll & Hyde, Rebecca, Die Päpstin, Elisabeth. Es wird deutlich ernster und dramatischer. Ja, politischer.

Und dann kommt dieser Moment, in dem Chrissi Bock alleine auf der Bühne steht. Die Art „alleine“, die nicht von Menschen abhängt, die im Raum sind, sondern von dem, was einer tragen muss. Er, eher schmächtig von Statur – man möge dies verzeihen –, spielt die Rolle des Hans Scholl aus dem Musical Die Weiße Rose. Er, der zuerst als glühender Nationalsozialist an die Westfront zog und dort den Schrecken des Krieges erlebte. Wenn Tod und Elend real werden. Im vorgetragenen, von französischem Akkordeon begleiteten „Vers la lumière“ beschreibt er die Resignation. Dies, während heute im echten Leben wieder ein Krieg mitten in Europa tobt. Dies, während verrückte Staatenlenker heute wieder nur sich selbst und nicht die Menschen im Vordergrund sehen. Und dies am Vorabend eines Parteitages von (nach Einschätzung des Verfassungsschutzes) Rechtsextremen in der Nachbarstadt.

Mit einer Vehemenz in höchster darstellerischer Qualität reißt er die Stadthalle vor Verzweiflung metaphorisch ein – und man stellt sich beim Ranzoomen der Kamera die Frage, ob es seine Tränen sind, die man da sieht, oder doch die eigenen. Es ist dieser Moment, in dem auch das Genre Musical beweist, dass es mehr kann, als nur zu unterhalten.

Rund wird der Abend durch das schließende „Don’t Stop Believin’“ aus Rock of Ages, im Original von der Band Journey. Noch einmal steht das komplette Ensemble auf der Bühne. Sie tanzen und singen, als sei man selbst der bezaubernde Mittelpunkt der Welt. Für einen Moment glaubte man, die Stadthalle hätte sich um eine Etage nach oben verschoben. Und wie kann ein Abend nach zweieinhalb verflogenen Stunden schöner enden, als weiter an das Gute zu glauben? Don’t Stop Believin! Zugabe, langer Applaus und Standing Ovations.

Lassen Sie uns zusammenfassen: eindrucksvolle Arrangements, tolle Choreografien, mehrstimmige Eleganz, vorgetragen von absoluten Bühnenautoritäten. Und die fast greifbare Liebe zur Kunst und zur Musik. Die einzige Frage, die sich stellt: Warum nur einmal im Jahr? Warum nicht öfter? Monatlich? Vielleicht – so möchte man sich selbst antworten –, weil die wirklich großen Bilder von ihrer Einzigartigkeit leben und dann umso mehr in ihrer Besonderheit strahlen. Notieren Sie’s also ruhig jetzt schon in den Kalender: Balingen, Musical Ladies, nächstes Jahr. Alles andere wäre kulturell leichtsinnig und eine emotionale Fehlentscheidung. Die Ladies bringen die Stimmen – wir den Applaus. Deal?