Am vergangenen Sonntag gedachten in Albstadt-Lautlingen Vertreterinnen und Vertreter der Familie Stauffenberg, der Bundeswehr, der Verwaltung und des Landkreises der Brüder Claus und Berthold Schenk Graf von Stauffenberg. Die Gedenkstunde begann mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Johannes Baptista und fand ihren Abschluss in eine Kranzniederlegung. Anschließend kamen Gäste und Beteiligte zu einem offenen Empfang in der Lautlinger Schlossscheuer zusammen. Bereits seit 1957 findet dieses jährliche Gedenken in Lautlingen statt – dem Heimatort der Familie.
Kennen Sie Berthold Schenk Graf von Stauffenberg? Den älteren Bruder von Claus? Geboren 1905, war er Jurist im Auswärtigen Amt, später in der Rechtsabteilung der Kriegsmarine in Berlin. Und: Er gehörte von Beginn an einer der wichtigsten zivilen und intellektuellen Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime an – dem Kreisauer Kreis. Anders als Claus war er Zivilist, kein Soldat. Er entwarf rechtliche und politische Konzepte für ein Deutschland nach Hitler, war Netzwerker und Vordenker, kein Attentäter – ein Held im Hintergrund.
Claus hingegen war der Mann mit der Aktentasche. Ein Elitesoldat, geprägt vom preußischen Offiziersethos. Anfangs kein Gegner Hitlers, im Gegenteil: Er bewunderte dessen Führungsstil, die Idee der nationalen Erneuerung, die militärische Disziplin. Erst ab 1942/43 – mit wachsendem Entsetzen über die Kriegsverbrechen und das moralische Versagen des Regimes – änderte sich seine Haltung. Er wurde zur zentralen, öffentlichen Figur der „Operation Walküre“, des militärischen Umsturzplans, der im Attentat vom 20. Juli 1944 kulminierte.
Seit vielen Jahren wird in Lautlingen beider Brüder gedacht – Berthold wie Claus. Ihre Biografien unterscheiden sich deutlich in Haltung und Herangehensweise. Zwei Brüder, zwei Welten. Nicht nur, dass nur einer der beiden – heldenhaft verzerrt – von Tom Cruise im Kino inszeniert wurde – auch ihre Wege in den Widerstand könnten unterschiedlicher kaum sein. Hier der frühzeitige, zivilgesellschaftlich motivierte Jurist, dort der späte, militärisch geprägte Tatmensch. Vereint waren sie jedoch in ihrem Ziel: die sofortige Beendigung des Zweiten Weltkriegs – um den Preis ihres Lebens. Claus wurde noch am Abend des 20. Juli erschossen. Berthold fiel am 10. August 1944 dem sogenannten Volksgerichtshof zum Opfer – und wurde noch am selben Tag im Strafgefängnis Plötzensee brutal und grausam ermordet.
„Würdevoll“ – das ist wohl das erste Wort, das einem nach der Gedenkveranstaltung vergangenen Sonntag in den Sinn kommt. Durchweg würdevoll. Begonnen mit einer kurzen historischen Einordnung durch den Oberbürgermeister. Er redete nicht lange, aber klar. Er versäumte nicht, Parallelen zu aktuellen Entwicklungen zu ziehen: Sei es der grausame, von Russland begonnene Angriffskrieg in der Ukraine oder die wirre, Anfang des Jahres von Populisten verbreitete These, Hitler sei ein Kommunist gewesen. Man muss sich das mal vorstellen – Kommunist. In dieses Spannungsfeld bettete er seinen Appell, nicht bequem zu werden, sondern wachsam zu bleiben. Das zeugt von Haltung. Das zeugt von Moral.
Die intensive und kurzweilige Gedenkrede in Form eines Impulses zu Dietrich Bonhoeffer kam in diesem Jahr von Prof. Dr. Peter Zimmerling, Professor an der Theologischen Fakultät Leipzig. Bonhoeffer, über den die Nazis nach dem Attentat vom 20. Juli belastendes Material fanden, war Theologe, Intellektueller – das moralische und theologische Gewissen des Widerstands. Ein Mann mit Kreuz ganz ohne Haken. Auch er wurde von den Nationalsozialisten ermordet – am 9. April 1945.
Ein gemeinsames „Vaterunser“, das bewegende Anstimmen der Nationalhymne durch die über 150 Besucherinnen und Besucher, sowie die Kranzniederlegung von Bund, Kreis und Stadt in der Gedächtniskapelle rundeten die Gedenkstunde ab.
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von einem Bläserregister der „Musikkapelle Frohsinn“ Lautlingen. Viele Vereine nahmen mit ihren Standarten teil. Verschiedene Gruppen aus der Mitte der Teilortsgemeinschaft, unter anderem die sogenannten „Blaulichter“, unterstrichen – wie schon in den vielen Jahren zuvor – ihre Verbundenheit mit dem Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Und nochmal, weil’s nicht oft genug gesagt werden kann: Würdevoll.
In Zeiten, in denen das NS-Regime als „Vogelschiss der Geschichte“ verharmlost und der Untergang des Dritten Reichs als „Niederlage des eigenen Landes“ verklärt wird, sind Gedenkveranstaltungen wie diese wichtiger denn je. Erinnerung braucht kein elitäres Pathos und ist keine bloße Tradition – sondern ein breites gesellschaftliches Fundament. Und: Erinnern heißt eben nicht nur zurückzuschauen, sondern wachsam zu bleiben – für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Freiheit. Man möchte sich wünschen, dass künftig noch viel mehr jüngere Menschen sich dieser jährlichen Veranstaltung anschließen. Denn: Gedenken bleibt eine dauerhafte Aufgabe – und eine deutsche Verpflichtung!
Dieser Artikel erschien:
Am 23.07.2025 in der Schwäbischen Zeitung,
am 23.07.2025 im Schwarzwälder Boten