3 Wochen, 10 äußerst bemerkenswerte Bands, 2 DJs. Regen, Sturm und auch fetter Sonnenschein. Beeindruckende Orga, großartige Technik – das war der Bandsommer 2025 in Albstadt. Und heute nun: im dritten Jahr in Folge – No Change – man muss ihnen zugutehalten: Sie halten das Versprechen.
Bei freiem Eintritt sind die letzten Wochen zahlreiche Gäste auf dem Platz vor dem Albstädter Bürgerturm zusammengestanden. Keine Massen, aber durchaus viele. Sie lauschten dabei unter anderem einem nachdenklichen Tobias Conzelmann im Regen, der Jan-Reiser-Band barfuß (Jeremy, Wahnsinn!) und mit einem Bier in der Hand an einem lauen Sommerabend den unglaublichen Meister Chang aus Balingen. Veranstaltet vom Albstädter Kulturamt. Und jetzt also das Abschlusskonzert.
„Albstadt, ich will eure Hände sehen“, ruft Bandleader Michi Hess ins Mikro. „Schon wieder?“, meint eine Besucherin trocken in Hörweite. „Was will der denn immer mit meinen Händen?“ Der Himmel hat beschlossen, im restlichen Verlauf des Abends auf Gewitter und weiteren Regen zu verzichten. Wir hören „Monsta“. Hamma! Der Bürgerturmvorhof ist brechend voll – es haben sich sicher mehr als 1200 Menschen eingefunden. Die meisten wippen, wenige tanzen, manche schauen, als hätten sie versehentlich den falschen Netflix-Stream geöffnet. Besagter Michi steht auf einer Empore, sein Sangeskollege Alex tut es ihm gleich. Im Partnerlook bekleidet lassen sie unchoreografiert ihre Hüften kreisen. „Wo sind die Ladies?“, brüllt einer der beiden ins Mikro. Wenigstens keine Hände diesmal.
Der Ton des Abends ist also gesetzt, was uns in ein Dilemma führt: Wie soll man beurteilen, was man da zu sehen bekommt? Und wie wirkt das aufs Publikum? Versuchen wir es einmal so: Kennen Sie GZSZ? Der Unterschied zwischen großem Hollywood-Kino und einer Daily Soap wie Gute Zeiten, Schlechte Zeiten (eben: GZSZ) liegt im Künstlerischen. Während ganze Generationen einem Robert De Niro in Angel Heart dabei zugesehen haben, wie er teuflisch ein Ei schält, kommt die klassische Soap in der Regel ohne jede Schauspielkunst aus. Die Beteiligten heißen dort nicht umsonst schlicht „Darsteller“ und sind zumeist Laien. Staffage. Nicht Ausdruck, Kreativität oder Kunst – sondern Funktion und Repetition sind gefragt. Nichtsdestotrotz: man mag die Soap-Menschen. Auf eine ganz bizarre Art wachsen sie einem ans Herz.





Unsere Musik- und Unterhaltungsdarsteller des Abends: Angie Helfrich am Mikro. Alex Lorch, irgendwie im Schwebezustand zwischen Aushilfe und Ersatz, versucht auch zu singen. Michi Hess ist irgendwie überall, spielt manchmal Gitarre, redet, singt und will immer wieder irgendwelche Hände sehen. Christoph Lorch versucht sich solide an der Gitarre. Matthias Blaich bedient durchaus amtlich seine Drums, und für den Bass ist eine Aushilfe gebucht. Sie sind nach eigener Aussage „eine der beliebtesten Coverbands in Süddeutschland“. Ihre aktuelle Tour führt von Albstadt über Haigerloch nach Straßberg – in Gammertingen waren sie auch schon.
In schneller Abfolge werden thematisch sortierte, zusammengesteckte Songblöcke dargeboten. Zumeist ohne Solo, auf zwei Refrains (manchmal auch nur den Refrain) reduziert. Locker werden hier Nenas „99 Luftballons“ mit dem „Skandal um Rosie“ (32168) und „Major Tom“ verwoben. Man taumelt von Höhepunkt zu Höhepunkt. Erwartete Gefühle werden auf einer Videoleinwand im Hintergrund dargestellt. Und wenn man mal ein Stück doof findet, kommt superschnell schon das nächste. Beispiel „Insomnia“: im Original von Faithless – zu Beginn zieht es sich und bereitet ein Fundament, bis der markante Keyboardteil erst im letzten Drittel des Songs offenbart wird (ab Minute 2:18). Und No Change? Spielen halt nur diesen Schluss. Das ist, als hängt man seine Vorhänge bereits in den Rohbau. Wobei: Spielen? Auf, hinter und neben der Bühne stehen keine Keys. Alles, was am Abend etwas mit Synthie zu tun haben wird, kommt vom Band. Playback! Und, das ist nicht wenig. „I Feel Hardcore“ sagen Scooter. Das Publikum stört es wohl nicht.
Der "Albstädter Bandsommer" fand dieses Jahr bereits zum vierten Mal statt. Kostete er bei der Premiere noch Eintritt, so ist der Zugang heute umsonst. Vor allem Künstlerinnen und Künstlern aus der Region soll hier eine Bühne geboten werden.
Dann „L’amour toujours“, das letztjährig auf Sylt einen kleinen Skandal mit seinem widerlich hinzugereimten Text heraufbeschwor. Es ist schon eine Entscheidung, ob man das Lied heute noch spielt. Eine weitere ist es, wie ein paar Meter entfernt, den Skandaltext laut mitzusingen. Und damit ist nicht „Döp dödö döp“ gemeint.
Der Abend legt sich nun samtweich, fast zu sanft für diesen Ort, über den Bürgerturmplatz. Lichter flimmern, Stimmen verheddern sich. Alles scheint wie von einem Instagram-Filter gemalt. „Albstadt, seid ihr noch da?“ Man weiß gleichzeitig, wer und wo man ist – toll. Daneben: ein Typ mit Stones-Aufnäher. Keine Kutte – nur so ein kleiner, vorsichtiger Versuch von Rebellion. In Größe „M“. „Ich freue mich nachher auf die Rockrunde.“
Julian „Juli“ Köhnlein vom Kulturamt, vor Ort umtriebig, jederzeit ansprechbar immer gut gelaunt und verantwortlich, ist mit dem Bandsommer insgesamt sehr zufrieden: „Es ist toll zu sehen, dass sich die Veranstaltungsreihe immer weiterentwickelt und auch so gut angenommen wird.“ Ob es im nächsten Jahr wieder eine innerstädtische Konzertbühne geben wird, ist noch nicht sicher. Aber: „Die Vorzeichen stehen ganz gut.“
Wir hangeln uns musikalisch nun durch die 90er. Angie und Michi animieren: „Hände nach vorne, zweimal hüpfen, Feuerzeuge an, nochmal hüpfen, dann eskalieren – und wo sind die Ladies? Zicke-zacke Heu-heu-heu, ich will eure Hände sehen.“ Dies mit erstaunlicher Beharrlichkeit und bemerkenswertem Erfolg. Es ist Sommer, es ist Samstag, und irgendwann gibt man auf: „Ach, macht doch einfach!“ Das ist der Deal: Rummel statt Tiefgang, Glitzer statt Genialität. Manchmal wünscht man sich trotzdem einen Moment, der hängenbleibt, der berührt, der etwas gibt. Selbst der Versuch eines inbrünstigen „My Heart will Go On“ bleibt schmucklos. Egal.
Pause. Und dann Bon Jovi, AC/DC. Auch bei „We Will Rock You“ wird das Solo „vergessen“. Mehrstimmige Gesänge sind den ganzen Abend markant schräg. Monitoring Probleme? Irgendwann „Engel“, „Purple Rain“, „Hey Jude“ (nur das nana) – und dann aus. Halt, eins noch: „Ich wollte nie erwachsen sein“ von Maffay. Etwas Rumgemännere auf der Bühne, dann 23 Uhr, Lichter an.
Zum Schluss noch ein Blick auf die Kulisse und diesen letzten Bandsommerabend: „Nicht jede Bühnenshow ist ein Konzert“, meint eine Besucherin – und recht hat sie. Das obwohl, wie die Szene munkelt, durchaus erwachsene Gagen aufgerufen werden. Manchmal reichen Streaming-Dienst, Audioplayer, ein paar Animateure und ein bisschen Bling-Bling, um ein Publikum zu fesseln. No Change beweisen: Sie sind begnadete Motivatoren. Man weiß nicht wie, aber es funktioniert. Spektakel statt Kunstfertigkeit. Absolut legitim. Trotzdem bleibt die Frage: Passt ein reines Bespaßungsformat zu einem städtisch getragenen Kulturevent wie dem Bandsommer? Vielleicht sollten Vereine und freie Veranstalter hier den Vortritt haben – allein der Subsidiarität und der Sponsoren wegen. In einer Stadt, die Kultur großschreibt, darf man mehr erwarten als Flackerlicht und Halb-Playback. Also möchte der Kulturjunkie laut und energisch dazu auffordern: Please Change!

Dieser Artikel erschien:
Am 20.08.2025 in der SÜDWEST PRESSE