Meister Chang überzeugen beim Bandsommer in Albstadt

Meister Chang, eine Band aus Balingen, wurde Ende der 2010er gegründet. Und sie haben noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag, aus dem dies abzulesen wäre. Am Samstagabend beim Bandsommer in der Ebinger City fragt man sich: Warum? Sollten die nicht längst vor Tausenden als Vorband von Kraftklub spielen? Oder gar Kraftklub vor ihnen?

„Willkommen zuhause“, tönt es in der ersten Hook über den Ebinger Bürgerturmplatz. Die Band holt einen sofort ab und nimmt einen mit. Es ist warm, es ist trocken, und es sind Andy Walter am Schlagzeug, Chris Stifel an der Gitarre und Adam Schwenger am Mikro und mit Bass. In der Spitze sind es wohl rund 300 Menschen auf dem Platz, inklusive des mitgebrachten Fanclubs, die den drei Musikern lauschen. „Andy hat heute seine Kinder mitgebracht – alle!“ Bier in der Hand. Nicht die Kinder. Alles gut.

Adam Schwenger am Bass und Mikro – der Mann, der mit seiner Stimme das Herz auf der Zunge trägt. Rechts neben ihm Chris Stifel an der Gitarre, der stille Held, der die Songs nicht mit Akrobatik, sondern mit soliden Griffen zum Leben erweckt. Kein Firlefanz, nur pure Energie.

Es ist eindeutig deutscher Indie-Rock. Drei Leute, drei Instrumente, null Firlefanz. Ehrlich, direkt und ohne sich zu verkünsteln. Mit diesem Funken, der einen kurz an alles glauben lässt. Weit weg von den Plattitüden der Kettcars, Blumfelds, Tocotronics und sonstigen Hipstern. Kein Pseudo-Intellekt, sondern echtes Handwerk. Mit dem „gewissen Etwas“, das sich nicht beschreiben, nur fühlen lässt. Sie singen auf Deutsch: von Verlust, Einsamkeit und anderen Dingen, die das Leben schwer machen. Nun ja: Fröhlichkeit ist allgemein eher nicht so das Ding von „Indie“. Und: Sie machen genau ihr Ding. Unverstellt, ohne sich bedeutungsschwer über das Gemüt der Besucher zu legen. Aber vor allem – sie behalten ihre Schuhe an. „Ich gab dir mein Herz und du machst es kaputt.“ Sowas passiert.

Der musikalische Dreier ist routiniert – sowohl im Zusammenspiel als auch mit den Besucherinnen und Besuchern. Plötzlich erwischt sich das Publikum dabei, wie es jeden Chorus, obwohl die Songs noch nie gehört wurden, leise mitsingt oder zumindest mitsummt. Man möchte mit den Dreien befreundet sein. Ein Bier trinken. Oder noch besser: Karaoke singen.

Von Song zu Song fällt auf, wie die Musiker sich immer in den Dienst des Songs stellen. Keine überflüssigen Soli, kein Stargehabe, sondern schöne, eigene, eingängige Musik, die man übrigens auch online findet – und das sollte man tun. „Ich werde für immer an dich denken.“ Chris Stifels Gitarre, von manchem Griffbrettakrobaten zu Unrecht unterschätzt, baut solide das Fundament der Songs. Und rein lyrisch ist sowieso alles perfekt. Kompliment – „Ich hör nicht auf, wenn es brennt.“

Es ist seit jeher in Albstadt eine Herausforderung, die leeren „zehn Meter“ zwischen erster Publikumsreihe und Bühne zu überwinden. Meister Chang arbeiten daran. Beständig, ohne nachzugeben. Am Ende des Abends, als sie sich mit einem sehr witzigen Tokio-Hotel-Cover (kennt die noch jemand?) und dem eigenen neuen, durchaus hitverdächtigen Stück „Der Style des Menschen unantastbar“ verabschieden, sind es nur noch 30 Zentimeter.

20 vor 10, die Lichter an. Viel zu früh. Viel! Zu! Früh! Die Leute bleiben, plaudern – und sind sich einig: Sobald man zuhause ist, schreibt man ihn einfach selbst – den Wikipedia-Eintrag für eine äußerst bemerkenswerte Band.

Die Kinder der Band mit ihren Schildern „Meister Chang“ und „Papa #1“. Man fragt sich, wie viele es wirklich sind – gefühlt könnte es eine ganze Fußballmannschaft sein. Der Indie-Nachwuchs in Deutschland ist jedenfalls gesichert.

Dieser Artikel erschien:
Am 12.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE,
am 12.08.2025 in der Schwäbischen Zeitung