Am Donnerstag startete das zweite „RVBang“-Festival auf dem Balinger Messegelände – zunächst im Biergarten und mit einigen Bands in der Messehalle. Freitag und Samstag öffnete dann die Open-Air-Bühne – bei bestem Wetter. Nebenan: ein festivaleigener Campingplatz für Dauerfeiernde. Dazu ein „Fantastisches Metal-Spiele-Wunderland“ rund ums Thema Heavy Metal: Karaoke, Spontan-Tätowierungen, Kuttenwettbewerb, Tischfußball oder der Erwerb von Metal-Zubehör in Form von Ringen, Armbändern, Aufnähern und Shirts – quasi als Bonus obendrauf. Und Schupfnudeln.

Drei tolle, wilde, witzige, schöne Tage mit einer Prise melancholischer Erinnerung an alte Zeiten.

Es beginnt – wie alles Bedeutende – mit einem Tunnel: ein paar Meter weg vom Gelände, der legendäre „We’re-not-gonna-take-it“-Tunnel. Ein unscheinbares Bauwerk, das eigentlich nur ein Industriegebiet mit dem Messegelände verbindet. Schon 2003 wie heute: Wer zum Bang Your Head wollte, musste hindurch. Und niemand tat das schweigend. Twisted Sister auf Repeat – aus Boxen, Kehlen, Konserven. Der Tunnel war nie bloß eine Abkürzung. Er war Ritual. Jetzt, 2025, laufe ich wieder hindurch. Ich bin älter, klar. Vernünftiger? Vielleicht. Einer fängt an zu singen: „We’re not gonna…“ Andere stimmen ein. Auch ich – mit Augen getränkt in Sentimentalität.

Am Wochenende vibrierte also der kollektive Herzschlag der Szene erneut in Balingen. Der Tunnel lebte. Als Ankündigung eines seltenen Familientreffens mit merkwürdigen, rituellen Tänzen in Schwarz. Das Weihnachten der Metalheads. Donnernde Riffs, der Tunnel als Wallfahrtsort – Balingen weiß: Sie sind zurück!

Jetzt also: RVBang. Das legitime Erbe der einstigen Metal-Großmacht „BYH“. Schließlich muss ja jemand weitermachen. Warum also nicht der RockVerein? Das Festival ist – was nackte Besucherzahlen angeht – kleiner als der große Bruder, der letztmals 2019 stattfand. Dennoch kamen mehr Menschen als bei der Premiere im Vorjahr: rund 1000 am Donnerstag, etwa 4200 am Freitag, und schließlich am Samstag: ausverkauft mit 4999 Besucherinnen und Besuchern.

„Mit dem alten Bang Your Head hat das eigentlich kaum noch was zu tun“, sagt Niklas, einer der Techniker. „Das hier ist ein ganz neues Kapitel – und das fühlt sich richtig an.“
Man muss ihm recht geben: Das RVBang ist eine kluge Weiterentwicklung – weg vom bloßen Bombast, hin zu einem Heavy-Metal-Familienfest mitten im Sommer. Und „Onkel“ Herman durfte auch mitfeiern – dazu gleich mehr.

Zuerst Donnerstagabend: Warm-up-Party, unter anderem mit Mädhouse und Vicious Rumors. Drinnen: Menschen in Kutten – so nennt sich im Jargon die mit Aufnähern bestickte Weste der Fans. Freundinnen, Freunde, viele Bierbecher, erstaunlich viel Wärme.

Schon ab 18 Uhr geht es los. Doch nicht die Bands stehen im Vordergrund, sondern das Wiedersehen. Man freut sich über Falten, die man bei seinem Gegenüber erkennt – jemanden, den man oft nur einmal im Jahr bei genau diesem Festival trifft. Man zelebriert das gemeinsame Erwachsenwerden, das sich irgendwo ab Ü40 einpendelt. Im Hintergrund spielen „Invasion“. Die machen das gut. Trotzdem: „Hast du schon das von der Caro gehört?“ – „Das nächste Bier hol ich!“
Nach den Live-Acts gibt es bis spät in die Nacht eine Metalparty mit verschiedenen DJanes und DJs. Und Manowar vom Band. Stimmt – die gibt’s ja auch noch.

Bang Your Head!!! – war das legendäre Metal-Festival auf dem Balinger Messegelände. Gestartet 1996, groß geworden ab 1999 in Balingen. Ein Treffpunkt für 10.000 bis 20.000 Fans, ein Heimspiel für Kutten, Bier und donnernde Riffs. Hier standen einst Größen wie Motörhead, Twisted Sister, Journey oder Helloween auf der Bühne. Letzte Ausgabe: 2019. Dann kam Corona – und jetzt seit 2024 RVBang. 

Dann der Freitag: Die zweite Ladung der insgesamt 22 Bands reklamiert die Bühne für sich. Das Vorprogramm wird beachtlich bestritten von Source of Levitation, Fighter V, Rezet – und erneut Vicious Rumors. Der Platz füllt sich, Schatten ist rar. Man sieht feiernde Kinder – bei manchen fragt man sich, ob sie mit den Eltern oder gar schon mit den Großeltern da sind.

Um 16 Uhr betreten die Schweizer Shakra die Bühne – ein beachtlicher Auftritt trotz Nachmittagsprogramm.

Ich treffe Michael, Fan durch und durch. Auf „The New Roses“ freut er sich besonders: „Ganz klar Headliner-Material!“ Und am Samstag früh um 10 Uhr dann Pinghost: „Das sind Balinger Jungs – die muss man unterstützen. Heimatband, Ehrensache!“

Die „Burning Witches“ kommen unter Horrorfilm-Beschwörungen aus den Lautsprechern auf die Bühne. Viel Popo, sagen die Kritiker. Viel Punch, sage ich. Über ein solides Rhythmuskonstrukt schaffen sie es, auch musikalisch zu begeistern. Die Bühnentechniker haben im Hintergrund zwei kleine „Hexenhäusle“ aufgebaut. Sehr witzig – schön zu sehen, dass sich die Szene selbst auf die Schippe nehmen kann. Hoffe ich zumindest.

Dann Herman. Herman Frank. Urgestein der deutschen Metalszene. Mitverantwortlich für die sagenhafte Hymne „Balls to the Wall“. War bei Accept. Und bei Victory. Heute mit Sängerin und zwei Sängern auf Solopfaden. „Herman, Herman!“-Rufe schallen durchs Rund.

Die anschließenden The New Roses bestätigen: Ja: Headliner-Material!

Zwischendurch ein Abstecher zur Karaoke-Bühne. Es tönt schief: „I don’t wanna miss a thing“. Ehrlich gesagt: mächtig schief. Eine Freundin fragt mich lachend: „Warum macht man sowas?“ Ich antworte: „Weil’s witzig ist. Wir sind ja nicht auf der Arbeit.“

Weiter mit Dragonforce – die Headliner des Abends. Dragonforce sind Wahnsinn. Zwei Gitarren, ein Tempo, das einen umhaut. Unglaublich, was Herman Li und Sam Totman zweistimmig aus ihren Instrumenten holen. Allein diese Soli wären schon beeindruckend – aber in dieser Geschwindigkeit und Präzision im Duett: hohe Kunst. Sänger Marc Hudson meint: „Germany is the home of Heavy Metal.“ Und Balingen an diesem Abend das Lagerfeuer – während der Mond hell über dem Gelände leuchtet. Ein Circlepit – wildes Im-Kreis-Rennen – zu dem Taylor Swift Cover von „Wildest Dreams“, angeführt von den zuvor gesehenen „Burning Witches“ mitten im Publikum, macht den Tag komplett.

Na gut – fast. Aftershow ab 23 Uhr in der Halle. Wieder Manowar. Vom Band. Natürlich vom Band. Natürlich Manowar.

Samstag. Tag drei. Die letzten Riffs. Guten Morgen, Balingen.

Mit Pinghost, Black & Damned, Fireborn und Traitor beginnt der Tag. Der Platz füllt sich. Die Sonne bleibt. Irgendwo weht ein Shirt mit aufgedrucktem Totenschädel wie eine Fahne des guten Geschmacks. Ich liebe diese Leute!

Die Musizierenden von Full Stop spielen berauscht mitten unter den Menschen – nicht auf der Bühne, sondern im Publikum. Später am Abend verkaufen sie freudestrahlend ihren Merch und feiern mit. Sie waren dabei. Das ist Nähe. Das ist so ungeheuer sympathisch – und der Grundtenor des ganzen Festivals.
„Das ist kein Festival. Das ist ein Schwebezustand.“

Grave Digger und Serenity liefern – wie seit Jahren gewohnt, zuverlässig wie eine deutsche Gewerkschaft – ein solides Bühnenprogramm. Horns up, hands down: Das Publikum ist geübt.

Dann die Warkings – oh mein Gott, sind die lustig: maskiert, mit Feuer, Hammer und Gitarren. Sie ziehen nicht in die Schlacht, sondern auf die Bühne: „Hello Balingus!“, rufen sie. Sie meinen’s ernst. Oder nicht. Oder beides. Ich lache – und bin trotzdem gerührt.
Sie spielen „Bella Ciao“ – die Partisanenhymne – aber es klingt wie Krieg, Liebe und Metal in einem. Sie nennen es: „Fight“.

Zum Schluss die unvermeidbare Destruktion. Also: DESTRUCTION! Deutscher Thrash Metal – extra laut, extra schnell, mit ordentlich Rumps aus den Boxen. Sänger Schmier ist ein Tier – und hat Bühne und Fans im Griff: „Wenn ich mir die ganzen [sehr sehr schlimmes Schimpfwort] ansehe, die uns regieren – so ein Abend wie heute ist ein verdammtes Geschenk!“, sagt er vor „No Kings – No Masters“. Alle wissen: ein Schmier hat immer recht.

Dann Licht, Feuer – das infernale „Bestial Invasion“. Der Tinnitus bekommt Gänsehaut: Feierabend. Auf zur Aftershow.

Die Halle ist noch voller als an den Abenden zuvor. Die Menschen scheinen nicht heim zu wollen – und lassen das Festival ausklingen. „Kings of Metal“, wieder Manowar. Ok – es ist dann doch Zeit zu verschwinden.

Ich frage im Gehen eine Sanitäterin, ob’s denn was zu melden gäbe. Sie grinst. „Alles gut.“
Ich traue ihr nicht. Ich glaube, sie stand am Freitag bei den Witches auf der Bühne.

Die Veranstalter sagten vor dem Festival: „Von Fans für Fans.“ Klingt wie ein Slogan aus der Hölle einer Werbeagentur. Aber es stimmt. Weil es nicht gelogen ist: Eine Erinnerung daran, dass man manchmal einfach durch einen Tunnel gehen muss, um alles zurückzufühlen.

Tickets fürs nächste Jahr gibt es schon. Am Samstag waren bereits 600 verkauft. Michael Schenker wird kommen. Sonata Arctica auch. Und ich? Ich wäre schön blöd, das zu verpassen.

Dieser Artikel erschien:
Am 14.07.2025 in der SÜDWEST PRESSE