Nur wenige Tage vor dem Internationalen Frauentag machte eine Nachricht die Runde: Helene Fischer bekommt eine eigene Barbie. „Endlich“, sagen manche. Vor zwei Jahren bekam sie noch Hassbotschaften, als sie sich öffentlich gegen Extremismus äußerte. Jetzt also Plastik-Emanzipation im pinken Karton. Was hat das mit Feminismus zu tun? Eine mögliche Antwort gibt es an diesem Samstagvormittag in der Innenstadt von Albstadt.
Ein paar hundert Kilometer weiter, auf dem Bürgerturmplatz in Ebingen, wird Feminismus heute etwas analoger verhandelt. Keine Barbie weit und breit. Dafür Kaffee, Infostände, Gitarrenmusik und ein überdimensioniertes Jenga-Spiel, das aussieht, als hätte jemand Gesellschaftspolitik in Holzklötze übersetzt. Mehr als 55 Organisationen beteiligen sich an der Veranstaltung oder unterstützen sie – von Parteien und Kirchen über Gewerkschaften bis hin zu zahlreichen sozialen Einrichtungen. Und nicht nur das Wetter strahlt, sondern auch die vielen Besucherinnen und Besucher. Im Laufe des Vormittags werden es knapp 400 Menschen in der Spitze sein. Für einen Samstagvormittag im März: ziemlich ordentlich. Für Lokalemanzipation ist das ungefähr: Stadion.

Kurz vor zehn Uhr beginnt das Programm – musikalisch. Simone Alena und Gitarrist Benny sorgen mit akustischen und elektrischen Arrangements für den Auftakt. „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ kommt aus den Boxen. Man könnte sagen: auch eine ganz brauchbare Zusammenfassung der Gleichstellungspolitik der letzten hundert Jahre. Die beiden machen das ziemlich gut.
Und mittendrin eine junge Frau irgendwo hinten in der Menge, Anfang zwanzig, die trocken sagt: „Wenigstens wird heute keiner dämlich von rehbraunen Augen vor sich hinlabern.“ Zustimmendes Nicken. Gute Stimmung. Der Weltfrauentag hat begonnen.
Es wird offiziell eröffnet – zunächst durch Estelle Koschnike-Nguewo, die engagierte Gleichstellungsbeauftragte des Zollernalbkreises und Gesamtkoordinatorin der Veranstaltung. Sie begrüßt die Besucherinnen und Besucher und erinnert warm und nah daran, dass der Internationale Frauentag nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch zum Nachdenken sei.
Ein paar Meter weiter stehen zwei Männer in Bikerwesten. Arme verschränkt. Skeptischer Blick. Tattoo am Hals. Sie schauen auf das Geschehen, als hätten sie sich gerade in die falsche Veranstaltung verirrt. Gerade dadurch wird aber spürbar, wie sehr dieser Vormittag versucht, wichtige Themen mit einer gewissen Leichtigkeit auf den Platz zu bringen.
Für die Stadt spricht anschließend Stadträtin Evi Conzelmann, eine der beiden ehrenamtlichen Stellvertreterinnen des Oberbürgermeisters. Sie würdigt das Engagement der vielen Initiativen und betont die Bedeutung von Gleichberechtigung im Alltag.
Dann gehört der Platz dem Turnerbund Tailfingen. Die Mädchen der Nachwuchsgruppe – die „Minis“, wie sie manchmal genannt werden. Mit „mini“ ist allerdings sicherlich nicht ihr Können gemeint.
Weiter mit dem Redebeitrag von Anke Traber von der Agentur für Arbeit. Und der hat es in sich. Sie spricht über Chancen und Herausforderungen für Frauen im Berufsleben. „Die Demokratie wurde im alten Athen quasi erfunden“, sagt sie. „Nur: Frauen durften leider nicht daran teilhaben.“ Ein Detail, das man im Geschichtsunterricht gerne übersieht. Noch heute gebe es deutliche Unterschiede: Nur rund 28 Prozent der Geschäftsführerstellen seien weiblich besetzt – obwohl Studien zeigen, dass gemischte Führungsteams Unternehmen nachweislich stärken. Hinzu komme der sogenannte Gender-Care-Gap, also die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Viele nicken bekräftigend aus den Reihen. Traber ermutigt dazu, Rollenbilder neu zu denken: Töchter sollten nicht nur „Papas kleiner Engel“, sondern ebenso „Mamas tapfere Kämpferinnen“ sein. Würden die Zuhörerinnen nicht ohnehin schon stehen, gäbe es vermutlich Standing Ovations.
Nun kommen auch Vertreterinnen aus Verwaltung und Kultur zu Wort. Julia Brockmann, Museumsleiterin in Albstadt, erinnert daran, dass Frauen in der Geschichtsschreibung lange übersehen wurden. „Museen sind Orte, an denen Geschichte erzählt wird“, sagt sie. „Aber auch Orte, an denen wir überlegen sollten, wie wir Geschichte künftig bewerten und entwickeln wollen.“
Noch einmal der Turnerbund – diesmal gehört der Platz der Showtanzgruppe „Flying Feet“. Fast schon gewagt präsentieren sie eine Einlage, die normalerweise an der Fasnet aufgeführt wird. „Für mich ist Feminismus auch, dass ich mich so anziehen kann, wie ich möchte, und auch so tanzen kann“, sagt Melanie, eine der Tänzerinnen, Anfang 30, später.

Auch junge Stimmen melden sich zu Wort. Sofie von der Albstädter Initiative „History, Her Story, Our Fight“ erinnert daran, dass Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht sei. Besonders beim Thema Bezahlung gebe es weiterhin deutliche Unterschiede. „In Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt etwa 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer.“ Eine Zahl, die sich erstaunlich hartnäckig hält. Ihr Fazit: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist kein Luxus. Es ist ein Menschenrecht.“ Grenzenlose Zustimmung aus den Reihen der Zuhörenden.
Musik erklingt, Gespräche entstehen. Flyer wechseln die Besitzer. Irgendwo klackern Jenga-Holzklötze. Auch die ökumenische psychologische Beratungsstelle ist da. Man redet, man freut sich, man ist beisammen und weiß: Wir sind uns hier in vielem einig. Der Weltfrauentag in Albstadt ist an diesem Vormittag also weniger Demonstration als Begegnung – und genau das scheint vielen zu gefallen. Immer wieder hört man das Wort Sichtbarkeit: in der Politik, im Berufsleben, aber auch in Kultur und Pop.
Früher war Barbie das Klischee. Heute ist sie plötzlich Teil der Debatte. Seit dem Film von Greta Gerwig mit Margot Robbie in der Hauptrolle hat sich das Rollenbild verändert. Helene Fischer muss sich also überlegen, welche Art von Barbie die ihre sein soll: die versteckte oder die gesehene. Eine Albstädter Barbie? Wäre sowas von sichtbar. „Mamas tapfere Kämpferin!“
Nach viel Austausch und Politik soll es am Abend noch eine kleine Party im Schiller geben – mit dem Duo Oksandra und später DJane Punto. Außerdem stehen weitere Programmpunkte auf dem Plan: Am 9. und 11. März ein Filmabend mit „Mein neues Ich“ im Bali Kino in Balingen, am 15. März im Albstädter Capitol sowie am 18. März im Burgtheater Kino in Hechingen der Film „Kick It Like Beckham“.
Was ist eigentlich der Internationale Frauentag?
Der Internationaler Frauentag findet jedes Jahr am 8. März statt. Wenn nicht gerade Sonntag ist. Entstanden ist er Anfang des 20. Jahrhunderts in der internationalen Arbeiterinnenbewegung. Frauen forderten damals Dinge, die heute selbstverständlich klingen: Wahlrecht, bessere Arbeitsbedingungen, gleiche Bezahlung. 1911 wurde der Frauentag erstmals in mehreren europäischen Ländern gefeiert. Organisiert unter anderem von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin. Mehr als hundert Jahre später geht es immer noch um viele der gleichen Themen: gleiche Bezahlung, politische Teilhabe, Schutz vor Gewalt und die Frage, warum Gleichberechtigung oft selbstverständlich klingt, aber im Alltag nicht immer so funktioniert.
Kurz gesagt: Der Internationale Frauentag ist der eine Tag im Jahr, an dem sich die Gesellschaft offiziell daran erinnert, dass Gleichberechtigung eigentlich längst normal sein sollte.



Dieser Artikel ist erschien:
Am 09.03.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 09.03.2026 im Schwarzwälder Boten.