Am vergangenen Freitag war einmal mehr Open-Air-Kino im Hof der Burg Hohenzollern. Gleich zwei bemerkenswerte Werke fanden ihren Weg auf die Leinwand der Hechinger Kinokoryphäe und des Eigentümers der Zollernalb-Kinos, Ralf Merkel.
„Schnell das tränennasse Taschentuch wegstecken.“ Ein Gedanke, den sich der Burghof wohl fast kollektiv teilt. Wir haben frische neun Grad, es ist schon weit nach Mitternacht, und eben läuft der Abspann des bemerkenswerten „Cranko“.
Zurückspulen zum Anfang: Zwei Streifen sollen es an diesem Abend werden. Rund 400 cineastisch Interessierte sind angereist. Neben dem Hauptfilm ist im Vorprogramm die Bachelorarbeit des jungen Hechinger Medienkünstlers Julian Wirth zu sehen. Regie: Else de Waal.

„Janas Tanz“ erzählt den Alltag einer jungen Frau: Sie pflegt ihre Mutter. Und sie tanzt. Eine filmische Miniatur: 15 Minuten. Nur ein winziger Ausschnitt eines Lebens. Und trotzdem nimmt sich das Werk die nötige Zeit, um Hintergründe zu erzählen und Interpretationsräume zu öffnen. Eines dieser Stücke, die kurz sind, aber länger nachhallen als jeder Marvel-Abspann. Applaus, ehrlicher Applaus. Schon jetzt hat sich der Weg auf den Zollerberg gelohnt. Man ist auf die Premiere der ersten Doku von Wirth im Oktober, „Eine kleine Kneipe“, bereits heute gespannt wie ein Flitzebogen.
Ein Biopic (Kurzform für „biographical picture“) ist ein Spielfilm über das Leben einer realen Person. Anders als eine Dokumentation arbeitet es mit Schauspielerinnen und Schauspielern, inszenierten Szenen und dramaturgischer Verdichtung. Fakten sind das Gerüst, künstlerische Freiheit bringt Spannung. Ziel: nicht Wikipedia zum Ansehen, sondern Leben und Charakter wirklich greifbar machen.
Kurz auf der Suche nach einem Glühwein. Ein kleiner Umweg zur Popcornmaschine. Vor und auf der Leinwand plaudern Georg Friedrich Prinz von Preußen und Autor, Regisseur und Professor Joachim A. Lang. Schon im Vorjahr war Letzterer mit seinem Projekt „Führer und Verführer“ auf der Burg zu Gast. Nun wollte er einen ersten, richtigen Ballettfilm machen. Weniger „Black Swan“, nicht nur „A Chorus Line“. Lang versucht, die Seele des Tanzens zu erfassen und erzählt dabei wie selbstverständlich von Kunst, Wirklichkeit, der Sehnsucht nach Liebe, der Einsamkeit und dem Tod.
Und dann, Klappe: „Cranko“. Ein Biopic – inszeniert auf den Punkt, fotografiert wie ein Traum mit Sam Riley in der Hauptrolle. Cranko ist Choreograf. Ein Typ, der Ballett nicht einfach nur als Tanz sieht, sondern als Drama. Als Story mit Herzschlag. Immer im Exzess. Geboren 1927 in Südafrika, wächst er zwischen Pirouetten auf wie andere mit einem Fußball. Seine Ballette: dramatisch, ein bisschen kitschig, aber immer echt, mit Rebellion im Takt und Liebe in den Spitzenschuhen. Als ob Tschaikowski mit einem Punk choreografiert. Nach Schlagzeilen in der Londoner Boulevardpresse kommt er 1961 nach Stuttgart. Cranko ist homosexuell. Und eben in Stuttgart erfindet er das Ballett quasi neu: junge Tänzer als Helden, Bühne als choreographischer Comic, Musik als Herzschlag. Im Rücken immer eine tiefe Einsamkeit. Man sagt: Cranko, das ist der, der Geschichten tanzen lässt. Der Film erzählt das. Zeigt das. Fühlt das. Intensiv, filigran, manchmal kitschig-schön. Und immer echt. Dann das Ende: Wucht. Stille. Rote Augen.
Die Burghoflichter gehen an. Joachim Lang ist im Publikum, stellt sich liebevoll allen Fragen und Autogrammwünschen. Aber eigentlich sind alle noch drüben vor der Leinwand: bei Cranko. Es ist keine Trauer, die man fühlt. Vielmehr tiefe Rührung, die man mitnimmt.
Runter von der Burg. Die Füße sind kalt und der Abend ist zu Ende. Kunst hat gemacht, was Kunst machen soll: Sie hat getroffen. So tief, dass man im Bus zum „P1“ denkt: „Bitte, bitte – der Fahrer soll nicht merken, wie glasig die Augen immer noch sind.“





Dieser Artikel erschien:
Am 25.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE