Der internationale Frauentag ist zwei Tage her. Und ausgerechnet jetzt steht mit „Carmen“ eine Oper auf dem Programm der Stadthalle Balingen, in der eine Frau konsequent das tut, was sie will. Gut so.

Max ist 15. Er geht auf das Gymnasium in Rosenfeld und dort in die 10. Klasse. Er sitzt etwas aufgeregt am Dienstagabend kurz nach 19 Uhr mit ein paar Freunden im Foyer der Stadthalle Balingen. Stoffhosen, Hemden, Jackets. Einer trägt ein Metallica-Shirt drunter. „3 Stunden? Wirklich?“ Er sagt das so, als hätte man ihm gerade eröffnet, dass Mathematik jetzt auch samstags stattfindet. Man schmunzelt. Und geht rein.

Erster Blick rüber zum Orchestergraben. Mit einem Stoßgebet: „Bitte lass ihn offen sein!“ Beruhigt: Er ist es. Kein liebloses Playback, sondern ein organisches Orchester. Die famose Badische Philharmonie Pforzheim unter der Leitung von Daniel Inbal wird dem Abend präzise, voller Inbrunst und klangwirklich einen Rahmen geben, der keinerlei Zweifel lassen wird.

Mitten im Gewusel steht Carmen (Jina Choi) und macht das, was sie am besten kann: sich nicht einordnen lassen. Während um sie herum gesungen, geschaut und gestaunt wird, bleibt sie die Figur, um die sich alles dreht – und die gleichzeitig so wirkt, als würde sie sich davon nicht besonders beeindrucken lassen.

Das Licht geht aus, die Ouvertüre beginnt. Und vorne steht sie: Carmen. Heute gesungen von Jina Choi. Sie steht da, raucht, schaut ins Publikum, als würde sie die ganze Sache hier eigentlich eher beobachten als daran teilnehmen. Über ihr die Zahl 273 projiziert. Das wirkt zunächst wie ein Code. Vielleicht eine Zimmernummer, vielleicht eine Temperatur, vielleicht eine ironische Countdown-Anzeige für Opernneulinge. Aber nein. Es ist die Zahl der durchschnittlichen Femizide pro Jahr in Deutschland. Schon in den ersten Minuten werden damit gekonnt Interpretationsräume geschaffen. Man merkt: Diese Inszenierung hat nicht vor, einfach nur hübsch Oper zu spielen.

Die Geschichte von Georges Bizets Carmen ist eigentlich schnell erzählt: Im Grunde geht es um eine Frau, die sich nicht sagen lässt, wie sie zu leben hat. Carmen arbeitet in einer Zigarettenfabrik in Sevilla, flirtet mit dem Soldaten Don José, heute von einem verwegenen Dirk Konnert dargestellt. Und der verliert vor lauter Begeisterung für Carmen ziemlich schnell und komplett die Kontrolle über sein Leben. Aus dem braven Typ wird ein obsessiver Ex, irgendwo zwischen toxischer Liebesballade und True-Crime-Podcast. Carmen bleibt dagegen konsequent sie selbst: frei, widerspenstig, nicht zu besitzen. Dann kommt noch der Stierkämpfer Escamillo ins Spiel, eine Ikone der Arena, halb Rockstar, halb Cristiano Ronaldo mit Umhang. Carmen findet das interessant. Don José eher gar nicht. Am Ende wird aus ihm ein Mann, der nicht akzeptieren kann, dass eine Frau nur sich selbst gehört.

Die Bühne ist erstaunlich schlicht. Ein Rahmen, ein paar Vorhänge, Raum im Raum. Fast wie ein Baukasten für Emotionen. Keine großen Umbauten, keine Opernprunkmöbel. Aber plötzlich entstehen daraus Räume, Tiefe, Bilder. Das Ensemble, der Chor, Extra- und Kinderchor des Theaters Pforzheim füllen diesen Raum mit erstaunlicher Wucht.

Den ring in der Hand, das Publikum im Hintergrund und der Blick nach vorn: Carmen (verkörpert durch Jina Choi) bleibt sich treu. Frei sein, egal was es kostet. Ihr ehemaliger Liebhaber Don José (Dirk Konnert) versteht das nicht – und genau darin liegt die Tragik und die verwerfliche Konsequenz dieser letzten Szene.

Vier Akte. Und natürlich alles, was man musikalisch erwartet: Habanera. Seguidilla. Torero-Lied. Blumenarie. Aber das Setting ist verändert. Die Arbeiterinnen sind hier eher Rebellinnen. Die Atmosphäre hat etwas Südamerikanisches. Der übliche Spanien-Folklore-Pomp bleibt draußen. Stattdessen taucht immer wieder eine Madonnenfigur auf. Heilige oder Hure – das alte Frauenbild der Oper. Hier wird es sichtbar gemacht und gleichzeitig zerlegt. Es wird gezeigt, dass Carmen ein komplexer Mensch mit Idealen ist. Sie weigert sich, in diese Schubladen zu passen.

Die Regie von Claudia Isabel Martin Peragallo geht damit neue, feministische Wege und hebt Carmen weg von der bloßen Verführerin hin zu einer Feministin. Dies mit einer unglaublichen Detailverliebtheit. Man merkt: Diese Inszenierung möchte, dass man genauer hinschaut. Und das Publikum tut es.

Immer wieder Zwischenapplaus. Der Chor klingt voluminös, kraftvoll, manchmal fast überdimensioniert für die Bühne der Stadthalle. Und auch auf der Bühne selbst geht es zur Sache: Stühle fliegen, Tische fliegen, Emotionen fliegen sowieso. Es ist eine Oper, in der Menschen ihre Gefühle nicht nur singen, sondern auch werfen. Besonders beeindruckend: Elisandra Melián als Micaëla. Eine kleine Frau mit einer Stimme, die mühelos ganze Sitzreihen umarmt.

Finale: Don José ermordet Carmen nach einem wilden Gerangel. Nicht überraschend. Die Oper erzählt diese Geschichte seit 150 Jahren so. Aber hier passiert noch etwas anderes: Auf der Bühne erscheint das Publikum. Menschen, die zusehen. Menschen wie wir. Und über allem die neue Zahl: 274. Die nächste. Plötzlich wird die Frage unausweichlich: Schauen wir hier eigentlich nur Oper? Oder schauen wir gerade dabei zu, wie eine Frau ermordet wird, weil sie Nein sagt?

Das heute hier spielende Stadttheater Pforzheim ist kein riesiges Haus. Aber an diesem Abend zeigt es sehr deutlich, dass Größe in der Oper nichts mit Quadratmetern zu tun hat.

Nach langem Applaus geht es zurück ins Foyer. Dort stehen wieder die Schülerinnen aus Rosenfeld. Sarai, Carla und Ipek sind auch 15. Sie reden über Carmen. Über Freiheit. Über ihre Rolle als Frau. Und auch ein bisschen über Männer. Max ist auch noch da. Auch das Metallica-Shirt. Oper überlebt.

Neben der Schulklasse haben an diesem Abend rund 300 Menschen den Weg in die Stadthalle gefunden. Für manche, die das Wort Oper leider bislang eher nur aus Kreuzworträtseln kennen, vermutlich noch „zu schwere Kost“. Eigentlich schade. Man sollte ihr eine Chance geben.

Denn während die Musik des Abends oft fast leicht und fröhlich dahinfloss, erzählte die Bühne mit Anspruch von etwas sehr Ernstem: vom Kampf einer Frau um ihre Autonomie. Und von der Frage, warum dieser Kampf so oft tödlich endet. 274.

Dieser Artikel ist erschien:
Am 13.03.2026 in der SÜDWEST PRESSE,
am 13.03.2026 im Schwarzwälder Boten,
am 14.03.2026 in der Schwäbischen.