Social Media – dieser gigantische Emotionsstaubsauger mit zu viel Koffein in den Adern. Am Ende läuft alles in den sozialen Medien über Sofortemotionen. „Da eine Nachricht, die mich nervt.“ Kommentieren. „Dort eine falsche Einlassung.“ Kommentieren. Und sowieso: „Sollte ich nicht kurz ein mehrseitiges Elaborat mit meiner Meinung zum Leben, zum Universum und dem ganzen Rest schreiben?“ Herzlichen Glückwunsch!

Froh bin ich, dass ich das Zitat aus der Überschrift, das dem römischen Philosophen Boethius (irgendwann um 500 n. Chr. – lange vor Precht) zugeschrieben wird, vor Jahren nach einer Vernissage – trotz einiger Aperol zu viel – im Kopf behalten konnte. Es meint übersetzt: „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Zugespitzt: Wenn du einfach mal die Klappe gehalten hättest, wärst du immer noch der smarte Typ, für den dich alle hielten. Jetzt nimmer.

Seitdem mein Trick: einfach drüber schlafen. Immer, wenn es etwas zu sagen oder zu bemerken gäbe, lasse ich bewusst Zeit vergehen. Um festzustellen: War das jetzt nur jugendlicher Eifer in mir, oder bedarf es tatsächlich einer Äußerung? Und siehe da: funktioniert. Sogar erstaunlich gut.

Ok, manchmal muss man schnell den roten Stift zücken – wenn jemand beispielsweise meint, Hitler sei Sozialist gewesen, muss diese Falschparkerin an der Geschichte sofort markiert werden. Aber manchmal braucht’s einfach: Distanz. Zeit.

Seither freue ich mich immer auf ein kleines Spiel, wenn ich Postings oder Kommentarspalten auf Facebook, Instagram und LinkedIn durchschaue: „Kein Philosoph mehr. Auch keiner. Der da? Ach komm, nie im Leben.“