Am vergangenen Samstag war die Band Läährguat auf der Bühne des Juwels live zu sehen. Und, was soll man sagen: Es war über alle Hoffnungen noch viel schöner als ohnehin bereits erwartet.
Als der Albstädter OB vor wenigen Tagen sagte, dass „Albstadt sich kulturell in der Region nicht verstecken muss“, meinte er die erfolgreich zu Ende gegangenen und durch das städtische Kulturamt maßgeblich begleiteten Literaturtage. Er hätte aber auch die Eventlocation „Juwel“ meinen können. Ein Hidden Champion der Alb mit der größten Kleinkunstbühne der Region, auf der allsamstäglich die unterschiedlichsten Künstler ein warmes und wohliges Umfeld für ihr Wirken finden. Dies zumeist mit einem überdurchschnittlich zahlreich erscheinenden und unglaublich liebevollen Publikum.
Am 21.12., kurz vor Weihnachten, ist nun einmal mehr die Band Läährguat zu Gast. Um es gleich zu spoilern: Wieder sind die fünf Jungs rund um Bandleader Stephan Fürgut eine sichere Bank auf der Bühne. Das Haus ist voll, die Getränke gekühlt, und wer bei „Hey Jude“ am Ende nicht automatisch mitsingt, muss definitiv ein Herz aus Stein haben.
Gegründet irgendwann Anfang der Neunziger als Schülerband, beziehen Läährguat einen Proberaum in Tailfingen. Damals, als die Textilindustrie ob ihrer massiven Abwanderung gen Fernost viele leere Räume im Städle hinterlässt und sich noch niemand ernsthaft Gedanken über Brandschutz und funktionierende sanitäre Anlagen in Proberäumen macht. Coverbands gibt es zu der Zeit kaum in der Region. In einem alten Kesselhaus einer ebensolchen Fabrik trifft man sich zum gemeinsamen Proben und hinterlässt, wenn man dem einen oder anderen wabernden Gerücht um die Band Glauben schenkt, eben Unmassen von dem namensgebenden Leergut. Es folgen zahlreiche Konzerte in der Region. Unvergessen sind dabei die Gigs „ums Eck“ in einer weiteren Tailfinger Fabrik, die zu einer Kneipe umgebaut worden war – dem damaligen, mittlerweile aber seit langem geschlossenen „l’étage“ an der Hauptstraße. Trotz des Fabrikumfelds funktionieren, zum Glück, die sanitären Anlagen dort. Dann, zum Jahrtausendwechsel, sortiert sich das Läährguat auseinander. Man trennt sich, um Neues zu sehen und sich anderem zu widmen, bevor man sich im Jahr 2014 doch wieder zusammenfindet. Man ist erwachsener geworden.

Mit dem immer griffbereiten Arbeitsgerät Mikrofon und Akustikgitarre (hier bei einem sauberen G-Dur-Akkord) begleitet Stephan Fürgut seine Band wie auch den publikumsvollen Saal durch den Abend.
Die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder Stephan Fürgut (Gesang und Gitarre) und Michael „Mutu“ Jetter (Keyboard, Gitarre und alles andere, was gerade benötigt wird) können unumwunden als musikalische Handwerker und Fundament der Band bezeichnet werden, deren Oeuvre sich im Alltagsrock irgendwo zwischen den frühen Bon Jovi und BAP befindet. Unterstützt von Jo Kornmayer am Bass, Eric Faude am Schlagzeug und dem fulminanten Florian Conzelmann an der Gitarre findet man sich während des Konzerts in einem äußerst populären 80er-Jahre-Soundtrack wieder. Und das scheint sich auch für die vielen Besucher sehr gut und richtig anzufühlen.
Die große Show ist, wenn man von der temporär saisonal angepassten Bekleidung in Form von Weihnachtshüten absieht, überhaupt nicht das Ding von Läährguat. Dies mag sich vielleicht zuerst als Kritik anfühlen, ist aber im Grunde die ganz große Stärke der Band: Unprätentiös und ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, lassen die fünf gestandenen, aber trotzdem im Geiste schelmisch jung gebliebenen Musiker ihr Werk in den Vordergrund treten. Steppenwolf und Gary Moore werden respektvoll, originalgetreu und ehrlich zelebriert. Ein „Come Undone“ nimmt einen unaufdringlich an die Hand, und das Lewis’sche „Great Balls of Fire“ lässt einen unweigerlich mitwippen. Vor allem die Liebe zum Detail, ob dies die vielen routinierten, mehrstimmigen Gesänge oder die originalgetreuen Soli bei Peter Framptons großartigem, aber fast vergessenem „Show Me the Way“ sind, zeigen den weiten Erfahrungsschatz der Band. Es wird nicht verfremdend verschnörkelt: Ein fis-Moll wird nur dann gespielt, wenn eben auch eines drankommt. Basta. Die Musiker stellen bemerkenswert unter Beweis, dass es eben nicht immer der wild vor sich hin tobende Gummiball auf der Bühne sein muss, um vom Publikum äußerst positiv goutiert zu werden.
Und als dann zu Westernhagen der universelle Albstädter Allzwecksaxophonist Wolfgang Lederer, der auch damals in den 90ern schon ab und an bei Läährguat mit dabei war, die Bühne als Gast bereichert, ist auf der Tanzfläche kein Halten mehr.
„Es hat sich viel verändert seit den Ursprüngen“, erfährt man im Gespräch mit Stephan Fürgut. „Bei unseren wenigen Proben wird mittlerweile richtig gearbeitet und nicht mehr so viel Leergut produziert“, meint er verschmitzt. Zwischen zwei und sechs Konzerte seien es, die man noch im Jahr spiele. Nicht wegen der Gage, sondern um schlicht und einfach die Leute von damals wieder zu treffen und neue Menschen zu begeistern. Im übertragenen Sinne quasi jedes Mal so etwas wie ein kleines „Back to the Roots“, ein sprichwörtliches „Klassentreffen“, das einen kurz in alten Zeiten schwelgen und sich kuschelig warm erinnern lässt.
Lächelnd und das eben noch gehörte Riesensolo von „Angels“ vor sich hin summend ist ein etwas älteres Paar zu sehen, das liebevoll aneinander geschmiegt den Saal am noch sehr jungen Sonntag nach Konzertende glücklich verlässt. Die Szene beobachtend weiß man als Künstler ganz bestimmt: Heute ist alles richtig gemacht worden.
Dieser Artikel erschien:
Am 23.12.2024 im Schwarzwälder Boten