Am vergangenen Donnerstag war Balingen in Bewegung: tanzend oder auch auf dem Fußweg – bei der zweiten „Barkultur Nacht“ in der Kreisstadt.
Schon von weitem: Musik. Lachende Menschen. Im „Bären“ drängen sich die Leute schon im Eingangsbereich. Chef Patrick Streicher regelt selbst den Einlass. „Ab und zu stehe ich lieber selbst draußen. So dick ist die Luft drinnen“, meint er schmunzelnd zu den Einlassbegehrenden. Böse ist ihm keiner – es ist schließlich der Bären. Die Band „Sometimes Salvation“ spielt. Übersetzt: „Manchmal Erlösung“. Sicherlich eine charmante Anspielung auf eine temporär angespannte Toilettensituation. Zu hören ist solider Southern Rock. Es ist kurz vor 23 Uhr, die Fenster beschlagen, das Bier läuft in Strömen. Die ganz große Oper hier – nur ohne Orchestergraben. „Das ist wie ein kleines Festival, nur dass ich danach heimlaufen kann“, meint ein Besucher, bevor er wieder in die Menge verschwindet.
Das Veranstaltungskonzept, ersonnen von „Dreiklangevents“, ist so einfach wie findig: An einem Abend bieten alle teilnehmenden Bars und Kneipen irgendwas Spannendes an. Live-Musik, DJs oder vielleicht auch Barhockerweitwurf – okay, Letzteres wäre wohl eher etwas für den lokalen Motorradclub. Der Eintritt ist frei. Und schon durch die Vielen, die von Ort zu Ort pilgern, alte Bekannte treffen und neue Lieben finden, kommt Bewegung ins Städtle. Und für jene, die den Abend erst gegen vier oder fünf Uhr morgens beenden wollen, gibt es eine Ü30-Party in der Volksbankmesse.


Weiter in den Sonnenkeller. Dessen Wirt, besser: Manager, ist seit nun doch schon 20 Jahren Stefan Helbig. Fasziniert schaut er auf die Massen an Menschen. „Ja, da ist heute richtig was los.“ Im Keller selbst spielen die „Baxxter Boys“: Scooter-Dance-Cover, auf Punk mit viel Rock. Ehrliche Musik mit Charme und Originalität. Als hätte HP heimlich bei Green Day angerufen. Niemand hat damit gerechnet, alle feiern es trotzdem. Bleiben ist heute keine Option: Die Nacht ruft. Man sieht sich ja wieder. „Vielleicht bei einer Neuauflage der Südstadtarena?“ Helbig lächelt verschwörerisch.
Ob es ein Geniestreich war, dass im Vorfeld kaum verraten wurde, was wo stattfinden würde, bleibt unklar. Offensichtlich wird: Die Neugier lädt dazu ein, möglichst viele der Bars und Kneipen „mitzunehmen“.




















Es geht weiter: Sind wir eigentlich gerade in Balingen oder in irgendeinem Indie-Film über das Nachtleben? Wohl beides! Im Naboo heute keine Padmé. Dann Savo. Weiter Richtung Marktplatz ins Qui. Überall die Turntables der DJs, die verzweifelt versuchen, mit dem Gesprächspegel der Besucherinnen und Besucher mitzuhalten. Plätze sind auch hier nur schwer zu ergattern. Egal: Cocktails schmecken auch im Stehen. Weiter in die MayaBay. Sogar die unbeteiligte Weggastro profitiert von der Invasion der Feierwilligen – Döner gibt’s allerdings ohne Plattenaufleger. Weitere Locations: das Alt-Balingen, Cé La Vie, Fidelio, Malino, Schmex und das Noahs.
Eine noch: Weiter noch in die „Wunderbar“. Dicht gedrängt auch hier. „Man kann sich kaum regen, aber wenn sich einer bewegt, bewegen sich alle mit. Einmal anstoßen, alle tanzen“, meint eine junge Besucherin, während sie unablässig an ihrem Drink schlürft.
Szenenwechsel: Volksbankmesse jetzt. Die abschließende „Ü30-Party“ möchte das Highlight der Barkultur Nacht sein. Nur zweimal nachfragen, ob es wirklich keinen Altersnachweis braucht, hätte wohl genügt. Drei DJ-Pulte, besetzt mit Künstlern unterschiedlichster Couleur. Im halbstündigen Wechsel sind Clubsound, Black & Hip-Hop und erwartbare Mitgrölmucke zu hören. Möbelstück und so. Die Hallenaufbauten orientieren sich technisch und gastronomisch an einer Großraumdisko. Rund 400, in der Spitze um die 500 Feiernde, finden sich hier.
Das junge Veranstalterteam rund um Daniel Coskovic zeigt sich zufrieden. „Fürs erste Mal Abschlussparty ist das vollkommen super.“ Eine Wiederholung des Ganzen im nächsten Jahr scheint bereits im Warenkorb zu liegen.
Am Ende bleibt von dieser Nacht mehr als nur der Geschmack von abgefahrenen Cocktails oder das Dröhnen und Scheppern mancher Boxen. Es ist das Gefühl, dass eine ganze Stadt unterwegs ist, sich trifft, feiert, tanzt, liebt, lacht. Balingen für ein paar Stunden Metropole: Hauptstadt der Welt, aber nur im Kopf. Aber das reicht ja.


Dieser Artikel erschien:
Am 04.10.2025 in der SÜDWEST PRESSE,
am 03.10.2025 in der Schwäbischen Zeitung