SPD Themenabend in Albstadt Ebingen

Ins ehrwürdige „Alt Ebingen“ lud die SPD Albstadt am frühen Abend des vergangenen Samstags ein. Zu einem Themenabend. Quasi einem intellektuellen Vorglühen für alle Interessierten. Und dies fernab von allen aktuellen parteipolitischen Widrigkeiten.

„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, begann der Balinger Doktor der Philosophie, Ulrich Nanko, provokant seinen Vortrag vor der sehr heterogenen Zuhörerschaft in der urigen Atmosphäre des Albstädter Lokals. Dies allerdings nur, um eben diese These sofort wieder ins Reich des unsympathischen Egoismus zurückzuschicken und zu widerlegen.

Aber von vorne: Urheber und Vorbereiter des Abends war der 20-jährige Balinger Pascal Conzelmann, der seit langer Zeit gesellschaftliche Zusammenhänge erforscht und über seinen Internetblog https://pluralistische.de/ interessiert begleitet. Begeistert flankiert durch den Vorsitzenden der Albstadt-SPD, Nils Mauthe, wurde der anspruchsvolle Themenabend vorbereitet, beworben und schlussendlich auch in die Tat umgesetzt.

Schon während der Wochen der Vorbereitungen wurde wohl schnell klar, dass bei der Veranstaltung niemand indoktriniert und zu einer verordneten Meinung hingeführt werden soll. Vielmehr sollen Begriffe geschichtlich hergeleitet und bestimmt werden. Die Aufgabe, die abstrakten Zusammenhänge in eine Beziehung zu setzen und ins echte Leben zu übersetzen, bleibt den neugierigen und aufmerksamen Zuhörer*innen überlassen.

Über die Begriffe „Christentum“, „Sozialismus“ und „Humanismus“ führte Nanko die Zuhörerschaft von der Tempelzerstörung 587 v. Chr. bis ins Heute. Die kritische Entwicklung des Christentums, vor allem in der Verordnung eines Gottesstaats (Augustinus, 400 n. Chr.), wurde bis hin zur Reformation und dem Einfließen des Humanismus der Neuzeit einer eingehenden Betrachtung unterzogen.

Die lange und massive Auseinandersetzung der Philosophie mit der Kirche war ein Schwerpunkt, auf den Dr. Nanko hinführte. Unter Betrachtung der Aussagen des Philosophen Hegel, der das System der persönlichen Religion unabhängig von der Kirche seinerzeit, irgendwann Anfang des 18. Jh., höherstellte als den Staat. Sowohl für Marx als auch für Hegel ist die Arbeit ein zentraler Bestandteil des menschlichen Wesens. Während Hegel jedoch in der Arbeit vor allem die geistige Entwicklung des Menschen sieht und in der bewussten Auseinandersetzung mit der Realität bereits einen Ausdruck von Freiheit erkennt, legt Marx den Fokus auf den unverzichtbaren materiellen Aspekt der Arbeit. Arbeit kann nur stattfinden, wenn der Mensch ein Stück Natur entweder selbst besitzt oder es von einem Eigentümer zur Verfügung gestellt bekommt. Dies führte innerhalb des Referats zum Begriff „Sozialismus“.

Auch den durch Menschenfeinde missbräuchlich angeeigneten Begriff des Nationalsozialismus entwickelte der Referent kritisch.

Abgerundet wurde der wilde Geschichtsritt durch den Begriff „Humanismus“, den der Kultur- und Religionswissenschaftler Nanko im Gegensatz zur Rohheit einer eingehenden Betrachtung unterzog. „Nur Bildung führt einen hin zum eigentlichen Menschsein.“

Dem eingehenden und ausführlichen Referat folgte eine offene Diskussion, die neben Fragen auch zarte Fäden zu aktuellen Diskursfeldern der öffentlichen Debatte spann. „Ist Gott bei derart kritischen Begriffsbestimmungen zu spüren?“ wurde ebenso diskutiert wie die Frage, ob „Olaf Scholz seinen Hegel nicht gelesen hat“.

„Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich“, meinte der Albstädter Stadtverbandsvorsitzende der SPD, Mauthe, auf die Frage, wie er den Themenabend zusammenfassen würde. Dieses Format sei ein erster Aufschlag gewesen, mit dem man mit der hiesigen Bevölkerung auch einmal auf einer ganz anderen Ebene ins Gespräch kommen wolle. Wann und in welcher Form es weitere Themenabende geben könnte, stehe allerdings bis dato noch nicht fest.


Dieser Artikel erschien:
Am 26.11.2024 im Schwarzwälder Boten