Am vergangenen Samstag war der Comedian Bülent Ceylan mit seinem Programm „Yallah Hopp“ in der Balinger Stadthalle zu Gast. Und das sehr erfolgreich.
Irgendwas scheint hier in Balingen sehr rund zu laufen, fast verdächtig rund. Als hätte die Stadthalle selbst ein Abo auf ‚ausverkauft‘ abgeschlossen. Etwa 1000 Menschen freuen sich, laut Info eines der wie immer superfreundlichen Hallentechniker, auf Bülent Ceylan. Seit vielen Jahren ist er auf allen großen und noch größeren Bühnen des Landes präsent, ein absoluter Profi – und sicher einer der nettesten seiner Zunft. Man kann sich fast vorstellen, wie er backstage allen das Herz auf die Bühne legt, bevor er selbst einen Schritt nach vorne macht.
Punkt 19 Uhr betritt er nach kurzem Intro – Rammstein lässt grüßen – die Bühne. Das Setting ist schlicht: ein paar Spots, zwei kleinere Videoleinwände links und rechts, dazu ein Requisitenkoffer voller Verkleidungen. Zwei, drei schnelle Gags über die Gegend. Über die Eyach. Über Rottweil. Über einen vermeintlichen Swingerclub. Schon jetzt hat er die Menschen für sich gewonnen. Das Publikum kichert, rückt auf den Sitzen hin und her, als würde es versuchen, ein kollektives Lachen in der Luft zu fangen.
Humorkritik ist wie Seifenblasenfangen im Wind: Man glaubt, eine erwischt zu haben, und plötzlich ist sie schon wieder weg. Die einen trifft’s mitten ins Herz, die anderen verfehlt es komplett. Humor zu beurteilen – das ist schon an sich komisch. Man erinnert sich dunkel, wie der heute fast 50-jährige Ceylan Anfang der Nullerjahre erst in den Öffentlich-Rechtlichen, später auf RTL immer mehr Reichweite gewann. Er wirkte frisch, anders, sprühte vor Energie. Mit langen Haaren und Heavy-Metal-Outing war er herausragend – so etwas wie „Mario Barth in schlau“. Outstanding! Später jedoch orientierten sich seine Programme zunehmend am Mainstream.

Nach der ersten halben Stunde Stand-up taucht Ceylan – wir sind längst beim „Du“ – in seine erste Rolle: einen etwas tumben Superhelden „Thor“. Zugegeben: Die Späße sind nun eher flach. Doch die Zuschauer glucksen sich vergnügt von Gag zu Gag. Man fragt sich, ob es sein brillantes Timing ist, das er mittlerweile wie im Schlaf beherrscht, oder doch sein Charme und seine Nahbarkeit. Irgendwo zwischen den Lachern entdeckt man das leise Bewusstsein: „Wir alle sind Teil dieser kleinen Theaterblase.“
Wie gewohnt sucht er sich im Publikum Mitspieler. Keine, die er bloßstellt, sondern Menschen, die er in seine Späße einbindet – heute Harald und seine Frau Heidi. Sie lachen tapfer, weil sie irgendwie lachen müssen. Stellvertretend. Als ob das Ticket nicht nur Eintritt, sondern auch eine Statistenrolle beinhaltet hätte. Ab und an wird es etwas derb, aber nie schmähend oder verletzend. Er bleibt ein Guter, der Bülent. Und da sitze man nun, beobachte das Lachen, die Gesten, die Augenblicke, und fragt sich: Lache ich über Bülent, über Harald oder über mich selbst. Vielen ist anzusehen, dass sie froh sind, ein paar Reihen weiter hinten zu sitzen.
„Ich mache heute über alles Witze: alle Menschen, alle Nationen und alle Religionen. Aber hier im Raum herrscht kein Hass, sondern nur Liebe – weil es eben nur Witze sind“, sagt Ceylan, bevor er in die Rolle seines Testosteron-Hasan schlüpft. Dann: Pause.
Nebenbei macht er vieles: sitzt bei „Masked Singer“ auf ProSieben im Rateteam, engagiert sich für das pädagogische Projekt „Don’t stop the Music“ vom ZDF, bei dem benachteiligte Kinder Instrumente lernen, und hat heute sogar eine eigene Stiftung, mit der er Kinderprojekte unterstützt. Wenn man seinen Karriereweg beobachtet, scheint es fast, als würde man nicht nur Comedy, sondern auch einen kleinen Lehrfilm über Lebensenergie und Durchhaltevermögen sehen.
Bülent Ceylan, 1976 in Mannheim geboren, verbindet in seiner Comedy türkische Wurzeln und Mannheimer Dialekt. Mit langen Metal-Haaren und Figuren wie Macho-Hasan oder Pelzverkäuferin Anneliese wurde er Ende der 1990er bekannt. Heute füllt er Hallen, kassiert Preise (u.A. "Deutscher Comedypreis" – Erfolgreichster Live-Act, "Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg", "Bambi" in der Kategorie Comedy aber auch den "LupoLeo Award" für die Persönlichkeit des Jahres und für sein soziales Engagement), macht Witze über Alltag und Absurditäten – mal derb, mal überraschend zärtlich. Selbstironisch und nah am Leben. Und weil er Metal nicht nur liebt, sondern lebt, gründete er 2020 kurzerhand eine Band. Mit seinem aktuellen Programm „Yallah Hopp!“, das 2024 Premiere hatte, tourt er derzeit durch die Republik. Neben TV-Auftritten engagiert sich der mehrfache Familienvater sozial, etwa mit Musikprojekten für Kinder.
Pause vorbei. Es geht weiter mit zwei Figuren: „Harald“, ein Schrebergartennachbar, und Anneliese, die sich angesichts Bülents langer Haare verblüffend überzeugend darstellt. Tonfall, Haltung, Mimik – alles passt. 1000-fach gespielt und trotzdem wie beim ersten Mal. Und wieder dieses Timing. Ceylan setzt häufig auf „Untenrum“-Witze. Entweder rund ums stille Örtchen mit Vulgärsprache oder ums große Ganze der menschlichen Fortpflanzung – detailreich beschrieben. Geschmackssache. Doch die Balinger lachen. Das ist schließlich Auftrag von Unterhaltung. Und auch man selbst schmunzelt über den gleichen Gag zum dritten Mal – und fragt sich, ob das jetzt großartig ist oder man einfach nur ein Stockholm-Syndrom des klassischen Humors erlebt.
Seit Anfang 2024 tourt er mit „Yallah Hopp“. Im Dezember wurde das Programm im Ersten ausgestrahlt – nachzuschauen in der Mediathek. Vieles davon ist noch identisch. Nichtsdestotrotz lohnt es sich live unbenommen: Bülent Ceylan vermittelt stets das Gefühl, nur für die Menschen im Saal da zu sein. Er lässt vergessen, dass man in der süddeutschen Provinz am Ende der medialen Verwertungskette steht. Und das macht er großartig – aus dem „Nachsitzen“ wird ein Heimspiel. Als hätte Balingen ein VIP-Ticket fürs Zentrum der Welt.
Zum Schluss nach über zwei Stunden Programm, kommt Mompfred, der aufbrausende Hausmeister. Die kundigen Beobachter kennen und lieben ihn. Bevor Ceylan zu Playback noch zwei Songs singt, sagt er unter donnerndem Applaus: „Das ist für mich Deutschland: Wir lachen alle miteinander.“ Standing Ovations inklusive – charmant ergaunert.
Und weil Stillstand nicht sein Ding ist, werkelt Bülent längst am nächsten Programm. Ab 2026: ‚Diktatürk‘. Schon der Titel klingt nach Ärger, nach Wortspiel, nach Schlagzeile. Und nach einem zwingenden Besuch seiner Show.
Bülent Ceylan ist kein Felix Lobrecht, der mit einem einzigen Augenbrauenheben einen ganzen Saal lahmlegt – er macht’s mit Dialekt, Perücke, Headbanging. Kein Schönling, sondern ein humoristischer Handwerker. Eher Bosch-Schrauber als Berliner Hipster-Barista. Und er ist auch nicht Mario Barth, der seine Stadion-Community mit endlosen Wiederholungen sediert – Ceylan spielt Rollen. Wechselt sie. Zelebriert sie förmlich. Wie andere ein heiliges Gitarrenriff. Mehr Metal als Minimalismus, mehr Maskenspiel als Mantra. Vielleicht inzwischen etwas zu angepasst. Ob er witzig ist, der Bülent? Anders als seine Frau meint: eindeutig! Sehr witzig. Und einer der nettesten, bodenständigsten Künstler, die man sich vorstellen kann.



Dieser Artikel erschien:
Am 15.09.2025 in der SÜDWEST PRESSE