Am vergangenen Donnerstag fand die Berliner Formation Culcha Candela den Weg auf den Balinger Marktplatz – zu einer ihrer „MONSTA Sommershows“. Rund 700 Gäste waren da.

Etwas ratlos steht man mitten auf dem Balinger Marktplatz. Es ist vier Minuten nach zehn, Culcha Candela sind eben nach 90 Minuten Bühnenpräsenz von den Brettern gegangen. Es beginnt wieder zu nieseln. 14 Grad vielleicht. Und man fragt sich: War das gerade eine Party? Ein Zirkus? Eine Verschwörung? Oder einfach: Sommer in Balingen. Die Menschen räumen schnell den Platz – und sie scheinen, ganz überraschend: alle glücklich. Durchweg.

Haben sie doch soeben 90 Minuten lang die drei Rapper, den DJ, die vier Tänzerinnen, die beiden Backgroundsängerinnen und den „Don Michael“ am Percussion-Gedöns erlebt. Nicht bei einem Konzert im klassischen Sinne. Vielmehr bei etwas, das wirkt wie modernes Tanztheater mit Club-Animation.

Das Ensemble „Culcha Candela“ (übersetzt: „heiße Kultur“) ist aus den frühen 2000er-Jahren bekannt und hatte damals – 2007 – mit dem Stück „Hamma!“ so etwas wie einen Durchbruch. Anfangs noch vom Reggae geprägt, wurde daraus bald alltagstauglicher Partypop. „Monsta“ aus dem Jahr 2010 wurde ihr größter Hit. Und auf dieser Welle surfen sie jetzt seit 23 Jahren – mit rund 2,5 Millionen monatlichen Hörern bei Spotify.

Der Abend beginnt leidlich: Es regnet. So stark, dass der Platz zunächst geräumt und der Veranstaltungsbeginn verschoben werden muss. Die Besucher? Durchweg freundlich, gut gelaunt, verständnisvoll. Ebenso wie die Security. Dann: zurück auf den Platz, und um 20:30 Uhr geht’s los.

Die Bühne ist spärlich ausgestattet: ein DJ-Pult (besetzt von Chino con Estilo), Percussion und drei Mikrofone für die – wie soll man sagen – „Hauptredner“ Itchyban, Johnny Strange und Don Cali. Alle tragen Jeans mit weißem Shirt. Ein wenig LED hier, ein wenig LED da. Und genau hier muss man beginnen zu differenzieren: zwischen musikalischer Leistung und Show.

Zuerst zum musikalisch-handwerklichen: Was da zu hören ist, besteht zu großen Teilen aus Playback – nicht nur die Musik, teilweise auch die Stimmen. Der Sound ist ganz gut. Die Originalität des DJs besteht hauptsächlich darin, auf „Play“ zu drücken. Wenn er bei Mitsingparts den Regler runterdreht, ist er immer (immer!) zu früh oder zu spät. Die Percussion: mehr Deko als Arbeitsgerät. Technische Brillanz, ausgefeilte Chöre oder überraschende Arrangements: Fehlanzeige. Und wenn man ehrlich ist: Ab und an wäre es besser, das Playback ganz durchlaufen zu lassen, als so manches magere Stimmchen zu hören.

Die Show allerdings – die hat es in sich! Alle tanzen, ziehen sich um, tanzen wieder. Geben gemeinsam einen „Kick“ und tanzen weiter. Mal nach links, mal nach rechts – und zurück. Das Timing ist perfekt. Jeder Schritt, jedes Abklatschen sitzt. Je älter das Lied, desto routinierter der Ablauf.

„Seid ihr da, Balingen?“ – das ist nicht neu, nicht frisch, funktioniert aber trotzdem. „Dann will ich mal eure Hände sehen!“ Er sieht sie. Alle. Sogar die aus dem Catering. Und wieder nach links, nach rechts – und man fühlt sich fast wie ein Niederländer. Die Ansagen: auswendig gelernt, tausendmal erprobt. Und auch hier: Es funktioniert. Die Hände gehen hoch wie in einer Zumba-Klasse auf Ecstasy. Und wieder: links, rechts, klatschen, wackeln.

Berlin – Moment – „Balingen City Girl“. Ein toll betanztes Medley (kurzer Schreck – aus Versehen wurde wohl bei APT. der Gesangsregler hochgezogen), dies und das – und dann gehen die Lichter aus. 64 Sekunden später sind alle wieder auf der Bühne und performen als Zugabe das unvermeidbare „Hamma“. Das Publikum macht glückliche Publikumsdinge, und am Ende des Songs: Fotofreeze. Ein abschließendes „Monsta“ beendet das Konzert.

Aber nur fast: Die Musiker verbeugen sich und schicken die Menschen mit der Bitte heim, die Demokratie zu bewahren. Und plötzlich sagt da jemand auf der Bühne das Wort Faschismus. „Wir müssen alle gegen den Faschismus zusammenstehen.“ Kein Spaß, kein Reim, kein Beat. Einfach ernst. Direkt. Eine Sekunde still. Und dann: tosender Applaus. Nicht für die Pose. Für den Moment. Culcha Candela finden also Rechtsextremismus doof – und trauen sich, das auch direkt zu sagen. Bemerkenswert. Und cool! Freunde halt.

Es hat sicherlich sehr viel mit Erwartungsmanagement zu tun. Wer am Donnerstag einen filigranen musikalischen Höhepunkt erleben wollte, tat dies zu Hause. Mit Igor Levit. Von Platte.

Die Marktplatz-Besucherinnen und Besucher wollten tanzen, lachen und – nennen wir es beim Namen – einfach mal mit dem Popo wackeln.

Culcha Candela kann aber sicherlich mehr. Man wünscht sich, sie mal im Kleinen zu sehen. Akustisch. Bei einem Geburtstag vielleicht. Irgendwann, wenn’s warm ist, sie richtig Lust haben – und auch die eine oder andere Stunde Gesangsunterricht neben dem Gym gefruchtet hat. Mit den spärlich bekleideten Menschen aus dem Promovideo. Und neuer, bewegender, spannender Musik am Start. Am besten am Meer. Oder Bodensee – würde auch reichen.

So bleibt es ein Abend, der an jene 90er-Revival-Touren erinnert – berechenbar, durchgeplant und irgendwas mit Dr. Alban. Alles in allem ganz gut – aber weit weg von Brillant. Culcha Candela waren einst auch musikalisch stilprägend. Heute bleibt davon nur noch ein Hauch. Eine Erinnerung. Wie ein Sommersong, der im Februar aus dem Autoradio rieselt – und zu dem man trotzdem mittanzt.

Dieser Artikel erschien:
Am 26.07.2025 in der SÜDWEST PRESSE,
am 25.07.2025 in der Schwäbischen Zeitung