Freitagabend in Balingen. Wieder einmal in der zauberhaften Stadthalle. Dort spielt man heute den Faust. Als Oper. Es ist Premiere. Und das alles auch noch auf Französisch. Mon Dieu!

Der Saal ist gefüllt, aber leider lange nicht voll. Die Erwartungen des Publikums, gemischt und jeden Alters, sind greifbar groß. Da: die Seniorin, die sich ihren Mann geschnappt hat („Endlich mal wieder was mit Musik, Karl!“). Dort: zwei Mädchen, vielleicht zwölf, mit diesen Augen, die schon wissen, dass Oper nicht alt ist, sondern groß.

Auf einmal: dunkel. Die Stille – nur durch einzelne, saisonale Huster unterbrochen. Dann: Einsatz des Orchesters „arcademia sinfonica“ unter der musikalischen Leitung von Dietrich Schöller-Manno. Die Ouvertüre: voluminös, eindrucksvoll und präzise. Eine Wucht! Und eine musikalische Präsenz, die den ganzen Abend nicht nachlassen und einen staunend über die Veranstaltung begleiten wird.

Lassen Sie uns kurz ein Jahr zurückschauen: November 2024, Verwaltungsausschuss der Stadt Balingen. Auch in Zeiten klammer Kassen sei Kultur so wichtig, dass man sich ihr nicht verschließen wolle. Ja, nicht verschließen dürfe! Einstimmig wurde für das Projekt Faust votiert. Zum Glück. Die Geschichte der jetzt 20 Inhouse-Inszenierungen im Balinger Kulturtempel ist traditionsreich: Man denke nur an die gefeierte komische Oper Zar und Zimmermann. Oder das begeisternde La Bohème von Puccini.

Wieder im Jetzt, erster Akt. Faust, alleine auf der Bühne. Stark in Szene gesetzt von David Esteban – ein Tenor ohne Pathos-Schminke. Einer, der denkt, bevor er singt. Faust, der alles weiß und blitzgescheit in die Welt schaut, ist gelangweilt vom Leben und möchte allem „Ciao“ sagen. Und dann, natürlich: der Deal. Immer kommt einer, der was will. Heute: Mephisto. Bass. Liangliang Zhao. Eine Stimme wie dunkler Samt, gefährlich schön. „Die Seele, Heinrich, nur die Seele.“ Ein Schnäppchen! Er bietet Jugend, Spaß und Spannung. Faust willigt ein – was folgt ist Eskalation.

Zweites Bild. Landleute und Soldaten aka der Opernchor der Stadthalle. Valentin, der Bruder, verkörpert durch Christopher Gordon, und dessen Kumpel und heimlicher Schwesternverehrer Siebel, sehr stark und prägend von Rebecca Herter in Szene gesetzt, erklimmen die Bühne. Und dann das erste Mal: Margarethe. Plötzlich gehört das Stück gar nicht mehr Faust. Alles kippt. Die beeindruckende Esther Schneider, Sopran – zart, unsicher, dann: groß. Man glaubt ihr jedes Wort, auch wenn man kein einziges versteht. Das ist diese Sorte von Kunst, die man nicht erklären, nur fühlen kann. Die Übertitel flimmern, das Französisch verschwindet, es bleibt Gefühl. Und das sitzt. Anfangs sehnsüchtig und vorsichtig, wächst sie im weiteren Verlauf des Stücks hin zu einer desillusionierten, verzweifelten Frau. Sie verliert Status, Kind, ihren Bruder und ihre Liebe. Schlussendlich auch ihren Verstand.

Im Gegensatz zu Goethes literarischem Werk hat der Komponist der Oper, Charles Gounod, die Handlung dramatisch zugespitzt: Der innere Konflikt, Fausts Streben nach Erkenntnis und die Beziehung zu Mephisto machen Platz für Margarethe. Gretchen. Marguerite! Ihre Verführung, ihr sozialer Fall und ihr spiritueller Untergang – manche meinen Rettung – stehen im Vordergrund. Deshalb hieß das in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene Werk in fünf Akten auch mancherorts treffend Margarethe.

Es ist das erste Regiewerk von Natalie Karl, die man ansonsten eher „auf“ als „hinter“ der Bühne kennt. Sie arbeitet mit sehr spartanischem Bühnenbild, immer die Akteurinnen ohne Pomp und Gloria im Vordergrund. Sie ist sich des uneingeschränkten künstlerischen Könnens ihrer Darstellerinnen und Darsteller bewusst. Zurecht! Volumen, Chöre, mehrstimmige Klangbilder. Perfekt. Metaphorisch  nackt steht das Ensemble vor dem Publikum, ohne sich hinter Aufbauten zu verstecken. Es sind die feinen Dinge, die einem ins Auge springen: die Projektionen auf den zarten, vorderen Vorhang – oder auch die Farben. Weiß für die Unbeflecktheit. Rot – wie Margarethes Nachbarin Marthe, innig verkörpert durch Olga Slatvinska – für die Schuld, die gewollt und ungewollt ein Leben trägt. Und eben diese Farben entwickeln sich über das gesamte Stück. Ein Strauss liebevoller Details, von der Erzählstimme bis hin zum Sinnestänzer (Edoardo Rossi), lässt Frau Karl ihr Publikum entdecken.

Nach rund drei Stunden, einem prägenden Ende, Standing Ovations und begeisterten „Bravo“-Rufen erfährt man zwischen Garderobe und Premierenfeier von einem Techniker, wie viel Herzblut des gesamten Stadthallenteams und aller Akteurinnen und Akteure in diese Produktion geflossen ist. „Wir sind alle Margarethe.“

Künstlerisch und handwerklich muss festgestellt werden: Diese Inszenierung ist definitiv nicht Provinz! Sie wäre zweifelsohne auch großen Häusern würdig. Nur das Marketing – ach Gott. Wäre Oper ein Pop-Album, sie hätte ein besseres Cover verdient. Die Zugangsbarriere zum Thema wurde nicht überwunden. Dabei könnte dies so einfach gelingen: Faust ist keine Oper, die einen verschluckt. Es ist eine lebendige Geschichte. Die Musik schmiegt sich – verständlich und schön –, aber trotzdem lauert der Tiefgang: Schuld, Versuchung, das große Fragen nach dem Warum. Dass diese Chance nicht genutzt wurde und die Premierennachfrage überschaubar war, ist bedauerlich. Kunst hat mehr verdient. Vielleicht geht noch mehr bei den beiden Aufführungen am Sonntag und zur Schlussvorstellung am 11.11. Doch dies nur am Rande. Was wirklich zählt: Bühne aus, Herz offen, Rest: berührtes Schweigen. Und ein Selfie mit Marguerite!