Am vergangenen Freitag war die Metallica Tribute Band My’tallica in Balingen zu Gast.
Jemand meinte die Tage mürrisch, man solle Zeitung bitte nur noch für „Lieschen Müller“, Alter: 60, schreiben. Na gut, liebes Lieschen, dann müssen wir jetzt eben über Thrash Metal reden. Stell dir vor, du bist wieder 15, die ersten Jeans mit Löchern, die Haare noch zu lang für den Schulhof – und genau in dieser Zeit entsteht eine Musikrichtung, die alles bisher Dagewesene überholt: schnell, rasant, extrem. Heavy Metal, Punk und Hardcore treffen sich zu einem wilden Stelldichein: Thrash Metal. Und du mittendrin.

Am Tag deines, sagen wir, sechzehnten Geburtstags gründet sich Metallica – eine Band, die zu den größten, den „Big Four“ eben dieses Genres gehört. Und heuer, im Jahr 2025, darfst du in der Balinger Volksbankarena Zeugin werden, wie eine der besten Tribute-Bands Europas, vielleicht auch der Welt, My’tallica, das Leben und den Soundtrack dieser Legenden auf die Bühne bringt. Bereit für ein bisschen Schweiß, ein bisschen Herzrasen und eine ordentliche Portion Metal? Dann auf in den Moshpit: Zusammen mit etwas mehr als 400 Fans.
Ein sehr fachkundiges und textsicheres Publikum – viele singen jedes Solo mit. Eben haben noch die beiden Vorgruppen recht solide dargeboten: „P&A“ aus Villingen mit solidem, hartem Metal und „Hear me loud“ aus Anselfingen mit thrashigen Vibes à la Kreator. Beides Bands mit durchaus Potenzial.
Nun aber der Hauptact – My’tallica! Eröffnet wird der bunte Reigen mit „The Ecstasy of Gold“ (Ennio Morricone, The Good, The Bad and The Ugly), wie es die echten, oder soll man sagen „anderen“ Metallica seit den 80ern machen. Das ist quasi Trademark, das muss. Erstes Stück: „Battery“. Schnell. Hart. Punkt. Aus dem 1986 erschienenen Album Master of Puppets – Lieschen begann in diesem Jahr wohl mit 21 ihr Studium. Die Band zeigt damit gleich: Wir sind hier nicht die Kuschelabteilung.
My’tallica zählt seit über 15 Jahren zu den renommiertesten Metallica-Tribute-Bands. Man findet sie beständig in Clubs und auf Festivals. Und das nicht so halbgas, sondern mit über 40 Shows im Jahr. Wer’s schafft, diese Frequenz zu halten, der liefert – und zwar verlässlich, wie auch heute zu sehen ist. Das Quartett hat für jeden Metallica-Charakter einen eigenen Avatar: Matthias „Metti“ Zimmer macht den Hetfield, Tom Botschek den Hammett, Martin Iordanidis wechselt fließend zwischen Burton, Newsted und Trujillo. Wobei ihm Letzterer von seiner Spielweise, seiner Gestik und auch dem tiefhängenden Bass wohl am nächsten ist – nur die langen, wirbelnden Haare fehlen. Und last but not least: Stephan Zender trommelt, als wäre er der verlorene Sohn von Lars Ulrich. Das Thrash-Erbe tragen sie nicht als Kostüm, sondern im Blut. Manche von ihnen seit den 80ern. Damals, als Lieschen in ihrer Pubertät und Kassetten noch heilig waren.
Voller Energie hören und sehen wir eine sehr breite Mischung aus dem metallicanischen Œuvre: aus der frühen Thrash-Phase „For Whom the Bell Tolls“ oder auch „Creeping Death“. Das Black Album ist fast komplett vertreten – dies kann man schon als „roten Faden“ identifizieren. Ein paar späte Sachen dann: „Fuel“ oder auch „Memory Remains“ (von Reload) – an diesem Abend ein absoluter Publikumshammer. Im Allgemeinen ist ja das Verhältnis der Fans zu Metallica ab und zu schon gespalten wie ein missratener Gitarrenriff: Die frühen Alben? Unbestrittene Hymnen, wie Feuerwerkskörper in der Nacht, jede Note ein Treffer ins Herz. Die mittleren? Tief bewundert, vielleicht schon ein bisschen zu sehr – man erinnere sich nur an die zu perfekte, fast klinische „… And Justice for All“. Doch dann kam St. Anger 2003 – ein Album, das wie ein metallischer Pups im Wind verpuffte. Über Lulu reden wir am besten erst gar nicht. Dass in My’tallica echte Fanherzen schlagen, bemerkt man dadurch, dass diese letzte Schaffensphase komplett ignoriert wird. Danke dafür!
Metallica – Gegründet 1981 in Los Angeles von James Hetfield (Gitarre und Gesang) und Lars Ulrich (Schlagzeug). Mit Kirk Hammett (Gitarre, seit 1983) und Robert Trujillo (Bass, seit 2003) bildet das Quartett bis heute die Band.
Metallica schrieb in den Achtzigern mit Kill ’Em All (1983), Ride the Lightning (1984) und Master of Puppets (1986) nichts weniger als die Gebrauchsanweisung für modernen Heavy Metal. Dann das Black Album (1991) – Mainstream, MTV, Stadionrock, 30 Millionen Mal verkauft, ein Soundtrack für alles: Autofahrten, Kirmesbuden, Beerdigungen, Hochzeiten. Insgesamt: über 125 Millionen verkaufte Tonträger.
Zu den bekanntesten Songs zählen „Enter Sandman“, „Nothing Else Matters“, „One“ und „Master of Puppets“.
Und können die auch was? Eindeutig! Kein Tape, keine überdrehten Effekte, Soli zumeist im Original. Davon sind die mehrstimmigen besonders eindrucksvoll. Stimmlich überlegt man anfangs noch, ob Metti dem Ganzen hier gewachsen ist. Je weiter der Abend fortschreitet, umso mehr werden seine Vocals „hetfieldisiert“ und kommen dem Original immer näher. Respekt. Über das gesamte 2-Stunden-Set findet man die Musiker überall auf der Bühne. Alle sind pausenlos in Bewegung. Sogar der Drummer, der seine Lars-Ulrich-Rolle schon auch im Detail ernst nimmt.
Auf einmal Gitarrist Botschek alleine auf der Bühne: „The Unforgiven“. Nur akustisch. Das Publikum singt lauter als die PA! Dies ist der eine Moment, in dem Musik mehr ist und den man mitnimmt. Dann das unausweichliche „Nothing Else Matters“. Erschienen im Jahr 1991, läuft es damals im Folgejahr balladesk und wie ein Versprechen rauf und runter. Lieschen ist da vielleicht gerade schwanger. Das ist man zu der Zeit mit 27.
Weit nach 23 Uhr: Alles vorbei. Ende. Ein Abend, der sogar „Of Wolf and Man“ und „Sanatorium“ ausgepackt hat. Nicht alltäglich. Man denkt: Die vier könnten auch eigene Songs: Locker. Danach kein Heimweg. Nur Applaus. Bier. Zigaretten. Geschichten im Halbdunkel. Metallica. Anthrax. (Nie Bon Jovi.)
Sascha Keller, einer der Veranstalter, zeigt sich hoch zufrieden: „Natürlich wünscht man sich immer noch mehr Leute. Aber für unser erstes Event mit der neu gegründeten Agentur war’s eigentlich ganz ok.“ Und weiter: „Wir haben noch viel vor hier in Süddeutschland!“
Und unser imaginiertes Lieschen? „Es war schon ein wenig heftig“ – doch so ist das mit My’tallica: Sie erinnern daran, dass Rockmusik immer mehr ist als Nostalgie. Sie ist ein Gegenwartsritual. Und während die Bühne zittert, könnte sie bemerkt haben: „Alt wird hier höchstens der Verstärker. Und leiser wird’s im Leben ja von selbst.“ Und sowieso: 60 – ist das neue 40.



Dieser Artikel erschien:
Am 01.09.2025 in der SÜDWEST PRESSE,
am 03.09.2025 in der Schwäbischen Zeitung