In der Balinger Luft lag Musikliebe!
Standing Ovations auf dem Vorplatz: Die „MusicalLadies“ Reiterer & Gebhard, begleitet vom Ausnahme-Pianisten Wolfgang Fischer, sorgten für Gänsehaut und Applaus.
Wissen Sie, man kann ja jetzt nicht alles kennen. Und ich sag es Ihnen gerne offen und direkt: Man muss auch nicht alles kennen. So viele Bands, Musiker, Interpreten, die mal berechtigt, manchmal auch nur zu mutig blümerant auf Bühnen darbietend stehen – die kann man sich nur schwerlich merken. Drei Namen, die Sie sich allerdings künftig unbedingt merken sollten, wenn Sie das nicht eh schon längst getan haben, sind die beiden Sängerinnen Melanie Gebhard und Beatrix Reiterer sowie der des Pianisten Wolfgang Fischer. Melanie. Beatrix. Wolfgang. Das klingt wie der Anfang eines Märchens. Gemeinsam spielten sie vergangenen Mittwoch auf dem wetterdiesigen Vorplatz der Balinger Stadthalle.
Das erste im Duett vorgetragene Stück auf dem vorabendlich sonnengetauchten Platz verklingt („Music“ von John Miles), und man ist sofort mittendrin in einem wohlig warmen, sommerlichen Klangteppich. Klavier, Stimmen, Sonne im Gesicht. Sofort ist alles weg. Die Werbeplakate an der Bushaltestelle – irgendwas mit Reifen. Die E-Mails. Die Müdigkeit. Auch etwaiger Zynismus. Einfach: weg. Charmant begrüßen einen die beiden Ausnahmesängerinnen von der Bühnenkonstruktion, und es ist sofort klar: Denen will man unbedingt weiter zuhören. Viel Musical wird der Abend bereithalten. Auch etwas Jazz. Und Pop. Filmmusik. Habe ich Musical bereits erwähnt? Und: Wicked!

Es ist ein über 2 stündiges Heimspiel für das Ensemble. Beide Sängerinnen sind hier verwurzelt. Beatrix Reiterer, aus Südtirol stammend, wirkt in Balingen und ist neben dem Musical-Ding auch Lehrerin für Gesang. Irgendwo zwischen Anna Netrebko und der coolen Musiklehrerin damals aus dem Gymnasium. Dann Melanie Gebhard, geboren im wunderbaren Albstadt, aber in diesem Moment ganz klar: Planet Bühne. Aktuell sieht man sie als „Morticia Addams“ im Addams-Family-Musical. Beide hatten bereits Rollen in unzähligen, namhaften Musicalproduktionen und firmieren seit Jahren, zumeist im Herbst, in der Balinger Stadthalle unter dem Namen „MusicalLadies“ – mit großer Band. Und dann dieser Wolfgang Fischer: ein wahres Monster am Piano und im gesamten süddeutschen Raum für seine Perfektion am Instrument bekannt. Ein Mann, der Jazz lebt. Mehr braucht’s nicht. Und mehr geht auch nicht.
Fischer legt und bereitet das musikalische Fundament, auf dem die beiden Vokalistinnen mal gemeinsam im Duett, mal solo hell scheinen können. Denkt man anfangs noch, dass so ein Piano vielleicht für die rund 250 Gäste etwas karg sein könnte, wird man durch das brillante Zusammenspiel schnell eines Besseren belehrt. „Wir haben uns einmal abgesprochen und zweimal intensiv gemeinsam geprobt – und das muss reichen“, erzählt der Pianist und ganz nebenher auch Musiklehrer am Walther-Groz- Berufsschulzentrum später. „Wir sind ja alle erfahrene Musikerkollegen und kennen uns schon lange. Da geht so was schon.“ Man probt zusammen aber übt alleine.
Der Stimmung tut die Besetzung gut. Man fühlt sich nicht überfahren, sondern mitgenommen. Dies auch, weil nicht nur musiziert, sondern auch erzählt wird. Zum Beispiel berichtet Reiterer vor einem Chaplin-Stück, wie wichtig es ist, auch lächeln zu können, wenn einem nicht unbedingt zum Lächeln ist. Das Publikum versteht. Nur Momente später berichtet und singt Gebhard – im besten Sinne Mozarts –, dass nachts Gold von den Sternen fällt. Es wird ruhig und nachdenklich auf dem Platz. Handelt das Stück doch vom Verlassen des Vertrauten und dem Suchen nach Neuem. Ihre wahren Höhepunkte haben die beiden Sängerinnen immer dann, wenn es balladesk und vor allem zweistimmig wird und sie sich dazu entscheiden, die Stimmen auseinanderlaufen zu lassen. Auf der einen Seite die bühnenerfahrene Beatrix Reiterer, die wie ein Fels in der Brandung die unglaubliche stimmliche Range der wilden Melanie Gebhard begleitet, gar stützt, um diese zu noch weiteren Höhen anzufeuern. Alles auf einem äußerst erhabenen, professionellen Niveau. Und Fischer scheint gar nicht in der Lage, auch einmal falsch oder wenigstens „unrund“ zu spielen. Selbst erfahrene Klavierschüler würde dem Pianisten wohl resigniert auf die Finger schauen und überlegen, dass „Fußball spielen“ sicherlich auch eine Alternative sein könnte.
Kurz vor der Pause dann „You’re Daddy’s Son“ aus dem Musical Ragtime von Terrence McNally. Beatrix Reiterer erklärt den tragischen und traurigen Hintergrund der Ballade: Ein Baby wird besungen – ein Baby, das, wie sich zum Ende des Stückes herausstellt, nicht mehr am Leben ist. Und als ob Apollon, der griechische Gott der Kunst, es so diktiert hätte, läuten zum Ende des Stückvortrags die Glocken der Balinger Stadtkirche. Man hat feuchte Augen. Und Gänsehaut. Die gute Sorte. Nicht die vom Stress.
Dann Pause – und weiter mit Filmmusiken. Dabei ein bezauberndes „What Was I Made For“ aus dem im letzten Jahr so erfolgreichen Barbie-Film. Billie Eilish in Balingen. Und es funktioniert. Wie ein Abend mit alten Freunden, bei dem plötzlich einer weint – und niemand lacht. Sondern alle wissen: Ja, genau darum geht’s. Auch der „Big Spender“ fehlt nicht, bevor es dann zum Schluss hin – zur überaus irritierenden Freude der verantwortlichen Techniker – zu einem großen „Wicked“-Block aus dem gleichnamigen Musical kommt. Wohl haben Ton- und Lichttechnik ein ganz besonderes Faible für Hexen. Einmal mehr verzaubern einen die beiden Künstlerinnen nicht nur mit ihrem stimmlichen, sondern auch mit ihrem schauspielerischen Talent. Und Fischer? Der spielt immer noch, trotz der teils wirklich abgefahrenen Tonarten, auf den Punkt. Hochkomplex. Er spielt, spielt, spielt.
Um 22 Uhr sollte eigentlich Zapfenstreich sein. Den hat man gottseidank verpasst. Die Nachbarn beschweren sich nicht. Würden sie eh nicht wagen. Nicht nach Wicked. Nicht nach diesem Abend. Zwei Zugaben soll es dann doch noch geben: „You Raise Me Up“ von Josh Groban und ein typisches, aber nicht weniger wichtiges „Mondlicht“ aus dem Musical Cats. Schlussendlich ist es dann 20 nach 10, als die Lichter nach den uneingeschränkt verdienten Standing Ovations angehen.



In den Gesprächen nach dem Konzert ist die Dankbarkeit der Künstlerinnen und des Künstlers gegenüber der Crew der Stadthalle Thema. Verständlicherweise: Nicht jeder mag Wicked. Und nicht jedes Team – wie das um Stadthallenmacher Jörn de Haan – bekommt einen so reibungslosen Ablauf hin. Zufrieden, die meisten sogar glücklich, pilgern die Konzertbesucher immer noch im T-Shirt nach Hause. Alles warm. Innen auch. Beim nächsten Konzert der „Ladies“ am 22. November in der Stadthalle wird dann zumindest wieder eine Jacke, wenn nicht gar ein Mantel Pflicht sein. Mit großer Band und Tänzern will man dann wieder auftreten. Und beim nächsten Mal sag ich einfach „Bea“ und „Meli“ zu den beiden Künstlerinnen. Das ist keine Respektlosigkeit. Das ist nur Liebe. In Kurzform.