Unserem Autor kann sicherlich keinerlei Affinität zum Schlager zugeschrieben werden. Unbenommen kam er von der Veranstaltung fröhlich pfeifend zurück in unsere Redaktion: „Sierra, Sierra madre tu!“ Wir sind besorgt.
Ja, das Publikum auf dem Marktplatz besteht heute eindeutig und überwiegend aus Best-Agern. In den letzten zwei Wochen haben Metalheads das „BL Best Of“ in metaphorischen Schutt und Asche gelegt und Celtica den mittelalterlichen Flashmob angeführt. Heute aber dominieren Volksmusik und Schlager. Wir befinden uns im Erwachsenenprogramm. Der Balinger Trachten-Rave: Drei Highlights stehen auf dem Plan des Abends. Um 18 Uhr geht’s los, etwa 3.500 Menschen, eher mehr, sind in der Spitze auf dem Platz – neugierig und erwartungsvoll, gewandet in ihre besten Sonntagsoutfits. Die Bühne ist gerichtet.
Und pünktlich geht es los. Mit dem Volksmusik-Support aus Geislingen: PolkaAcht. Sieben Blechbläser und ein Trommler erobern den Marktplatz im Sturm. Wer langweilige Interpretationen uralter Standards erwartet, liegt falsch. Auf einem schmalen Grat aus traditioneller Polka-Logik, gepaart mit publikumsorientierter Darbietung – die Kaiser Musikanten haben hier wohl die eine oder andere Idee mitgegeben – rocken die acht den Platz. Sogar ein Mambo wird ausgepackt. Zwei Sets werden gespielt, bevor mit dem „Böhmischen Traum“ das Ende eingeläutet wird. Festzuhalten ist: Um 19:21 Uhr wurde das erste tanzende Paar gesichtet.


Ein befreundeter Gitarrist meinte vor Jahrzehnten, als man sich im jugendlichen Leichtsinn und mit Lemmy als Vorbild im Kopf über Schlagermusiker lustig machte: „Das ist schon ein Knochenjob. Pausenlos unterwegs, mindestens jeden zweiten Tag ein Konzert. Die Abläufe müssen zu 100 % passen, und wenn man sich die Noten anschaut: Da sollte man schon was können.“ Er muss es wissen, war er doch über viele Jahre neben seinen Studiojobs mit allen möglichen Schlagerleuten on Tour. Heutzutage erzählt er allerdings von Echsenmenschen – aber das ist eine andere Geschichte.
Schlager – von rebellisch bis heimatlich
Schlager wird oft als angepasst belächelt – dabei war er mal richtig rebellisch. So etwas wie der tätowierte, zigarettenschnippende Cousin von Pop und Beat. In den 1950er- und 60er-Jahren galt er in Westdeutschland als jugendlich frech: Stars wie Peter Kraus oder Conny Froboess hatten mehr mit Rock’n’Roll zu tun als mit dem heutigen „Schunkel“-Image. Viele große Schlagerhits sind zudem Übersetzungen ausländischer Songs. „Rote Lippen soll man küssen“ (Cliff Richard) kommt aus England, „Griechischer Wein“ basiert musikalisch auf Elementen griechischer Folklore, und Roy Black sang Lieder, die aus dem italienischen Pop importiert wurden – eine musikalische Migration, die heute kaum noch benannt wird. Auffällig: Die größten Schlagerhits handeln häufig vom „Zuhause“. Wobei dieses Zuhause nie eine Zweizimmerwohnung mit klopfender Gastherme ist. Schlager-Zuhause ist immer ein Traumstrand. Oder ein Weinfest. Oder eine Berghütte mit perfektem Sonnenuntergang. Wo natürlich auch gleich irgendjemand zum Akkordeon greift.
Als Nächster schubst Frank Cordes die Menschen in seinen Schlagerbus – Fenster runter, Kühltasche auf. Er ist heute alleine: ohne Band. Man merkt ihm seine Bühnenerfahrung sofort an. Er redet. Er singt. Er erzählt Geschichten. Von damals mit den „Schlagerpiloten“ und wie er Drafi Deutscher kennenlernte. Aus dieser Zeit stammt das Stück „You want love“. Ein Bühnentechniker: „Es gibt drei Arten von Künstlern: die eher doofen, die netten und die, mit denen man gerne mal grillen möchte. Mit dem Frank würde ich jedes Steak teilen.“ Vor zehn Jahren beschloss Cordes – ob der tollen Menschen und der Natur – seinen Lebensmittelpunkt auf die Schwäbische Alb zu verlagern. Ein Nachbar – einer von uns. Seitdem wohnt er in Meßstetten. Ganz ohne Gehabe. Aus der Ferne wirkt er wie ein süddeutscher Brad Pitt. Auch er spielt zwei Sets. „Jetzt erst recht“ und auch „Mary Jane“ erklingen. Irgendwann steht er einfach zwischen den Menschen und singt weiter – dort ist sein Platz, dort gehört er hin. Ein schmachtendes „Sierra Madre“ und zum Abschluss ein tränenschönes „Unchained Melody“ von den „Righteous Brothers“. Diese Texte: In Schlagern geht’s nie um unbezahlte Nebenkostenabrechnungen.
Der Platz füllt sich weiter. Zwischen Dirndl und Jeansjacke, zwischen Fächer und Handyblitz, ergibt sich ein Mosaik der Balinger Sommernacht. Für ein paar Stunden muss die Last des Alltags zur Seite treten. Und das Moshpit – Entschuldigung: die Tanzfläche – wird auch voller. Die einen reden, die anderen filmen, wieder andere versuchen, das perfekte Bild zu kuratieren – aber am Ende landen alle bei derselben Melodie, die man sich noch auf dem Heimweg im Auto aus dem Kopf schütteln will, wie ein klebriges Kaugummi.



Und endlich beginnt es: das Wirtschaftswunder in Balingen. Genauer gesagt: der heutige Headliner Wirtschaftswunder startet mit dem Stück „Schöner fremder Mann“ im Original von der unvergesslichen Connie Francis. Und schubsdiewubs hat das Sextett das Balinger Publikum bereits ab dem ersten Ton komplett auf seiner Seite. Vorne die Sängerin Helga und der ebenfalls stimmgewaltige Oswald. Letzterer meint verwegen, er könne tanzen. Am Schlagzeug Dr. Sputnik, an der Gitarre der unglaubliche Eddie Schillinger, Jens von Eden an der elektrischen Orgel und schlussendlich Hans Albern am Bass. Aus dem Stuttgarter Raum kommen sie, und: die können echt was. Handwerklich auf höchstem Niveau, über 60 TV-Auftritte absolviert, katapultieren sie das Publikum direkt in das Nostalgie-Karussell, beginnend mit „Itzi Bitzi Strandbikini“ über „Drei kleine Italiener“ von Conny Froboess bis hin zur jungen Gitte, die einen „Cowboy als Mann“ will. Sie füllen ihr 100-Minuten-Set mit Schlagerklassikern der 50er- und 60er-Jahre. Und plötzlich steht Gitarrist Schillinger, einem Eddie Van Halen gleich, mitten im Publikum auf einer Bank und spielt ein Rock’n’Roll-Solo im besten Stil von Duane Eddy. Die Falten in Schillingers Gesicht sagen: „Er ist halt keine 39 mehr.“ Seine Finger auf dem Gitarrenbrett und sein Hüftschwung widersprechen: „Anfang 20, keinen Tag älter.“
Die Zeit vergeht wie im Flug: Der Trachten-Rave läuft inzwischen im Vollrausch. „Ich kenne das noch von meiner Oma – wenn wir gebacken haben, sang sie ‚Shake Hands‘ – das macht sie heute noch im Haus Abendsonne, immer wenn wir sie besuchen“, meint eine junge Frau.
Zum Schluss gibt’s noch ein Medley. Der ganze Marktplatz steht. Und als Zugabe? Da kann es nur eins geben: den Drafi. Den Deutscher. „Marmor, Stein und Eisen bricht.“ Die Stimmung explodiert. Und – jäh um Minuten nach zehn – ist das Konzert viel zu früh zu Ende.
Es ist das Finale eines begeisternden siebzehnten Kultursommers. Vom schweißtreibenden Salsa über schwäbische Superhits und fulminanten Jazz bis zum mittelalterlichen Lagerfeuer-Romantik-Kitsch – ein Spektrum, das so breit ist wie eine Playlist mit leichtem Identitätsproblem. Nichtsdestotrotz: superspannend. Und wer denkt, hier würde nur brav musiziert, hat die Rechnung ohne die perfekte Technik, die grandiosen Veranstalter und ein Publikum gemacht, das sich nicht nur durch Lautstärke, sondern auch durch pure Leidenschaft auszeichnet. Der Zuspruch? Überwältigend. Die Stimmung? Durchweg begeistert. Und die Sonne? Ganz klar der heimliche Headliner, der hier wohl einen Exklusivdeal mit den Veranstaltungsmachern hat. Aber mal ehrlich: Wäre so ein Techno-Abend nicht auch mal was? Mit Neon, Bass, die Balinger Crowd in einem kollektiven Rausch? Oder ein bisschen HipHop à la Balingen, wo die Beats so urban sind wie die Schwäbische Alb? Ein Volksmusik-Metal-House-Crossover? Andere Geschichten für andere Nächte. Heute regiert das Herz – und ein bisschen auch sanfte Melancholie. Und gerade deswegen: Man geht nicht nüchtern aus diesem Abend. Egal ob man Wasser oder Weinschorle trinkt. Irgendwas bleibt hängen.

Dieser Artikel erschien:
Am 18.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE