Am vergangenen Samstag spielten die drei großen Albstädter Höchststufenorchester aus Ebingen, Onstmettingen und Tailfingen beim allerersten gemeinsamen Konzert „Winds of Albstadt“. Gemeinsam heißt dabei nicht einfach nur nach- oder nebeneinander – sondern ausdrücklich miteinander. Also zusammen. In inniger Harmonie. Und dies gelang famos in der sehr gut gefüllten Zollern-Alb-Halle vor rund 550 Gästen.

Als Albstadt 1975 gegründet wurde, blickten die aktiven Orchester der jungen Stadt selbst schon auf jeweils über 100 Jahre Tradition zurück. Der MVO („Musikverein Onstmettingen“) beispielsweise hatte kurz zuvor seine erste Schallplatte („Platzkonzert“ – die gibt es heute noch) pressen lassen und blickte auf Konzertreisen unter anderem nach Monaco zurück, um dort für Fürstin Gracia Patricia zu spielen. „Wir sind Onstmettinger und keine Albstädter“, hieß es damals noch, zugegeben, schon etwas zu selbstbewusst. Von den beiden anderen Orchestern wurde dies ebenso meinungsstark proklamiert. Die Harmonie kannte damals also noch eindeutige Teilortsgrenzen.

Seither hat sich viel verändert. Bürgermeister kamen und gingen, die Textilindustrie ging nur, im Talgang wurde hin und her gebaut, das Internet und Hip-Hop wurden erfunden, und Kurt Cobain starb – neben vielen anderen – viel zu früh. Allerdings: die drei Orchester blieben. Anker in stürmischen Zeiten.

Und nun, zum Stadtgeburtstag, standen sie also alle gemeinsam in Schwarz vereint auf der Bühne und waren zurecht stolz auf insgesamt 522 Jahre gemeinsame Vereinsgeschichte. Nach kurzem „Hallo und Willkommen“ begann das durchaus überraschende Programm. Es waren eben nicht die typischen Märsche, die von den drei Musikdirektoren eingereicht und den anderen Orchesterteilen zur Umsetzung vorgestellt worden sind. Im Gegenteil: Es wurde ein überaus anspruchsvolles Programm geboten, das sowohl Traditionalisten als auch zeitgeistlich orientierten Hörern gerecht wurde. Ein Hauch von Gershwin hier (Ross Roy von Jacob de Haan) und ein sich steigernder Bombast da (First Suite in Eb, Op. 28 No. 1 von Gustav Holst). Jeweils abwechselnd dirigiert.

Und auch hier offenbarte sich ein weiteres, in Albstadt liegendes Kleinod. Genauer gesagt drei: drei Musikdirektoren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine voll perfektionistischem Temperament, der andere ein präziser Musikprofessor, wie man ihn sich immer gewünscht hätte, und der Dritte, der förmlich den Rock’n’Roll im Taktstock zu haben scheint. Attila Hepp, Thomas Wunder und Sebastian Rathmann sind wahre Meister ihres Faches, deren Begeisterung und Enthusiasmus für das gemeinsame Projekt die ganze Halle in den Bann zog. Alle drei sollte die Stadt hüten wie einen Goldschatz.

„Winds of Albstadt“
so der Konzerttitel, scheint beim ersten Lesen etwas „ruckelig“. Dieser hat weder etwas mit einem Hit der Scorpions von 1990 noch mit einem sich Luft schaffenden Unwohlsein im Unterbauch zu tun. Vielmehr wird die gesammelte Gruppe von Blasinstrumenten im englischen fast schon poetisch „Winds“ genannt: „Blasmusiker von Albstadt“.

Begonnen hatte das Ganze vor rund anderthalb Jahren. Da wuchsen die ersten Überlegungen, wie man das Stadtjubiläum, das 2025 anstehen würde, begehen wolle. Der Albstädter Kulturamtschef, privat mit dem städtischen Orchester Albstadt (Ebingen) verbandelt, stupste den Vorstand des Vereins, Dieter Dörrer, mit der Idee an, man könne zum Jubeljahr doch etwas mit den anderen Albstädter Orchestern machen. Ein Zuschuss dafür stünde zum Stadtjubiläum auch bereit. Dieser Ideenfunke vervielfachte sich. Etwas Gemeinsames sollte es werden. Etwas, das neben der individuellen Ortsidentität auch zeigt, dass man „gut miteinander kann“. „Wir haben versucht, Synergien zu finden, sowohl musikalisch wie auch in der Veranstaltungsplanung. Die einen können besser Werbung, die anderen besser Bewirten“, erzählt Dörrer begeistert von den Konzertvorbereitungen. Wer allerdings seiner Meinung nach am besten spielen könne, behält Dörrer natürlich charmant und weise für sich.

Manche machen Musik, andere haben Spaß und das große Albstadtorchester hat beides gleichzeitig. Jeder Paukenschlag und selbst die kleinste Triangel „kam auf den Punkt“.

Ohne Sponsoren und vor allem das Ehrenamt wäre so ein Konzert unmöglich: Neben den Musikern und ihren Dirigenten sind viele weitere Helfer in der Technik, im Catering und allem anderen, was so anliegt, eingespannt. Dass so viel Engagement Anerkennung verdient – ja, gar zwingend benötigt, um sich zu entwickeln – versteht sich von selbst. Man wisse sehr zu schätzen, dass der scheidende erste Bürgermeister Udo Hollauer sich Zeit für ein Grußwort genommen hat. Auch die stellvertretende Bürgermeisterin Marianne Roth war würdigend und sichtlich begeistert zugegen. Und Stadtrat Nils Maute stellte im Gespräch fest: „Albstadt ist eben nicht nur Sport-, sondern vor allem auch Kunst-, Kultur- und Musikstadt.“

Viel zu schnell vergingen die anderthalb Stunden Konzert. Nach kurzer Ehrung, Blumensträußen und vielen Verbeugungen konnte man bemerken, wie Attila Hepp sich leise darum bemühte, dass das dringend benötigte Schlagwerkregister schnell wieder auf seine Plätze kam: Der Soundtrack des Films „Thor“ war die erste Zugabe. Lauter Donner von den Percussions und ein voller, satter Bläsersound ließen die Halle begeisternd beben. Es folgten ein beschwingtes „Walking on Sunshine“, und den fulminanten Konzertabschluss bildete die nachdenklich-glückliche „Yorkshire Ballad“.

Weit über 10.000 ehrenamtliche Stunden
benötigte es alleine im Vorfeld: über 130 Musiker und 3 Dirigenten probten ca. ein halbes Jahr jede Woche und verbrachten auch ein gemeinsames Probenwochenende für das Konzert. Dazu kamen Planung, Antragsstellung, Öffentlichkeitsarbeit, Genehmigungen, Aufbau und vieles Weitere. Und das viele „alleine Üben“ ist hier noch nicht einmal mit eingerechnet.

Obwohl das Städtle nun mittlerweile das halbe Jahrhundert voll hat, scheint es immer noch viel Polarisierendes und Trennendes unter den Ortsteilen zu geben: Feuerwehren, Schulen und nicht zuletzt die vieldiskutierte Talgangbahn. „Albstadt ist schon besonders. Besonders schwierig“, bekommt man lachend von einem Flügelhorn nach dem Konzert zu hören. „Wir ‚brutteln‘ darüber, wieso wir die anderen für doof halten, anstatt zu schauen, was uns verbindet. Wir Musiker wollten das jetzt halt mal anders machen. Und der Erfolg gibt uns recht“, ergänzt eine Posaune. Ob Horn und Posaune wussten, dass dies ein paraphrasiertes Zitat eines Songs der Band „Feine Sahne Fischfilet“ ist, ging aus dem Gespräch nicht hervor. Aber wahr ist und bleibt es unbenommen: was für ein schönes Konzert.

Dieser Artikel erschien:
Am 01.06.2025 in der SÜDWEST PRESSE
am 01.06.2025 in der Schwäbischen Zeitung
am 01.06.2025 im Schwarzwälder Boten