„Mein Herz brennt“ als großes Bild: vorne der Sänger, dahinter ein brennendes Klavier. Pathos in Reinform, völlig ernst gemeint. Kein Augenzwinkern, kein Kommentar – nur Feuer, Ballade und das Wissen, dass genau dafür alle gekommen sind.
Es ist Montagabend in der Volksbankmesse in Balingen. Morgen Feiertag. Die „Männer“, nicht „Jungs“ von Stahlzeit wollen uns heute die Band Rammstein erklären. Und ja: Begrifflichkeiten wie echte „Männer“, „Stahl“, „Schnitzel“ oder auch „Bergwerk“ sind für das Schaffen von Rammstein von höchster Relevanz.
Zuerst steht man mal wartend im Hallenputzlicht. Rund 1600 Menschen sind gekommen. Alle haben sie schwarze Shirts mit Bandaufdrucken von Motörhead bis Iron Maiden an. Einer hat „Bon Jovi“. Na, der traut sich was. Leise flüstert aus der Anlage Musik. So leise, dass man nicht erkennt, ob das jetzt Metallica oder Taylor Swift ist. Die Garderobe einmal mehr schnell überlastet und voll. Als wisse man auf der Alb nicht, dass man im Winter echt dicke Jacken mit dabei haben könnte. Am Anfang ist das aber nicht schlimm: Die Halle selbst ist vor der Show nicht gerade warm. Der Boden fleckig nass vom gelösten Schnee. Ein ungastlicher Ort also. Plötzlich, kurz nach 20 Uhr: Licht aus, Stimmung an.
Mit dem Stück „Reise, Reise“ beginnt der lustige Reigen. Der Sound ist okay, wird aber im Laufe des Abends noch besser. Die Bühnenaufbauten links und rechts, die Traversen und Lichtkonstruktionen sind massig. Man versteht schnell, wieso die Band erzählt, man müsse schon immer mit zwei Trucks unterwegs sein. Auch die Bühne selbst ist vollgestellt mit allem möglichen Feuerwerksgerümpel.
Auf der Empore sehen wir die sechs Musiker: Matthias und Mike Sitzmann (Gitarren), Thomas Buchberger-Voigt am Schlagzeug, Sam Elflein am Bass, Michael Stangl am Keyboard und auf dem Laufband. Und Heli Reissenweber als Till Lindemann: Gesang, Acting und Mittelpunkt der Aufführung.


Zweites Stück: „Links“. Schnell wird klar, dass es heute weniger um ein Konzert, sondern vielmehr um eine Art Metal-Varieté geht. Ein wenig Pyro hier, ein bisschen Geknalle dort, eine Lichtshow auf den Punkt. Als ob Silvester nicht erst ein paar Tage her wäre. Aber: Genauso, wie es Rammstein selbst wohl machen würden, würden sie denn noch in Hallen spielen. Dem Typen an der Bar, der lakonisch im Boomer-Sprech meint: „Stahlzeit sind wie Rammstein auf Wish bestellt“, kann natürlich nicht zugestimmt werden. Es ist, was es ist: eine Tribute-Show. Ein Bühnenprogramm, bei dem es nicht um eigene musikalische Varianz und künstlerisches Profil geht, sondern darum, nachzuahmen. Es wird nicht interpretiert, sondern imitiert. Und das machen die sechs echt gut. Und schon wieder: Feuer aus den Gitarren.
Wir hören das Stück „Du riechst so gut“. Bei dem ganzen Schwefelgeruch, der durch die nicht enden wollenden Bühnenpyros in der Luft liegt, kann dem nur bedingt zugestimmt werden. Bei „Mein Teil“ wird ein riesiger Kochtopf auf die Bühne gekarrt, in dem der Keyboarder quasi gegart werden soll. So machen es Rammstein, und deshalb machen es Stahlzeit auch. Eine Nummer kleiner halt. Leider ist dieser Vorgang nur in den ersten paar Reihen der Venue zu sehen: Die Bühne selbst ist mittlerweile so voller Rauchschwaden und Feuerwerksdampf, dass ab einer Entfernung von zehn Metern nur noch ein metaphorischer, blinkender Nebelscheinwerfer zu erkennen ist. Dem Sound tut das aber keinen Abbruch.
Dann eine Ansage von Reissenweber. Es soll die einzige des Abends bleiben. Rammstein selbst sind ja auch nicht eben als Plaudertäschchen bekannt. Er erzählt von der letztjährigen Tour zum 20-jährigen Bandbestehen. Vom ersten eigenen Lied, das zwar nicht gespielt, aber online verfügbar ist. Und davon, dass bald noch mehr Konzerte gespielt werden würden.


Die Nachfrage und das Interesse an Rammstein sind trotz aller Kontroversen ungebrochen. Früher waren es nur die brachialen Überspitzungen, die nach außen getragene politische Ambivalenz und massive, auch sexualisierte Provokationen, mit denen Rammstein von sich reden machten. Seit 2023 stehen der Vorwurf des Machtmissbrauchs, eines Aftershow-Casting-Systems (Row Zero), sexualisierte Gewalt sowie die unbelegte Behauptung der Verabreichung von K.-o.-Tropfen im Raum. Stahlzeit äußern sich dazu nicht – das Management betont, man wolle ausschließlich bei der Musik bleiben. Ob eine solche Trennung von Künstler und Kunst in dieser Form heute noch adäquat ist, soll an anderer Stelle diskutiert werden. Jetzt Volksmusik aus den Boxen, dann wieder harte Beats. Der Song „Dicke Titten“. Na ja.
Stahlzeit kommen aus Süddeutschland, genauer gesagt aus Franken, und machen seit fast zwanzig Jahren genau das, was ihr Name verspricht: Rammstein, aber ohne Rammstein. Sechs Musiker, klare Rollen, keine Ironie. Gespielt wird nicht „frei nach“, sondern möglichst nah am Original, inklusive Choreografie, Licht und Feuer. Europaweit unterwegs, viele Dutzend Konzerte pro Jahr, immer nach dem gleichen Prinzip: nichts erklären, nichts neu erfinden, sondern liefern. Eigene Songs gäbe es theoretisch – praktisch haben sie hier nichts verloren.
Das Timing der Band ist, wie der Rest der Show, nahezu perfekt. Jeder Lichtschwenk passt, jede Bandeinspielung ist absolut exakt. Und natürlich auch die Pyros. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Nicht einmal der Zufall selbst. Nun das Stück „Deutschland“: Die Bühne blutrot gefärbt, singt Heli Reissenweber, zu dem man mittlerweile wirklich „Till“ sagen möchte, von einem schwierigen Verhältnis zum Heimatland. Dies lyrisch schlau verwoben. Die Bridge „Deutschland über alles“ singt trotzdem manch einer in den ersten Reihen dann aber doch, den ironischen Bruch nicht verstehend, zu frenetisch und begeistert mit. „Solche Typen gibt’s mittlerweile halt überall“, meint eine junge Frau kopfschüttelnd.
Vor allem die Balladen sind es, die einen am Abend mitnehmen. Vorhin ein melancholisch schönes „Ohne dich“. Jetzt eine ruhige Version von „Mein Herz brennt“ mit angezündetem Piano. Die Halle schwelgt schweigend beeindruckt.


Vor der Zugabe noch „Pussy“. Mit Peniskanone. Rammstein hat diese ja mittlerweile ins Lager verbannt. Stahlzeit wollen aber offensichtlich nicht darauf verzichten. Verständlich: Die hat ja sicherlich irgendwann auch mal Geld gekostet.
Nach vier Zugaben, einem beeindruckenden und gefeierten „Engel“, ist die Show nach rund zweieinhalb Stunden vorbei. Das Putzlicht geht wieder an. Der Boden ist jetzt um ein Vielfaches schmutziger (Konfetti, Bier und man will nicht wissen, was sonst noch alles), und man begreift, dass man jetzt aber bitte doch schnell gehen soll. Das macht man dann auch. Mit durchmischten Gefühlen. Die Show war toll, die Musiker gut, aber am Ende ist’s dann halt doch wie bei einem Big Mac: Der Hunger wird nur sehr kurz und pappig gestillt. Laut, heiß, professionell – aber morgen früh fühlt es sich wie Fast Food mit Pyrotechnik an. Umso mehr freut man sich aber jetzt schon auf einen wilden Festivalsommer 2026.