Vergangenen Samstag gastierte Andreas Kümmert mit seiner Band „Electric Circus“ in Balingen.

Er schlurft auf die Bühne. Pünktlich um 19:30 Uhr. Dunkle, leicht fleckige Hose, Dinosaurier-Shirt, schwarze Adidas – und alles irgendwie eine Nummer zu klein. Glatze und ein zotteliger Bart, der im Nikolausranking eine 4 von 10 bekommen würde. Er schnappt sich seine Gitarre. Eine rote Gibson. Spielt sechs, sieben leicht angezerrte Töne, geht den einen Schritt hin zum Mikro und zeigt mit seinen ersten paar gesungenen Worten, wieso die ganzen Leute heute hier sind: was für eine Stimme.

Eigentlich hätte ja alles ganz anders kommen sollen. Geplant war ein Akustik-Konzert im kleinen Saal der Stadthalle. Mit 150, 160 Leuten und zwei schmeichelnden Gitarren hatte man gerechnet. Doch die Nachfrage nach den Tickets des Künstlers war größer. Kurzerhand entschloss man sich, rüber in den großen Saal zu wandern. Für die brillante Technik-Crew der Stadthalle selbstverständlich kein Problem. Der Schlagzeuger der Begleitband um Kümmert wurde dazugebucht, der Akustikgitarrist wurde flugs zum E-Basser, und aus einem kleinen vorweihnachtlichen Rumgeklampfe erwuchs ein richtiges Konzert. Knapp 400 Gäste bevölkern die Stadthalle. Sitzend, nicht stehend.

„Hard Times in the Name of the Lord“ tönt es aus den Boxen. Irgendwas mit „Joe Cocker drin“ ist der erste Gedanke beim Versuch, Kümmerts Stimme einzuordnen. Rau, gefühlig, deprimiert, verzweifelt. Nach mindestens drei Whisky – eher Flaschen statt Gläser. In ruhigeren Momenten meint man, einen Ray LaMontagne rauszuhören. Selten, aber prägnant, taucht eine Verwandtschaft zu Otis Redding auf. Nicht in seiner Höhe und seiner Erfahrung, sondern vielmehr in seiner emotionalen Direktheit. Dieses „Ich meine das jetzt wirklich“-Gefühl. Und ja, so ganz nebenher, als hätte er nicht schon genug mit dem Singen zu tun, schrubbt Kümmert auf der Gitarre eine Pentatonik nach der anderen hoch und runter.

Viel Blues und eine Menge Soul. Rock eher nicht. Das ganze Setting erinnert an dunkle, vom Zigarettenrauch eingenebelte Proberaum-Sessions. Kümmerts exzellente Begleitmusiker Michael Germer am Schlagzeug und Jochen Thoma am Bass spielen quasi auf Zuruf. Sie legen den stabilen Teppich für die Extravaganz ihres Bandleaders. Eine Setlist gäbe es nicht, lässt Kümmert wissen. Man diskutiere, welchen Song man als Nächstes spiele, und mache dann am Ende immer das, was er selbst sagen würde. Er sei schließlich Chef. Wenigstens hier auf dem Podium. Man glaubt ihm sofort.

Auf der Bühne, in der Live-Situation, ist er ein Tier, dieser Kümmert. Maschine. Wenn es aber um das Ganze drum herum geht, scheint sein Lebensstatus ab und an eher als „Es ist kompliziert“ zu bewerten zu sein. Die eine große Chance auf eine internationale Karriere hat er mit seiner Absage des ESC 2015 in die Tonne getreten. Panik und Angst seien damals die Gründe dafür gewesen. Zuvor, im Jahr 2013, hatte er die Castingshow „The Voice“ gewonnen und wurde damit in den Strudel von Veröffentlichungslogiken und Marketing geworfen. Die „Schablone Superstar“, wie er selbst sagt, passt allerdings kein bisschen zu ihm. Eigenwillig, fast schon schrullig nimmt man ihn wahr.

Wieder auf der Bühne: schnell noch ein Blues-Standard, irgendwas Nichtjugendfreies mit Marmelade. Dann ein ausgesprochen launiges Cover des Bill-Withers-Songs „Ain’t No Sunshine“ – aufgefüllt mit kurz angespielten klassischen Melodien und jeder Menge Santana-Vibes – geht es nach einer Dreiviertelstunde schon in die Pause.

Und eben diese Pause gibt einem die Möglichkeit, die Konzertbesucher ein wenig näher anzusehen. Ein typisches Stadthallenpublikum: eher Enkel statt Kinder. Und eher ein gutes Glas Rioja anstatt Dosenbier. Ein Publikum, dem man auf den ersten Blick den Garagen-Jam-Session-Sound des Kümmert-Trios eher nicht zutrauen, ja, zumuten möchte. Doch weit gefehlt. Den Leuten gefällt’s, keiner geht, und nach 20 Minuten ruft die Saalglocke zum zweiten Teil des Sets. Es geht weiter.

Der „Chef“ kommt zunächst alleine auf die Bühne und stimmt das eine Stück an, mit dem ihn alle assoziieren und wie er sich, voll von Understatement, wohl selbst auch gerne sieht: „Simple Man“. Auf Spotify millionenfach gestreamt, kam der Song einst bis auf Nummer 2 in die Charts. Man ertappt sich bei dem Gedanken, wie ein Duett mit einer Amy Winehouse funktioniert hätte: zwei Stimmen, die nichts beschönigen, sondern aushalten.

Und wieder: Blues, Soul und jede Menge Proberaum-Feeling. Wobei: Für einen Proberaum ist das Bier zu schnell leer und der Nachschub zu weit weg. Kümmerts Effektboard streikt, er tritt einmal dagegen – es tut wieder. Dies scheint ein altbekanntes Ritual. Nach jedem Stück der Gang zum Vox-Gitarrenamp, um „ein klein wenig lauter zu machen“. Man lächelt: Sie sind halt alle gleich, diese Gitarristen. Unglaubliches Talent gepaart mit einem Hauch von unprofessionellem Charme. Fast schon intime Momente großartiger Musik.

Allerdings die Kommunikation mit dem Publikum, die Ansagen: eher schwierig. Junge Menschen würden sie als „creepy“ bezeichnen. Niveau Schülerband, Realschule, 9. Klasse. „Der soll lieber singen als quatschen. Das eine kann er, das andere eher nicht“, hört man später im Gespräch. Das passt ins Bild.

Wieder ein Cover: „Little Wing“ aus dem Hause Hendrix. Experimenteller und souliger als das Original vom Meister. Kümmert verliert sich im Gitarrensolo. Man schließt die Augen, imaginiert Bläser, eine zweite Gitarre, drei Background-Sängerinnen und landet in Gedanken bei dem großartigen Film „The Commitments“: weißer Soul in den Arbeitervierteln im süddeutschen Balingen. Aber je größer eine Band, desto mehr Beziehungen gälte es zu pflegen. Eine Fähigkeit, die man Kümmert beim draufschauen eher nicht zugesteht.

Nach exakt 90 Minuten Spielzeit: eine kurze Zugabe, und der Abend ist zu Ende. Viel zu früh wird man um halb zehn schon wieder raus in die Welt geworfen. Es bleibt das Aroma von Vinyl und von heißem Tee. Nicht das von Rauch und Whiskey. Ein Set, eine Band, ein Raum und ein Publikum, die man nie zusammen vermutet hätte, die aber erstaunlich gut miteinander funktioniert haben. Später dann, nachts um eins, leicht angetrunken im Juwel in Margrethausen: Bei der soliden Coverband „Leergut“, Bon Jovis „Runaway“ im Ohr, überlegt man, ob es denn nun Segen oder Fluch ist, eine Stimme zu haben wie die von Andreas Kümmert. Heißt es doch immer nur: „Was für eine Stimme.“ Und der Rest? Wohl leider für manche nur Makulatur.

Andreas Kümmert, geboren 1986 in Unterfranken. 2 Kinder. Gewinner von The Voice of Germany 2013, ESC-Vorentscheid-Sieger 2015 – und berühmt geworden für das, was er danach nicht tat: hingehen. Statt Superstar lieber Tour, Soul und kaputte Wahrhaftigkeit. Seine Stimme klingt nach drei Leben, zwei Nächten ohne Schlaf und einem verkaterten Morgen danach. Lebt von der Musik, tourt unermüdlich, kann kein Glamour. Kümmert ist kein Popstar. Er ist ein kompliziertes Ereignis.