Am vergangenen Samstag verwandelte sich die Eberthalle in ein Stück Karibik. Initiiert vom Weltladen zum Auftakt der Interkulturellen Woche in der großen Kreisstadt. Es hieß: ¡Ven a la noche cubana!
Einmal mehr in der ehrwürdigen Eberthalle, Kleinod der Balinger Veranstaltungsspielwiesen (wer hier schon mal Polka getanzt hat, weiß Bescheid). Einen Piña Colada in der Hand, aber keine Strandpromenade in Sicht – und trotzdem: Heute ist hier das Trinidad der Zollernalb – mit etwas weniger Palmen, aber deutlich kürzeren Wegen nach Hause.
Man möchte es eine traditionelle Tanzveranstaltung nennen – und dies nur im positivsten Sinne. Es ist bestuhlt, vor der Bühne ausreichend Platz, um sich zu bewegen. Oder eben auch zu tanzen. Mehr als hundert Menschen haben ihren Weg heute in die Halle gefunden. „Es hätten ruhig noch ein paar mehr sein können“, hört man aus den Reihen der Organisatorinnen und Organisatoren. „Aber bei all dem, was heute in der Gegend los ist, müssten sich die Leute ja förmlich zerreißen.“ Und dann ist ja auch noch der wahrscheinlich letzte Grillwetterabend des Jahres.
Und wieso Südsee in der süddeutschen Provinz bitteschön? Wegen vier Dekaden fairen Handels in Balingen. Der Weltladen – das ist nicht nur Krämerei, das ist Haltung. Seit 1985 stemmen Ehrenamtliche das Geschäft in der Neue Straße, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Sie verkaufen Kaffee, Schokolade und Kunsthandwerk – aber eigentlich schenken sie Bewusstsein: dass Einkaufen etwas verändern kann. Rund 50 Aktive sorgen heute dafür, dass die Regale voll sind, die Geschichten weitergetragen werden und der Faire Handel vor Ort sichtbar bleibt. 2025 feiern sie ihr Jubiläum – mit eben dieser Kubanischen Nacht, einer Matinee und fairem Frühstück. Ein kleines Team, ein großer Beitrag: vier Jahrzehnte gelebte Solidarität.

Zurück in den Saal: Auf der Empore die Band „Los 4 del Son“ – das klingt schon dem Namen nach wie eine Verheißung. Vier Kubaner, die in Havanna ihre Heimatbühne in der legendären „Bodeguita del Medio“ meinen. Jenem Ort, an dem Hemingway Gerüchten zufolge viel zu viel trank und die Musik niemals verstummte. Ach, dieser Hemingway. Von dort hinaus in die Welt: Son, Salsa, Cha-Cha, Bachata – die ganze kubanische Schule von Lebensfreude in Akkorden. Und nein, wir hören hier keine Touristen- oder Jahrmarktsnummer, sondern gelebte Kultur: Stücke wie das berühmte „Chan Chan“ tragen sie nicht als Klischee vor, sondern als Erinnerung, dass Musik auf dieser Insel immer auch Widerstand, Alltag, Überleben ist.
Ein Freund berichtete einst von den subtilen Codes, die sich in Texten kubanischen Liedguts finden – in einem Land, in dem freie Rede bis heute, sagen wir, herausfordernd bleibt. Rote Fahne im Gepäck, Planwirtschaft im Herzen – und doch stehen Limette, Rum und Cola auf dem Tisch. Marx und Lenin blicken streng von der Wand, die Stirn in Falten gelegt, weil Lebensfreude schwer zur Planwirtschaft passt. Im Hinterzimmer aber, der Eberthalle quasi, gewinnt längst das Lächeln – und der Merengue.
Sie spielen weiter. Der Abend kippt. Nicht ins Schlechte, ins noch Bessere. Als ob jemand die Karibik-Taste gedrückt hätte. Einfach „Los 4 del Son“. Aus einem schwäbischen Stuhlkreis wird eine Tanzfläche – und ehrlich: Wenn das gelingt, ist Weltfrieden eigentlich auch drin. Aus süddeutscher Zurückhaltung wird ein verschwörerisches Lächeln – wie beim heimlichen Umfüllen vom Viertele in die Wasserflasche beim Stadtfest. Improvisationen der Band gehören mit zum Programm: Die Musiker nehmen die Stimmung auf, werfen ein Augenzwinkern in die Menge und spinnen daraus Musik, die nie zweimal gleich klingt. Sänger und Perkussionist Wilberto Sanamé Leyva, wir Freunde dürfen „Willy“ zu ihm sagen, geht ins Publikum, tanzt und singt gleichzeitig und meistert den Spagat zwischen blendender Unterhaltung und künstlerischem Anspruch. Und plötzlich passt die Zollernalb ziemlich gut zu Havanna. Jeder Ärger, den mancher Mensch – wie man vom Hörensagen so weiß – wohl mit sich herumträgt, verklingt im Takt. „Wer braucht schon WLAN, wenn man tanzen kann?“
Das musikalische Fundament des Quartetts bilden Emigdio Naranjo Gongora „Tropa“ an den Keyboards und Yovani Gomez Avilla am Bass. Zwischen traditionellem Klangteppich und sehr gutem Solospiel tritt Humberto Leyva Lopez an der Gitarre in Erscheinung. Jeder bekommt Freiheit für manche Soli. Salsa-Jazz. Am meisten beeindruckt der oft vierstimmige Chorgesang. Halleluja! Und bitte: Manche Bands bekommen nicht mal zwei Stimmen in der Tonhöhe versetzt zustande. Hier gleich vier. Bemerkenswert.
„Das heute ist schon ein Highlight. Wir freuen uns aber auch auf nächsten Sonntag. Zwischen 11.00 und 15.00 Uhr gibt’s auf dem Balinger Marktplatz den ‚Brunch der Kulturen‘. Da soll es dann aber bitteschön auch so tolles Wetter sein wie heute“, erfährt man verschmitzt fordernd auf dem Weg zur Cocktailbar.
Interkulturelle Woche im Zollernalbkreis. Klingt nach Bürokratie? Weit gefehlt. Eigentlich ist es der Versuch, die ganze Welt für ein paar Tage ins Wohnzimmer zu packen. Vom 20. bis 28. September 2025 läuft die achte Auflage. Seit 2018 mischt die „IKW“ hier mit, geboren aus einem Netzwerk aus Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und einem Haufen Ehrenamtlicher, die lieber Brücken bauen als Mauern zu streichen. Unter dem Motto „DAFÜR!“ geht es um Begegnungen, Austausch, um das spürbare Gefühl: Wir könnten alle ein bisschen mehr miteinander statt nebeneinander leben. Und wer genau hinschaut, merkt schnell – Vorurteile lösen sich am besten bei Kaffee, Musik und einem Teller internationalen Essens in Luft auf. Oder eben bei: Cuba Libre!
Ein klassisches „Guantanamera“ und das aus zeitgenössischem Reggaeton übersetzte „Despacito“ bilden die Zugabe. Nach dem Verklingen der letzten Töne bemerkt man, dass dies der erste Moment des Abends ist, an dem sich die Tanzfläche tatsächlich leert. Woher diese Gäste – schwäbische Provinz, hallo! – plötzlich alle so lateinamerikanisch tanzen können, bleibt das süßeste Rätsel des Abends.
Ein letzter Mojito, ein letzter Cha-Cha im Herzen – und plötzlich ist klar: Die Kubanische Nacht in Balingen ist mehr als Musik, mehr als Rum, mehr als ein Abend. Sie ist ein kleiner Urlaub für alle, die Lust auf Leben haben. Trotz nahendem Herbst: eine Nacht voll Sonne im Herzen an wohl einem der letzten warmen Tage des Jahres. Jetzt aber doch besser: Auto stehen lassen und ab ins Taxi. Hemingway hätte verstanden.

Dieser Artikel erschien:
Am 22.09.2025 in der SÜDWEST PRESSE